„Lady, I don’t have time.“

Gehetzt klingen viele heutzutage. Oder wollen so klingen: busy. Termine, Termine, Termine und zwischendurch immer up to date bleiben – jeden Tag, 24/7. Es ist hier bestimmt nicht meine Absicht, Charlie Chaplins Stummfilmklassiker zu romantisieren, denn über die Fließbandarbeit sind wir längst hinaus. Statt Arbeitsteilung ist nun Multitasking das trendy Topic. Aber wie modern kann die Zukunft schon sein?

Die brand eins widmet ihren Schwerpunkt in der aktuellen Aprilausgabe (Editorial) dem Thema „Lebensplanung“. Klar, sie führt wahrheitsgemäß die Bezeichnung Wirtschaftsmagazin im Untertitel, d. h. mit Leben ist hier eigentlich nur Arbeit gemeint. Aber das ist ja gerade das Problem: die stetig verschwimmendere Trennung von Privat- und eben Arbeitsleben. Okay, es gibt ihn zwar schon länger, aber allein der Begriff „Arbeitsleben“. Da kommt einem selbst Frederick Winslow Taylor als Schreckgespenst nicht mehr in den Stechuhrzeigersinn, darüber ist man schon längst hinaus.
Wo nichts mehr zu rationalisieren ist, da lautet das neue Schlagwort Flexibilisierung. Da braucht man sich gar nicht darüber zu freuen, das Internet auch im Büro uneingeschränkt nutzen zu können, um etwa einen Tisch in einem Restaurant zu reservieren; denn selbstverständlich werden dann auch noch zu abendlicher Stunde zwischen Vorspeise und Hauptgericht auch berufliche Mails gecheckt und vielleicht sogar auf der Toilette kurz beantwortet. Der Chef besteht mitunter gar nicht drauf, der Angestellte erledigt das in vorauseilendem Gehorsam aus Pflichtbewußtsein.

Das Restaurantreservierungsbeispiel aus einem Artikel des Hefts ist gut gewählt. Längst (sprich: seit einem Jahr oder so) sind die Zeiten vorbei, in denen man das als Einladung für schon damals (sic!) eher nur so mittelmäßige Scherze über das nicht vorhandene Sozialleben von Nerds und Geeks genutzt hätte. – Wozu einen ganzen Tisch reservieren? Als Einzelgänger ohne echte Freunde findet man doch immer irgendwo ein Plätzchen.
Das mit den Freunden ist jetzt anders, seit wirklich jeder auf Facebook ist. Die Konvergenz von RealLife- und Online-Identität nimmt täglich zu und wer nicht mit dabei ist, der fällt leider oft durchs Beachtungsraster. Denn weil alle „was mit Medien machen“, fällt Freundschaftspflege ja als Networking jetzt auch unter erweiterte Arbeitsleistung.

Wir sind natürlich cool damit. Den Tag über im Web rumscouten und mal das eine oder andere Paper auf den Bildschirm bringen, unterbrochen von Meetings hier und da. Was aber, wenn einem der Job nicht gefällt? Soll ja hinter der Avantgarde im Hauptberufsheer durchaus mal vorkommen. Und auch bei den digitalen Vorkämpfern herrscht nicht immer Einigkeit, da wird das Lob der Freiheit gerne mal als neoliberales Denken gebrandmarkt.
Beispiel Home Office: Da redet man sich die Einsparung einer (als ÖPNV-Nutzer) konzentrierten Nachrichtenlektüre des Arbeitswegs so lange schön, obwohl es für den Arbeitgeber viel mehr Vorteile hat (Einsparpotential) als für den -nehmer, bis man sich dann irgendwann doch der Geselligkeit halber in einem Co-Working-Space wiederfindet. Wahrscheinlich, weil man im Oberholz vor lauter Touristen gar nicht mehr zum Arbeiten kommt.
Wenn man denn überhaupt einen Job hat. Ich persönlich stehe da auf der Seite der Medienelite. Die Zahl derer, die sich die Rosinen aus dem Kuchen picken können, bleibt wohl auch in der schönen neuen Arbeitswelt 2.0 recht überschaubar. Die Mehrheit wird sich mit ein paar vorgesetzten Krümeln abspeisen lassen müssen.

Und am Ende muß man Lee Marvin beipflichten. Aber weiter. Das Programm der re:publica steht soweit. Na warte.

4 comments

  1. Toll. Als ich das Stöckchen bei dondahlmann.de/ gelesen habe, ist mir in den Sinn gekommen, diese Fragen ebenfalls zu beantworten. Das ist jetzt nicht mehr nötig, denn für meinen Job hat ankegroener.de/ das ziemlich gut getroffen. Nur, daß nicht Astronaut mein Traumberuf ist, sondern ich eine Zeit lang sehr gerne bei einem großen Auktionshaus für den Ankauf und die Sichtung von Briefen berühmter Persönlichkeiten zuständig gewesen wäre.
    Aber das ist ja kein Beruf mit Zukunft, wer schreibt denn sowas heute noch.

  2. Zu meiner Zeit ist man einfach in die Fussstapfen seines alten Herrn getreten.Als ich 16 war, war alles viel einfacher. Heutzutage weiss ich nicht, was ich meinem Sohn raten soll. Danke fuer den schoenen Beitrag! Guten Rutsch!

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