Screenshots & Zitate

Falls Ihr BOBBY&CARL nicht kennt, eins vorweg: It’s „a joint venture between thyssenkrupp and the agency group thjnk, combining the communication needs of a large multinational with the communication expertise of every type.“ Soweit die Selbstbeschreibung auf ihrer Website. Von dort stammen auch sämtliche Screenshots in diesem Post.

Die Wikipedia schreibt: „thyssenkrupp ist auch ein großer Waffenhersteller. Der Umsatz mit Rüstungsgütern – vor allem U-Boote und Marineschiffe – belief sich 2012 auf 1,5 Milliarden Dollar.“

Wir reden hier nicht über die bekannten Luxusreisen, Schienenskandale und wiederholten Kartellprobleme. Wir reden über Waffen.

Und da schreckt thyssenkrupp auch nicht vor Kungeleien mit Erdogan zurück, um ein paar U-Boote mehr zu verkaufen. Wie ein Manager dieser Firma auch nur einen einzigen Augenblick glauben konnte, er bekäme als Waffenhändler einen Friedenspreis verliehen, ist mir schleierhaft.

Wie man an den markigen Worten von Bobby & Carl sieht, macht sich das Agentur-JointVenture dahingehend keinerlei Illusionen. Soll man dessen Ehrlichkeit jetzt loben? Sie nötigt mir immerhin Respekt ab. Zum ersten Mal denke ich allerdings bei einer dieser in Mode gekommenen customized agencies nicht: Das ist die Kröte, eine Kreativschmiede schlucken muss – sich im Austausch für wirtschaftliche Planbarkeit und Sicherheit, um den Kunden enger an sich zu binden, teilweise zu einer ausgelagerten Marketingabteilung zu degradieren. Oder vielleicht wird manchmal so die branchenübliche Vertragsklausel ‚Konkurrenzauftragsausschluß‘ umgangen, bestenfalls.

Stattdessen denke ich erstmals: Da will sich jemand nicht die Finger schmutzig machen. Was wahrscheinlich nicht stimmt. Wer beispielsweise liefert Audi Stahl? Es drängt sich trotzdem auf.

Als Karen Heumann noch nicht Geschäftsführerin und Sprecherin des Vorstandes bei thjnk gewesen ist, hat sie der Zeit ein Videointerview gegeben. Ab 01min 08sek hört man da ihre Antwort auf die Frage: Gibt es Unternehmen oder Institutionen, für die sie nicht arbeiten würden?

„Ja, und das ist innerhalb der Agentur, in der ich jetzt arbeite, Jung von Matt, auch so, daß man sowieso nicht für Dinge, Menschen, Services und so weiter arbeiten muß, wenn man es nicht will. Also es gibt bei uns Teams oder Leute, die sagen ‚Ich arbeite nicht für Zigarette oder ich arbeite nicht für irgendjemanden, der in irgendeiner Form Kriegsrüstzeug herstellt.‘ Das mal grundsätzlich, d.h. jeder hat bei uns die Freiheit zu sagen ‚Das mache ich nicht.‘ Und da wird auch nicht lange diskutiert, das wird dann auch akzeptiert. Grundsätzlich arbeiten wir nicht für politische Parteien und nicht für Rüstungsindustrie.“

„Alles Große beginnt mit einem freien Gedanken.“ schreiben die deutschen Großwerber Trautmann, Jochum, Heumann anläßlich der Gründung von thjnk 2012 großspurig. Wo soll das nur hinführen?

Super Weihnachtsmarkt

Nun ist der große Hype um den Weihnachtsspot von Edeka vorbei. Stand heute 16:00 Uhr hat das Ding über 40 Mio. Views auf YouTube, berichtet worden ist über den Viralhit sogar im fernen Amerika. Und dann gibt es da jetzt noch den TVC vom Supermarkt-Konkurrenten REWE. Wenn Sie bitte mal schauen mögen:

Was gab es im Vorfeld für ein Bohei um REWEs Agenturwechsel. Statt Heimat ist nun thjnk für die Kommunikation der Handelskette zuständig. Und liefert mit dem ersten Spot wie der direkte Wettbewerber ebenfalls eine gefühlvolle Arbeit ab – so gehört es sich schließlich für die Jahreszeit und das Familienfest der Liebe.

Aber um wieviel altbackener, vorhersehbarer kommt diese Werbung daher. Es muß ja nicht immer einer total provokante Idee sein, doch auch die Umsetzung ist etwas langweilig geraten: von den Darstellern bis zur musikalischen Untermalung. Das Übelste in meinen Augen jedoch: die verantwortliche Agentur sieht sich offenbar genötigt, auf Facebook in Eigenregie Werbung für seine Werbung zu schalten. Uh.

Screenshot 2015-12-11 15.50.26

Durch den direkten Vergleich ist die Arbeit von Jung von Matt für Edeka noch mehr im Kurs gestiegen, wie mir scheint.

