prototypisch

Derzeit fordert eine Petition auf change.org die EU auf, ihren Bürgern die Hoheit über deren eigene Daten zurückzugeben. Im Text zu dieser bereits mehr als 60.000 Unterstützer zählenden Petition heißt es u.a.:

Meine Privatsphäre, mein Leben wird Stück für Stück ausgeschlachtet. Wer wem welche Information über mich zugespielt hat, weiß ich nicht und das will ich nicht länger hinnehmen.

Aufgesetzt hat diese Eingabe Ali Jelveh, seines Zeichens Chief Revolutionary Officer bei der Protonet Gmbh. Oder aufsetzen lassen. Denn zu dem Gesuch gibt es auch eine Kampagnenseite: Free Your Data. Die wäre etwas glaubwürdiger, wenn sie nicht komplett in der Firmenfarbe orange gehalten wäre. Aber nun gut, eine als Weltverbesserungsprojekt angelegte Marketingaktion für den Serverbetreiber PROTONET – so weit, so aufdringlich.

Warum nicht?

Kann man machen. Schließlich wird ganz oben auf der Startseite von Free Your Data transparent auf das Engagement des Initiators Protonet hingewiesen. Sie haben ja nun einmal etwas im Angebot, sind von ihrem Produkt vielleicht wirklich überzeugt und verstehen es nicht nur als Verkaufsmasche.

We are 100% tracked, 100% predicted and 100% sold to an industry worth over US$150 billion.

free your data supporters

Quer durch die Lager vor den Karren gespannt.

Schön dramatisch. Was man hingegen erst nach einem Klick auf Imprint in der Footer-Navigation sieht: Verantwortlich für die Texte der Kampagnenwebsite ist eine PR-Agentur namens REBEL AT HEART. Dort liefert Gründerin Lina Wüller das übliche Branchenblabla: Disruption, Storytelling, Authentizität. Oder klarer in diesem Interview:

Das ist auch ein Ansatz, den wir fahren. Wir wollen auch nur mit den Produkten, mit den Start-ups arbeiten, die wir total cool finden. Ich könnte für kein Produkt PR machen, was ich nicht selber nutzen würde, was ich nicht selbst total hypen würde.

Und dann siehst Du auf der total rebellischen Agentur-Website die Kundenliste. Über zwei davon wird an anderer Stelle Folgendes geschrieben:

Auch wurde an myTaxi der Datenschutz kritisiert. So werden umfängliche Daten des Taxifahrers, bestehend aus Benutzername, User-ID, Vor- und Nachname, Bewertung, Lichtbild und Telefonnummer an den Fahrgast übermittelt; ebenso kann der Fahrer von jedem auf der Karte identifiziert und verfolgt werden. Aus der Sicht der Fahrgäste sind die im Gegensatz zu Taxizentralen notwendige Übermittlung der Telefonnummer an den Fahrer und die Speicherung der Positionsdaten zu beanstanden.

(aus dem Wikipedia-Artikel zu Taxi-Apps)

Je mehr Daten der Kunde im weiteren Prozess freigibt, desto mehr steigen die Chancen auf einen Kredit. So kann jeder freiwillig, wie Diemer betont, den Zugang zu sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter erlauben. Wie viele Facebook-Freunde haben studiert, wie kreditwürdig sind diese, wie viele Menschen folgen dem Antragsteller auf Twitter.

(aus einem Artikel der WELT mit der Headline: Warum die Schufa im Vergleich zu Kreditech harmlos ist)

Ich mach mir die Datenwelt, wie sie mir gefällt. Und jetzt kann man überlegen, wie das eine zum anderen passt. Oder wie das Rebellentum zur Opportunismus übertünchenden Pose verkommt. Oder kurz mit ihren (wahrscheinlich nicht ganz) eigenen Worten:

Wenn man Lina Wüller googlet, wird man übrigens darüber informiert, daß „einige Ergebnisse möglicherweise aufgrund der Bestimmungen des europäischen Datenschutzrechts entfernt wurden.“ Warum wohl?

Zugaben:

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