Gut Ding

Den kurzen Roman als E-Book auf dem Handy gelesen:

“Ungeduld, sagten sich Jérôme und Sylvie, ist eine Tugend des zwanzigsten Jahrhunderts. Mit zwanzig, als sie gesehen hatten oder gesehen zu haben glaubten, was das Leben sein konnte, was für eine Fülle an Glücksmomenten es in sich barg, welch unendliche Eroberungen es zuließ und so weiter, da hatten sie gewusst, dass ihnen zum Warten die Kraft fehlen würde. Wie alle anderen hätten sie arrivieren können; aber sie wollten bereits arriviert sein. Das machte sie wohl zu dem, was man gemeinhin Intellektuelle nennt.”

Die DingeDie Dinge von Georges Perec
Meine Wertung: 4 von 5 Sterne

“In den Kreisen der Werbung, die allgemeinhin auf fast mythologische Weise links stehen, die aber noch besser zu charakterisieren sind durch den Technokratismus, den Effizienz-, Modernitäts-und Komplexitätskult, die Vorliebe fürs Spekulative, den fast demagogischen Hang zur Soziologie und die noch recht verbreitete Auffassung, dass neun Zehntel der Menschheit ausgemachte Armleuchter sind, die bestenfalls im Chor das Loblied auf irgendetwas oder irgendjemanden singen können, in den Kreisen der Werbung also gehörte es zum guten Ton, die Tagespolitik zu verachten und die Geschichte nur in Jahrhunderten zu betrachten.”


One response to “Gut Ding

  1. Jemand hat mich auf Goodreads nach meiner Einschätzung gefragt, ich habe geantwortet: “Man muß Things wohl als einen Tatsachenbericht aus eben dieser Zeit lesen. Vor 70 Jahren mag Perecs recht nüchterne Bestandsaufnahme des aufkommenden Konsumismus ein originelles Romankonzept gewesen sein – heutzutage, da sich die materialistische Weltsicht derart umfassend durchgesetzt hat, wirkt es eher antiquiert als aufklärerisch. Was wahrscheinlich viele Leute abschreckt, ist die völlige Mitleidlosigkeit des Autors gegenüber seinem Protagonistenpärchen. Wenn es einem um das reine Leseerlebnis, die Story, geht, kann ich die Enttäuschung bei der Lektüre verstehen. Nichtsdestotrotz ist Things aus literaturhistorischer Perspektive interessant, wenn man den Roman als Vorläufer von Bret Easton Ellis liest.”

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