Manchmal klappert’s

Und manchmal nicht. Das gehört zum Handwerk. Beispiel gefällig? Hier, Edeka/JvM haben ja in letzter Zeit einiges richtig gemacht: Kiffer, Supergeil, Kassenschlagermusik. Wobei die letzte Nummer schon nicht mehr ganz mein Fall gewesen ist; etwas zu gewollt, bißchen zu gestellt und ein ganzes Stück zu lang. Doch wenn man soviel Arbeit in eine Sache gesteckt hat, dann vertragen sich Stolz und Schere eben schwer. Letztendlich ist das Geschmackssache, ich bin ohnehin nicht so der Freund von Weihnachtskitsch.

Daß der neue Spot mit Scooters H.P. Baxxter sowas von drüber ist, steht aber wohl bei jedem außer Frage. // Andere Baustelle // Dann liest man diesen Artikel und denkt auf der Hälfte der Lesestrecke (also nach Anblick des ersten Videos): „Für diese Durchschnittsware mussten zwei renommierte Agenturen ein eigenes JointVenture Gründen?“ Bis ich mir den zweiten Spots fürs Kino angesehen habe. Der ist wirklich so gut, daß ich mir die Wortspielclownerei mit ‚Lachnummer‘ spare.

Ad of the Day: McDonald’s Refreshes ‚I’m Lovin‘ It‘ and Suddenly Feels a Lot Like Oreo | Adweek

Dumm gejoggt.

Vorlauf // Daß es die Commerzbank durch die Finanzkrise ziemlich erwischt hat, zeigt eine schnelle Googlesuche. Das nur zur Einordnung.

Schon wieder THJNK. Die Agentur hat laut eigener Aussage auf ihrer Referenzseite „eine Kampagne (entwickelt), mit der sich eine Bank auf die Seite ihrer Kunden stellt. Eine Kampagne, die eine selbstkritische, aber ambitionierte Haltung beweist.“ Oder mit den Worten aus dem Voiceover des TV-Commercials dazu:

Woran liegt es, daß man den Banken nicht mehr vertraut? (…) Wir haben etwas getan, was für uns bisher vielleicht nicht typisch war. Wir haben die Gründe bei uns gesucht. Und uns gefragt: Braucht Deutschland noch eine Bank, die einfach so weitermacht? Ober brauchen wir eine Bank (…), die ihre Berater nicht belohnt, wenn sie möglichst viele Verträge verkaufen. Sondern erst dann, wenn ihre Kunden zufrieden sind.
Vor uns liegt ein langer Weg. Aber auch der beginnt mit dem ersten Schritt. Commerzbank – die Bank an Ihrer Seite.

Hier der Spot in der einminütigen Extended Version. Um noch einmal THJNK zu zitieren: „Das ist Bankenwerbung, die sich anders anfühlt…“ (Hervorhebung von mir.)

Stichwort gefühlte Wahrheit // Denn was liest man heute auf handelsblatt.com/ über die Commerzbank? Sie will ihren Mitarbeitern für das Jahr 2013 insgesamt über 300 Mio Euro Boni zahlen – bei gerade einmal 31 Mio Euro Konzerngewinn. „Die Commerzbank wollte das nicht kommentieren.“

Sich das Zehnfache an Belohnung im Verhältnis zur Leistung zu gönnen, finde ich vollkommen verdient. Ob man so allerdings „verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnt“, wie Uwe Hellmann, Leiter Brand Management Commerzbank, das „Kernziel dieser Kampagne“ umreißt, mag hingegen bezweifelt werden.

Und man sollte sich dann auch nicht darüber wundern, wieso in der Bevölkerung das Ansehen von Werbern noch unter dem von Bankangestellten liegt.

(Artikelbild cc by Matt Thorpe)

Nachtrag // Ich habe zwar schon in einem Kommentar auf das Interview mit thjnk-Vorstandssprecherin Karen Heumann in der brand eins zum Schwerpunkt Werbung hingewiesen, aber die meisten Februar-Artikel sind online noch nicht freigeschaltet (Stand 11.04.2014). Einige Fragen und die Antworten darauf sind allerdings und offensichtlich dermaßen weit von der Realität entfernt, daß ich sie hier aus dem Heft zitieren möchte:

Ihre Agentur hat es sogar geschafft, eine Bank sympathisch rüberzubringen – ist das noch ehrliche Werbung?
Die Commerzbank, um die es geht, meint tatsächlich, was in dem Spot gesagt wird: Diese Bank versucht, sich zu verändern. Und die Kampagne hat auch deshalb einen bronzenen Effie gewonnen, weil sie funktioniert. Vor allem, und das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit, auch bei den Mitarbeitern.

