Keine Befehle, aber…

Hinweise und Anregung zu zwei in den letzten Woche mit Gewinn gelesenen Artikeln. Der erste aus der auch sonst meist sehr einsichtigen Vox-Rubrik „The Goods“:

The current state of alt fashion is the outcome of 2020s late-stage capitalism’s limitless manufacturing possibilities and a veritable ocean of content, inadequately sourced and dated thanks to a Tumblr- and Pinterest-inspired archival conundrum.

Is anything cool anymore? hat nicht nur so name-dropping Besserwisser-Shit zu bieten, sondern liefert auch schlagwörtlich ein paar quotable Oneliner wie die hier:

Today, our particular likes are even more than a shorthand for an identity, they are the identity itself.

The great American cool is nearly dead, slipping out of the grasp of Gen Z, who seem too busy being themselves to care.

Consumer identity is old news when everything is cheap and available, and everyone is buying.

Und noch einer: Real Life über „the cost of frictionless shopping“, den Landfraß der durch eCommerce boomenden Logistikbranche:

It has little to do with aesthetics. Rather its function is obfuscation, a wager that the less consumers see, the less they care — about labor practices, environmental damage, the commodification of land (…) the tech industry prefers that we imagine a sci-fi world dominated by algorithms and AI, automated and robotic, than see the reality of human labor powering it.

A Shopper’s Heaven

Morallyestreifen

Das Jacobin Magazin habe ich als Printversion bisher nicht abonniert, aber ich lese es online recht gerne. Hängengeblieben sind dabei in letzter Zeit Zitate aus zwei Artikel.

Bio- und Naturkostläden sind voll von Leuten, die High-Tech Sportkleidung tragen, ohne dass Schweiß in Sicht ist. Diese Kleidung kennzeichnet ihre Träger als die Art von Menschen, die sich um ihren Körper kümmern, auch wenn sie gerade nicht trainieren. Yogahosen und Laufschuhe repräsentieren Tugenden ebenso sehr wie die Korsettkleider der Ehefrauen des 19. Jahrhunderts.

Diese ersten beiden aus „Viktorianer des 21. Jahrhunderts“ über die (Nicht-)Entwicklung der Moral.

Weil Kalorien billiger geworden sind, wurde Fettleibigkeit von einem Zeichen des Reichtums zu einem Zeichen des moralischen Versagens. Ungesund zu sein ist heute ein Kennzeichen der Begierde der Armen, genau wie es die Sexualmoral der Arbeiterinnenklasse im 19. Jahrhundert war.

Und aus dem Artikel „Stadtplanung für Größenwahnsinnige“ über den nicht zu unterschätzenden Einfluß des Computerspiels SIM CITY auch auf das reale Leben:

Wenn die Steuern zu lange zu hoch sind, werden die Bewohnerinnen deine Stadt möglicherweise massenweise verlassen. Außerdem stören sich reiche Sims mehr an hohen Steuern als solche mit mittlerem oder niedrigem Vermögen.

Sehr hellsichtig von den Programmierern.

Sauber zitiert

Wenn man sich das gesamte taz-Interview mit den zwei Gründerinnen über ihr Putz-Start-up durchliest, klingt das gar nicht schlecht. Allerdings gibt es die eine oder andere Stelle, die einem dann doch übel aufstößen können.

Wenn mich auf Partys hippe Leute fragen, was ich beruflich so mache, dann mache ich mir manchmal den Joke und antworte: „Ich gehe putzen.“

Da versucht man es mal mit Ehrlichkeit und dann lassen sich einzelne Sätze so unschön aus dem Zusammenhang reißen.

Unsere Reinigungskraft hat uns damals inspiriert. Wir ­hatten privat beide dieselbe, eine tolle Frau aus Marokko, die sich aber nicht anstellen lassen wollte, weil sie ihre marokkanische Familie mit dem Einkommen aus der Schwarzarbeit unterstützte.

Liegt aber wohl auch daran, daß mir diese Entrepreneur Culture mit ihren ganzen „Businessplänen“ und „Learnings“ gründlich auf die Nerven geht.

Filed under: Health Signaling

Zitate/Links 06/2020

Hier einige Lesetipps, die sich in letzter Zeit angesammelt haben, ohne dass ich sie bereits auf Social gepostet hätte:

Weiße Menschen sprechen nicht gerne über Rassismus und tun viel dafür, das Thema von sich fernzuhalten. Viele sagen, sie sind es so müde, darüber zu reden – dabei haben wir noch gar nicht richtig damit angefangen. Das was müde macht, ist, das Thema andauernd zu ignorieren.

Identitäten – Warum weiße Menschen so gerne gleich sind (DLF) ist quasi der Einführungskurs einsichtige Anfänger, weiter geht es mit aktuellen Bezügen in Er zählt (Spiegel). Und weil es zu einfach ist, sich über Polizeirassismus in den USA aufzuregen, hier ein deutscher Podcast zu Oury Jalloh (WDR).

The shirt-wearers are usually adherents of accelerationism, a strange marriage of Marxism and neo-Nazism which holds that the contradictions of the economic and political order will cause it to collapse.

Why some protesters in America wear Hawaiian shirts (The Economist)

For a time, owning an Amazon Coat one was like knowing a secret; there is cultural capital in finding a garment that outsmarts the status quo. But once the market became saturated with awareness of the coat, which is made not by Amazon but by the Chinese company Orolay, wearing one became a signifier of trying too hard to not be trying, of pantomiming authenticity — of being a poser.

This is a post about post-normcore (The Outline)

Fast alle Männer, die ich kenne, begreifen sich als politische Menschen, aber nur die wenigstens davon begreifen auch ihr Dasein als Vater politisch.

Care-Arbeit: Gleichberechtigung muss wehtun (Die Zeit)

Wird auch Zeit

Aus dem leidlich selbstreflexiven Artikel „Konsum: Brauch‘ ich das?“ dreier Zeit-Redakteure. Darin finden sich noch mehr lesenswerte Sätze wie diese beiden:

Das Kaufen unnötiger Gegenstände war ja von jeher ein mystischer Akt und deshalb auch etwas fragil, kein natürlicher Impuls, sondern ein produziertes Bedürfnis, eigentlich nur möglich, solange es eben alle anderen auch taten und solange man nicht groß darüber nachdachte. Oder das Denken der Werbung überließ, die zwar jeweils nur zu einem Produkt verführen will, in der Summe aber fürs Konsumieren als solches wirbt, die täglich, sekündlich einen ökonomischen Phantomschmerz erzeugt.

Wenn man sich vor Augen führt, daß sowas ja für die eigene Leserschaft (sprich: Zielgruppe) geschrieben wird, dann passt es wieder halbwegs. Was das dann mit dem Claim der neuen neuen Claim der Zeit zu tun hat, weiß ich allerdings nicht.