Unsoziale Brandwirtschaft

Brands werden zurecht dafür kritisiert, wenn sie Engagement nur performen, statt sich wirklich zu engagieren. Leider ist diese Diskrepanz selten so offensichtlich wie etwa bei L’Oréal oder der NFL. So schrieb VICE schon letzte Woche:

The posts have served to highlight the messy hypocrisy that often results when brands attempt to show support for a cause without taking a look in the mirror first.

Über Retainer abzurechnender oder sogar inhouse produzierter Social-Media-Content ist eben billig, da ist man als Marke schnell dabei – die ganzen Redaktionspläne für Instagram, Facebook und Twitter wollen ja auch befüllt werden. Und Haltung zeigen ist eh gerade angesagt.

Man kann sich gerne mal fragen, welches Unternehmen denn nicht ganz so locker sitzendes Mediabudget dafür ausgegeben hat, so eine Botschaft unter die Konsumenten zu bringen. TVCs und 1/1 AZs dazu sind mir jedenfalls nicht untergekommen. Oder man hätte seine regulären Schaltungen zumindest am #BlackoutTuesday aussetzen und das so eingesparte Geld sinnvoller einsetzen können.

Ich mag diese ständig sich erweiternde Liste von Fashionista, was Marken denn nun wirklich angesichts der Proteste gegen Polizeigewalt unternehmen. Ja, wir reden hier in erster Linie über Spenden. Put your money where your mouth is – sowas hätte ich gerne umfassender über die Mode- und Beauty-Indistrie hinaus. Das gibt’s doch sicher irgendwo? Würde mich besonders für die Lebensmittelbranche interessieren.

Es heißt nicht umsonst: Tue Gutes und rede darüber. Nicht: Rede darüber, Gutes zu tun.

Im Herdentrieb kann sich ein Marketing gehörig vergaloppieren. Die berühmt-berüchtigte 2016er Pepsi-Werbung mit Kendall Jenner dient als Aufhänger für den Jacobin-Text, aus dem folgendes Zitat stammt (Fettung von mir):

Der unwiderstehliche Reflex großer Marken, auf medienwirksame Kämpfe aufzuspringen, offenbart die Probleme der Kommerzialisierung sozialer Gerechtigkeit sowie der Annahme, dass der freie Markt für alle Missstände von der Armut bis hin zur rassistischen Diskriminierung eine Lösung hätte – selbst dann, wenn die einzelnen Firmen Teil des Problems sind.

Dass die oben erwähnten Spenden an sich schon das Problem sind, würde hier zu weit führen. Wenn Unternehmen ordentlich Steuern zahlen und Regierungen diese Gelder solidarisch einsetzen würden, hätten Marken quasi gar keine Möglichkeit, sich als gesellschaftlich wertvoll zu inszenieren. Die sozialen Netzwerke laden Marken geradezu dazu ein, sich kumpelhaft bei der potenziellen Käuferschaft anzubiedern. Dabei ist nicht wichtig, daß Marken Deine Freunde sind. Die wichtige Frage lautet, ob sie Verbündete sein können.

If food brands really wanted to stand for change, they would provide living wages, benefits, healthcare; they would protect their workers and their rights; they would allow dissent and unions; they would fight for sustainability, environmental justice, immigration reform. It would mean ceasing the millions spent lobbying and influencing policymakers to protect companies from having to do those things.

„Authentisch“ sein, das war vor „Haltung“ das Buzzwort der Werbebranche. Insofern finde ich das Verbot für Starbucks-Mitarbeiter, bei der Arbeit Support-Bekundungen für Black Lives Matter zu tragen, fast schon wieder wenigstens ehrlich. Wenn natürlich auch aus den falschen Gründen.

BAHLSENNHEISER

Wollte erst über die perfekte Symbiose von krachbissigen Keksen und Noise Cancelling Headphones schreiben und wie das ja geradezu nach Brand-Collaboration und Marken-Crossover schreit. Aber dann fiel mir ein: Die sind ja von Leibniz. Wo kriege ich jetzt – um die Idee zu retten – einen Kopfhörerhersteller her, dessen Name auf „lei“ endet oder mit „Niz“ anfängt? Bis mir bei der Recherche aufgefallen ist, daß Leibniz-Kekse eine Produkt der Firma Bahlsen sind. Und jetzt?

In Shop gemeißelt

Leseliste zu Offline-Geschäften, komme gerade nicht dazu, etwas darüber zu schreiben. Statt eines ausufernden Kommentars hier also einfach die Links:

Ziegel & Mörtel klingt im Deutschen auch nicht besser als ❝stationärer Handel❞.

Money in Mode

Schon vor einiger Zeit den Artikel „Payment instalments are now a fashion marketing play“ gelesen, darin geht es um die Zahlungsmöglichkeiten in Onlineshops. Das werden immer mehr, neben Kreditkarte und PayPal tauchen da nun Services wie Klarna auf bzw. drängen aggressiv auf den Markt. Bei allen handelt es sich um sogenannte Laterpay-Optionen – Kunden bekommen gegen Gebühr die Möglichkeit, den Rechnungsbetrag später zu bezahlen oder in Raten gestückelt. Shoppen auf Pump, wenn man ehrlich ist.

Modemmarken sind die Speerspitze dieser Entwicklung, besonders nicht gerade lebensnotwendige Luxusartikel leistet man sich vielleicht eher nebenher, wenn man sie nicht sofort und auf einen Schlag bezahlen muß. Kein Wunder also, daß Fashion-Brands die Implementierung solcher Services als Marketinginstrument begreifen, senkt das Anbieten doch bei vielen die Kaufschwelle. Klarna, Afterpay et al. wiederum tun momentan viel, um nicht nur ihre Userzahlen, sondern in erster Linie ihre Sichtbarkeit zu erhöhen. Warum?

In 2019, payments-related companies accounted for $12 billion of the total $40 billion in financial tech funding in 2019, tripling in the last five years.

Stimmt das wirklich? Die entscheidende Frage ist wahrscheinlich, was alles zu „financial tech“ dazugezählt wird und was nicht. Aber mehr als ein Viertel investiert in verschleierte Kreditanbieter finde ich schon ziemlich erschreckend. Das hat für mich nichts mehr mit digitalem Fortschritt zu tun. Wenn man dann noch im Artikel liest, daß vor allem junge Leute darauf anspringen, sortiert man diese Entwicklung irgendwo zwischen convenienter Schuldenfalle und Abzocke as a Service ein.

Am Rande des Nervenzusammenbesuchs

Knoblauch kommt auf eine Werbeagentur zu und braucht einen Claim. Eine Strategie-Empfehlung von irgendeiner renommierten Consultingfirma hat er sich schon andrehen lassen, ihn als „verbesserten Lauch“ zu positionieren.

Also liefert die Agentur nach zwei internen Abstimmungen im ersten Wurf eine DIN-A4-Seite mit etwa zehn Claimvorschlägen wie „Knob – Lauch 2.0“, „Knob – der bessere Lauch“ und „Mehr Lauch geht nicht“.

Vor dem Kundenfeedback bin ich dann zum Glück aufgewacht.