Am erstaunlichsten ist, dass sich ein Bankvorstand einen so emotionalen Auftritt getraut hat.
Finde ich auch – es sind eben entschlossenen Leute. Aus anderen Bankhäusern hören wir jetzt, dass sie, was die Commerzbank intern umsetzt, längst auch gemacht hätten. Da kann ich nur sagen: Wenn das so ist, dann erzählt es den Menschen doch!

Wenn es nicht so wäre: Würden Sie es dann trotzdem behaupten?
Ganz sicher nicht. Mir ist es wirklich wichtig, dass ich keinen Mist erzähle. (…) Man kann nichts schönreden.

Genau das wird Ihrer Branche aber immer vorgeworfen.
Aber es funktioniert nicht.

Nachschlag // Das Interview ist jetzt nicht mehr online.

Erkennt die Zeichen

Weil es als Tweet dann doch meist zu schnell vorbeirauscht: Heute erschien auf horizont.net/ die Meldung über die erste Arbeit von thjnk für RWE. Die Agentur hat den Job vom vormaligen Etathalter Jung von Matt übernommen. Kernstück ist dabei wohl folgender TV-Spot.

Ein paar Zitate aus der gewohnt vollmundig formulierten Pressemitteilung dazu:

… stellt RWE die Menschen in den Mittelpunkt, die schon heute die Energiewelt von morgen gestalten … viele Vorweggeher überall in Deutschland gemeinsam aktiv … Wir-Gefühl wirkt mitreißend und entlastend zugleich: Keiner muss die Energiezukunft alleine stemmen, jeder einzelne kann aber daran mitwirken. Mit Leistungsstärke, … Versorgungssicherheit und mit innovativen Angeboten will RWE …

„Unser Land geht voRWEg“, das ist die zentrale Aussage der Kampagne … Landmarks kennzeichnen sowohl Energiezukunftspunkte als auch Menschen, die bereits voRWEg gehen. Dieser Ansatz macht aus dem Markenversprechen „voRWEg gehen“ ein gesellschaftliches Projekt.

Soweit das Blabla, Appell an den Nationalstolz, etc. Man könnte fast vergessen, daß RWE auch Atomkraftwerke besitzt. Und da haben wir noch gar nicht von Garzweiler und Braunkohle angefangen. Nun kamen mir gerade diese Landmarks ziemlich bekannt vor. Das nachfolgende Bild zeigt eine Installation von Aram Bartholl im Rahmen seiner Austellung Hello World! im Kasseler Kunstverein. Es ist nicht die erste ihrer Art, der Künstler stellt diese aus Google Maps entlehnten Verortungssymbole seit Jahren rund um den Globus auf, wie man nach dem Klick auf das Bild an einem 2012 erschienen Gestalten-Buch sehen kann. Gerade die Photos darin vom Aufstellen der Landmarks ähneln der Anfangssequenz des TV-Spots doch sehr.

Nun ist der Grad zwischen Ideenklau und Inspiration ein schmaler. Aber unter diesen Vorzeichen hat es natürlich schon etwas Seltsames, wenn auf der Website – unter diesen Umständen hätte ich natürlich auch eine Micropage vorgezogen, siehe Verlinkung oben – vorweggehen.de/ nach allerlei komischem Zeug über „verletze Organe“ und „leitende Angestellte“ im Disclaimer dann unter Punkt 4 Urheberrecht zu lesen ist:

Der Inhalt der RWE Website ist urheberrechtlich geschützt. Die Vervielfältigung von Informationen oder Daten, insbesondere die Verwendung von Texten, Textteilen oder Bildmaterial bedarf der vorherigen Zustimmungen der RWE AG. Die Bildrechte liegen – soweit nicht anders vermerkt – bei RWE.
Das Kopieren und unerlaubte Nutzen, sowohl bei kommerzieller als auch nicht-kommerzieller Nutzung ohne vorherige Genehmigung der jeweiligen Rechteinhaber ist untersagt.

Das zieht sich übrigens durch bis zu den beiden Twitteravataren des Künstlers und der Kampagne. Ich will ja nicht unken, aber „voRWEg gehen“ sieht anders aus.

avatarvergleich

Zumal die Claimidee mit dem in den Wörtern großgeschriebenen Firmennamen RWE noch von der alten Agentur JvM stammt. Da ist es doch wenigstens konsequent, daß thjnk die Kunstinitiative add art unterstützt.

Bonuslevel // Wie man in diesem Screenshot sehen kann, steht mein Tweet ohne Namensnennung auf der thjnk-Website. Dort scheint man entweder ungenau zu programmieren oder sich gerne mit fremden Federn zu schmücken. Aber in jedem Fall wenig auf so etwas wie Monitoring zu geben. Hat wahrscheinlich was mit diesem „neue Agentur“-Ding zu tun.

Nachschlag // Hinweis erhalten. Das kann ja nur Zufall sein.

dumm_GElaufen