Ein hinreißender Tag

Gestern war ich noch ein bißchen stolz, etwas nicht getwittert zu haben, und gerade im Park sagt dann jemand „Am Mittwoch war Internationaler Hurentag“ und natürlich habe ich da die Einladung angenommen, indem ich erwidert habe „Es war auch der Namenstag u.a. unseres Landesvaters, des CDU-Vorsitzenden Armin L.“ und jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es wirklich stimmt, daß die Leute sich online zu Äußerungen hinreißen lassen, die ihen IRL nie über die Lippen kämen.

Ich möchte mich hiermit in aller Form bei sämtlichen Sexworkerinnen entschuldigen.

Wie den Qualm zum Atmen

Seit Jahren, seit mein Sohn geboren ist und man in Kneipen nicht mehr darf, bin ich ein totaler Draußenraucher gewesen. Zwei auf dem Weg zur Arbeit, zwei in der Mittagspause, zwei auf dem Heimweg. Das hat meist den ganzen Tag über gereicht. Keine Frühstückskippe zuhause, keine Raucherpausen im Büro. Den Sommer über sowieso abends viel draußen oder auf dem Weg zu bzw. von Verabredungen – genug.

Und jetzt sitze ich seit 15 Monaten nur noch zuhause, tagsüber im Homeoffice und abends auf dem Sofa. Und immer öfter stehe ich dazwischen an unserem geöffneten Küchenfenster – und rauche. Wir haben keinen Balkon, also ist dieses eine Fenster zum Rauchplatz auserkoren worden. Ich rauche nicht unbedingt mehr als vorher, aber eben anders. Nicht so stoßweise, mehr über den Tag verteilt. Gefällt mir nicht unbedingt besser.

Aber das ist ja wohl bald wieder vorbei.

Heldentatsächlich

Kann man so sagen, muß man vielleicht sogar. Weil es ja die Wahrheit ist.

Aber wie sie dann alle darauf einprügeln. Fühlen sich angegriffen, weil in der Bude hocken und nichts tun einen eben nicht zum Helden macht, auch wenn die Werbung ihnen das versprochen hat. Da hilft auch kein selbstvergewisserndes Schulterklopfen privilegierter Home-Officers, während sie mantra-artig „Action Bias“ vor sich herwiederholen.

Denn natürlich schwingt bei „keine Leistung“ ein gewisser Unterton mit. Es ist nicht bloß Beschreibung der Situation, sondern klingt wie ein Vorwurf. Und weil besonders Social Media kaum Dazwischen zulässt, finden sich schnell ein paar Clicktivisten, die sich diesen Schuh auch gerne anziehen. Dabei muß man gar nicht systemrelevant sein, um als unverzichtbar angesehen zu werden. Bzw. sich selbst dafür zu halten. Wenn man schon nicht an der Impforganisation oder in der Intensivstation direkt mitarbeitet und Corona an vorderster Front bekämpft, dann wenigstens jeden Tag einen neunmalklugen Tweet ablassen, um sich auf der richtigen zu Seite zu wissen.

„You’re either part of the solution or you’re part of the problem. There is no middle ground.“

Ich habe immer gedacht, der Spruch sei aus einem Rambo-Film. Jetzt überlege ich, warum Holger Meins den Satz zu „entweder du bist ein teil des problems oder du bist ein teil der lösung“ bei der Übernahme von Eldridge Cleaver umgedreht hat.

Und wie hängt das mit Kirchenvater Augustinus zusammen?