Der Stoff, aus dem die Wunschvorstellungen sind

Ich bin bisher scheinbar dem Irrtum aufgesessen, die Marke Gucci hätte etwas mit Kleidung zu tun. Bis ich heute auf deren Webseite ein Video gesehen habe, in dem es keine Textilien oder Accessoires zu sehen gibt, sondern ausschließlich schöne Naturaufnahmen.

Dabei ist das Modeunternehmen Gucci – vor 99 Jahren in Florenz gegründet – nicht nur die meistverkaufte Luxusmarke weltweit, sondern auch die größte italienische Marke überhaupt.

Gucci ist rund 13 Mrd. Euro wert und gehört mittlerweile dem Luxusgüterkonzern Kering. 2017 hat die Marke 4,7 Mrd. Dollar umgesetzt, davon 55 % mit Lederwaren. Um immer weiter zu wachsen, hat das Label zuletzt eine Kinderlinie auf den Markt gebracht.

Nun hat Gucci laut Eigenaussage mit Off The Grid ein paar Produkte „für den umweltbewussten Lebensstil entworfen, der die Verwendung von recycelten, regenerierten, ökologischen und nachhaltig bezogenen Materialien in den Fokus rückt.“ Und posaunt in bester Greenwashing-Manier eine „Mission“ heraus, in der profane Produkte wie Kleider und Taschen mit keinem Wort erwähnt werden. Es geht auch nicht um Eleganz oder den Ausdruck von Individualität, nein.

Ganz so, als ob das vor gar nicht allzu langer Zeit von einem Blackfacing-Skandal gebeutelte Unternehmen als nicht unerheblicher Teil des modisch-industriellen Komplexes rein gar nichts damit zu tun hätte, daß in der Dritten Welt Kinderhände weiter fleißig daran nähen, damit die Bekleidungsindustrie auch im nächsten Jahr mehr Treibhausgasemissionen als alle internationalen Flüge und Schiffe zusammen verursacht.

Unsoziale Brandwirtschaft

Brands werden zurecht dafür kritisiert, wenn sie Engagement nur performen, statt sich wirklich zu engagieren. Leider ist diese Diskrepanz selten so offensichtlich wie etwa bei L’Oréal oder der NFL. So schrieb VICE schon letzte Woche:

The posts have served to highlight the messy hypocrisy that often results when brands attempt to show support for a cause without taking a look in the mirror first.

Über Retainer abzurechnender oder sogar inhouse produzierter Social-Media-Content ist eben billig, da ist man als Marke schnell dabei – die ganzen Redaktionspläne für Instagram, Facebook und Twitter wollen ja auch befüllt werden. Und Haltung zeigen ist eh gerade angesagt.

Man kann sich gerne mal fragen, welches Unternehmen denn nicht ganz so locker sitzendes Mediabudget dafür ausgegeben hat, so eine Botschaft unter die Konsumenten zu bringen. TVCs und 1/1 AZs dazu sind mir jedenfalls nicht untergekommen. Oder man hätte seine regulären Schaltungen zumindest am #BlackoutTuesday aussetzen und das so eingesparte Geld sinnvoller einsetzen können.

Ich mag diese ständig sich erweiternde Liste von Fashionista, was Marken denn nun wirklich angesichts der Proteste gegen Polizeigewalt unternehmen. Ja, wir reden hier in erster Linie über Spenden. Put your money where your mouth is – sowas hätte ich gerne umfassender über die Mode- und Beauty-Indistrie hinaus. Das gibt’s doch sicher irgendwo? Würde mich besonders für die Lebensmittelbranche interessieren.

Es heißt nicht umsonst: Tue Gutes und rede darüber. Nicht: Rede darüber, Gutes zu tun.

Im Herdentrieb kann sich ein Marketing gehörig vergaloppieren. Die berühmt-berüchtigte 2016er Pepsi-Werbung mit Kendall Jenner dient als Aufhänger für den Jacobin-Text, aus dem folgendes Zitat stammt (Fettung von mir):

Der unwiderstehliche Reflex großer Marken, auf medienwirksame Kämpfe aufzuspringen, offenbart die Probleme der Kommerzialisierung sozialer Gerechtigkeit sowie der Annahme, dass der freie Markt für alle Missstände von der Armut bis hin zur rassistischen Diskriminierung eine Lösung hätte – selbst dann, wenn die einzelnen Firmen Teil des Problems sind.

Dass die oben erwähnten Spenden an sich schon das Problem sind, würde hier zu weit führen. Wenn Unternehmen ordentlich Steuern zahlen und Regierungen diese Gelder solidarisch einsetzen würden, hätten Marken quasi gar keine Möglichkeit, sich als gesellschaftlich wertvoll zu inszenieren. Die sozialen Netzwerke laden Marken geradezu dazu ein, sich kumpelhaft bei der potenziellen Käuferschaft anzubiedern. Dabei ist nicht wichtig, daß Marken Deine Freunde sind. Die wichtige Frage lautet, ob sie Verbündete sein können.

If food brands really wanted to stand for change, they would provide living wages, benefits, healthcare; they would protect their workers and their rights; they would allow dissent and unions; they would fight for sustainability, environmental justice, immigration reform. It would mean ceasing the millions spent lobbying and influencing policymakers to protect companies from having to do those things.

„Authentisch“ sein, das war vor „Haltung“ das Buzzwort der Werbebranche. Insofern finde ich das Verbot für Starbucks-Mitarbeiter, bei der Arbeit Support-Bekundungen für Black Lives Matter zu tragen, fast schon wieder wenigstens ehrlich. Wenn natürlich auch aus den falschen Gründen.