Ohren/Rohr

By drikkes on 29/06/2010 — 3 mins read

Ist zwar schon eine halbe Netzewigkeit her, aber ich habe mich gerade an den von @kcpr getwitterten Hinweis auf diesen Artikel beim businessinsider.com/ erinnert. Die beiden Kernaussagen hier kurz zitiert:

„Content is King“ — no longer. Today, the world has changed. „Curation Is King.“
„Andy Warhol was wrong. We’re not going to be famous for 15 minutes. We’re each going to be famous for 15 People.“

Fünfzehn Freunde, die mich (mehr oder weniger) gut leiden konnten, hatte ich auch schon, bevor ich im Internet unterwegs gewesen bin. Das Wort „berühmt“ scheint mir in diesem Zusammenhang unpassend, vielleicht ist schon der Spruch, das Versprechen des Pop-Artisten schief gewählt gewesen. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, daß er/es nur wirklich Sinn macht, wenn man ihn/es nicht als Alleinvertretungsanspruch versteht.
Die etablierten Massenmedien bröckeln ein wenig, sicher. Aber Blogs, Tweets, etc. werden immer nur eine Ergänzung sein, die großen Publikationen werden auf absehbare Zeit nicht zu ersetzen sein. Die Klage, daß sich die Netzpublizisten neuerer Prägung zuwenig untereinander verlinken und die meisten doch nur auf Spiegel Online & Konsorten verweisen, sich an FAZ.net abarbeiten, dieses Wehgeschrei ist symptomatisch. Wie oft und regelmäßig auch die Diagnose Selbstbezogenheit (Blogger bloggen über’s Bloggen.) gestellt wird, eine gesunde Reichweite folgt daraus nicht automatisch. Die wenigsten bekommen ein Stück vom Kuchen ab.

Man möchte einwerfwenden: Für den einzelnen Contentproduzenten ist das gut so. Weil es theoretisch Unabhängigkeit fördert. Wenn die Leute aufgrund selbstverschuldeter Klickzahlenhörigkeit nicht trotzdem lauter Gefälligkeiten posten würden. Man möchte auch in seinem virtuellen Freundeskreis beliebt sein.
Was aber ist mit dem großen Ganzen? Selbst der eifrigste Blogger liest mehr als er schreibt. Warum das oben zitierte Postulat höchstens seine tendenzielle Richtigkeit hat, läßt sich gerade an Fußballübertragungen ablesen. Selbst jemand, den der Sport nicht interessiert, schaut sich die Spiele an, aus dem einfachen Grund, weil alle es tun. Früher hat man ja oft nur deshalb ferngesehen, um am nächsten Tag ein Gesprächsthema in der Büroküche zu haben. Und auch heute würde wahrscheinlich so manch einer den sonntäglichen Tatort gar nicht einschalten, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, zugleich via Twitter über das zu kommunizieren, was da über den Bildschirm flimmert.

Relevance is king. Reception is king.

Was für einen selbst relevant ist, das bestimmt – zum Glück! – jeder einzelne. Aber was in einer Gesellschaft als relevant wahrgenommen wird, läßt sich doch in der Regel an Mehrheitsdiskursen festmachen. Es ist damit nicht gesagt, daß etwa Springerpresse und RTL bis in alle Ewigkeiten die vorherrschenden Meinungsbildungsverkörperungen bleiben müssen. Aber so wie es seit Warhol neben zahlreichen OneHitWondern und im Viertelstundentakt verglühenden Starschnüppchen auch echte Berühmtheiten gegeben hat, so werden sich auch im Internet Leitmedien herausbilden, es gibt sie ja schon. Es liegt in der Kultur der Sache, daß der eine mehr Follower und Reader hat als der andere, ansonsten wäre eine themen- bis allesübergreifende Verständigung untereinander kaum möglich. Ein Babel.

Mich interessiert allerdings in den seltensten Fällen, warum jemand anderes etwas ins Internet schreibt und was er mir damit sagen will. Wichtig ist für mich, was bei mir ankommt. Wieso es mich angeht.

Ich bin am Freitag bei Spex Live gewesen. Morgen geht es zur Verleihung des Grimme Online Awards. Und ich danke dem Schauspielhaus Köln, daß es Gob Squads Revolution Now! auf den ebenfalls fußballfreien Donnerstag gelegt hat. Freitag in der Früh dann per Zug nach Hamburg zum Bauer Agency Cup.

Posted in: Netzeug, Über Lesen

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  • Moin, moin Hendrik, hä? „Wenn die Leute aufgrund selbstverschuldeter Klickzahlenhörigkeit nicht trotzdem lauter Gefälligkeiten posten würden.“ Verstehe ich nicht – klar, ich poste auch ab und an mal Gefälligkeiten (z.B. Projekte von Freunden), aber nicht wg. Klickzahlenhörigkeit… Die ist mir wirklich völlig wurscht, checke ich überhaupt nicht; das ist halt meine Bar, mein Spielplatz, jeder ist immer herzlich eingeladen und das „Interieur“ besteht eben aus Dingen, die mir gefallen & Spaß bringen… Und der verlinkte Beitrag gehört nicht dazu… Leider ist Quentin Dupieux alias Mr. Oizo kein Freund von mir ;) – mir hat das Filmprojekt wirklich sehr gut gefallen; ein Thriller aus der Sicht eines Reifens liegt genau auf meinem Humorniveau… Beste Grüße aus HaHa, *Alain

  • Oh, wie verquer, sprunghaft und unzusammenhängend. Oder kann sich da jemand auch nur irgendeinen Reim drauf machen? Eigentlich wollte ich noch auf die Werbeaussichten des oben zitierten Artikels zurückkommen. Und irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, zumindest unbewußt um den Fall eines Gefallenen FAZ-Bloggers herumgepostet zu haben.

    Wie sagte schon eine Feierbekanntschaft aus dem letzten Jahrtausend: „Mir ham’se meine Tasche geklault. Aber was sollst?“ Schnöden Feierabend!

  • @Alain: Siehste, das sollte nicht mehr und nicht weniger bedeuten, als daß „Rubber“ mir auch gefällt. Das war jetzt nicht als Kritik an rebelart.net/ gemeint – höchstens in dem Maße, wie ich mich selbst zu kritisieren hätte. Poste ja auch oft genug (Selbst)Gefälliges.

  • Achso, dann hab ich’s also doch nicht ganz so genau geschnallt :) Hau rine & bis bald mal wieder, *Alain

  • Naja, ich formuliere halt auch mal gerne mindestens zweideutig.
    Undaber rebelart.net/ steht nicht umsonst inauf meiner Blogroll.