Ossis sind die neuen Frauen

Zum und nach dem Mauerfall-Jubiläum jede Menge Ostversteher unterwegs. Denen sind jetzt zur Abwechslung in der Zeit mal die Leviten gelesen worden.

Man gewinnt den Eindruck, dass zwischen Berlin-Marzahn und Bitterfeld, Görlitz und Gardelegen posttraumatische Belastungsstörungen den Minderwertigkeitskomplex als schlimmstes Ostleiden abgelöst haben. Plötzlich hat jeder viel oder gar alles verloren.

Autorin Maren Hobrack ist damit auf einem guten Weg, die nächste Ronja von Rönne zu werden. Zumindest klingt mir der Nestbeschmutzer-Vorwürfelhusten schon in den Ohren.

Inzwischen wurden wohl schon alle Ostdeutschen mindestens dreimal zur Lage in ihrem Bundesland interviewt. Hätten ZDF, ARD und die Privaten jedem Ossi, den sie samt Funktionswetterjacke vor eine laufende Kamera zerrten, hundert Mark, äh, Euro in die Hand gedrückt – der ostdeutsche Rückstand in Sachen Kaufkraft wäre aufgeholt.
Wirklich jeder, der irgendwie ostdeutsch ist oder mal am Leipziger Hauptbahnhof stand, wird nun zum Experten für die ostdeutsche Seele. Viele Autoren können endlich, endlich eine Marke aus ihrem Ostdeutschsein machen. Hey ho, man nennt das Identitätspolitik.

Ach ja: Außerdem #TeamSchnibben.

The client is strong in this one.

Pixelparks Timm Weber darüber, wie Postings in der Timeline die neuen Plakate geworden sind – und dann leider doch nicht:

Beim diesjährigen ADC Festival gab es eine spezielle Kategorie, sie nannte sich Einzelpostings. Es gab nicht einmal zehn Einreichungen und nichts zum Auszeichnen. Warum ist das so? Warum sind Postings nicht die neuen 18/1-Motive, die Kreative zu Bestleistungen und zu immer mehr Originalität motivieren? Warum sehen wir hier nicht perfekt verdichtete digitale Ideen? Kaum eine Idee sticht im Newsfeed wirklich heraus. Alle scheinen nach den gleichen Wirkkriterien optimiert, alle versuchen alles richtig zu machen.

Social-Media-Manager sind eben keine Kreativen. Zur Verteidigung muß man allerdings sagen, daß Facebook und Instagram mit ihren Forderungen nach Always-on-Content nicht wirklich mit klassischen Werbekampagnen zu vergleichen sind. Man braucht aber nicht gleich reflexartig auf „Data“ und „Targeting“ schimpfen; die Gründe sind meines Erachtens andere.

Einerseits Masse vs. Klasse. Andererseits, der Backchannel. Die Bereitschaft, mit einem Posting anzuecken, sinkt eben, wenn alle Welt direkt darunter einen Kommentar ablassen kann. Und die Angst vor einem Shitstorm potenziert sich eben von 4-5 Kampagnenmotiven zu einem vollgestopften Redaktionplan mit vielen Dutzend Assets.