Bitte nicht Chanel Couture mit Cancel Culture verwechseln

Was soll ich noch zum Sommerlochthema sagen, wenn Margarete Stokowski im Spiegel doch schon fast alles WRichtige geschrieben hat? Halte ich die Klappe? Nein. Ich könnte ja meinen spezifisch werbeweltlichen Senf zur Abkanzelungskultur dazugeben.

Es hat schon immer ein paar Regelungen und Verbote gegeben, an die Werbung sich zu halten hat. Wettbewerbsverzerrung ist nicht okay, Alkohol- und Zigarettenwerbung nur an bestimmten Orten und nicht an Kinder. Grob lügen geht auch nicht, aber beschönigen geht in Ordnung. Wenn einen nicht gerade die Konkurrenz anschwärzte, hatte man wenig zu befürchten – höchstens eine Rüge vom Werberat wegen sexistischer Botschaften. Und die ist als provokativer Möchtegern-Multiplikator oft mit eingeplant.

Ich habe das Gefühl, hier ändert sich etwas. Und ich rede hier nicht über letztendlich geschmäcklerische Shitstorms auf Social Media. Da wird sich hinterher entschuldigt, niemand nimmt einem diese Entschuldigung ab und zwei Wochen später interessiert es nicht mehr. Ich meine gefühlt häufigere Werbeverbote, hier einige Beispiele aus letzter Zeit:

Es ist allerdings keine Richtung erkennbar, gecancelt wird sowohl aus progressiven wie auch reaktionären Gründen. Das ist wahrscheinlich je nach Land und Behörde unterschiedlich gewichtet. Blöd nur, daß beides dann auf die Legende einzahlt, man dürfe ja nichts mehr sagen.

Der Stoff, aus dem die Wunschvorstellungen sind

Ich bin bisher scheinbar dem Irrtum aufgesessen, die Marke Gucci hätte etwas mit Kleidung zu tun. Bis ich heute auf deren Webseite ein Video gesehen habe, in dem es keine Textilien oder Accessoires zu sehen gibt, sondern ausschließlich schöne Naturaufnahmen.

Dabei ist das Modeunternehmen Gucci – vor 99 Jahren in Florenz gegründet – nicht nur die meistverkaufte Luxusmarke weltweit, sondern auch die größte italienische Marke überhaupt.

Gucci ist rund 13 Mrd. Euro wert und gehört mittlerweile dem Luxusgüterkonzern Kering. 2017 hat die Marke 4,7 Mrd. Dollar umgesetzt, davon 55 % mit Lederwaren. Um immer weiter zu wachsen, hat das Label zuletzt eine Kinderlinie auf den Markt gebracht.

Nun hat Gucci laut Eigenaussage mit Off The Grid ein paar Produkte „für den umweltbewussten Lebensstil entworfen, der die Verwendung von recycelten, regenerierten, ökologischen und nachhaltig bezogenen Materialien in den Fokus rückt.“ Und posaunt in bester Greenwashing-Manier eine „Mission“ heraus, in der profane Produkte wie Kleider und Taschen mit keinem Wort erwähnt werden. Es geht auch nicht um Eleganz oder den Ausdruck von Individualität, nein.

Ganz so, als ob das vor gar nicht allzu langer Zeit von einem Blackfacing-Skandal gebeutelte Unternehmen als nicht unerheblicher Teil des modisch-industriellen Komplexes rein gar nichts damit zu tun hätte, daß in der Dritten Welt Kinderhände weiter fleißig daran nähen, damit die Bekleidungsindustrie auch im nächsten Jahr mehr Treibhausgasemissionen als alle internationalen Flüge und Schiffe zusammen verursacht.