Miriam Meckel auf der re:publica 2010

Miriam Meckel hat auf der großen Bühne des Friedrichstadtpalastes einen Vortrag mit dem Titel „This Object Cannot Be Liked – über die Grenzen menschlichen Ermessen und das Ermessen menschlicher Grenzen“ gehalten. Der ist mittlerweile komplett bei YouTube zu finden. Ich bin live vor Ort gewesen und weil so viele Leute den Vortrag gut finden, fühle ich mich als notorischer Querscheißerschießer quasi dazu genötigt, an ihm rumzumäkeln. Aber Schritt für Schritt:

Okay, Prof. Dr. Miriam Meckel ist busy. Angekommen. Und ihren Cicero scheint sie auch gelesen zu haben. Der Redeneinstieg mit Kanzlerin Merkel und ihrem nicht landen könnenden Thema ist ein klassischer Fall von captatio benevolentiae. Nachdem das Wohlwollen des Publikums eingeheischt ist, geht es laut Handbuch der Rhetorik weiter mit Teil zwei der Rede, narratio. In diesem Fall das unmögliche Mögen einer Geburtstorte auf Facebook, äußerst pointiert herausexistenzialisiert. Bißchen langatmig, aber kann man machen. Die Fratzenfibel soll ja bei der (nicht mehr ganz so jungen, aber sich für die Zukunft haltenden) Netzavantgarde ziemlich weit vorne sein. Noch drei Zitate:

Bachsonaten, Dixie Chicks, Platzebo.

Apropos Genius: Bin ich überhaupt der einzige, der es nicht für einen „Zufall“ hält, daß die sonst hosenanzügige oder businesskostümierte Prof. Dr. Meckel in Jeans und Chucks völlig verkleidet wirkt? Also zum Schirrmacher-Salto rückwärts husch wieder hinters Pültchen, ziemlich unwitzigerweise aufgehängt an Eigenwerbung.Hiermit sei also erklärt, wie es sich verhindern läßt, Bücher, die man bereits besitzt, von Amazon weiter vorgeschlagen zu bekommen: Man klickt unter der jeweiligen Abbildung auf „Diese Empfehlung korrigieren“, danach muß man im nächsten Fenster nur noch einen Haken vor „Gehört mir“ machen – fertig.
Der genannte Online-Versandhändler wird ja auch vom FAZ-Herausgeber und Payback-Autoren Schirrmacher gerne als schlechtes böses Beispiel herangezogen. Worüber sich Frau Meckel allerdings mehr sorgen sollte, das sind die beim Aufruf ihres eigenen Buchs unter „Kunden, die diesen Artikel gekauft haben, kauften auch“ und dem Kombi-Angebot „Wird oft zusammen gekauft“ auftauchenden Konkurrenzschmöker. Was da an Ratgeber- (ich wage es kaum, sie so zu nennen)
-literatur aus den Schlünden der einzig auf verkaufsfreundlich getrimmten Möchtegernbestsellerhölle hervorragt, das gibt zu denken.

Wer jemals vor der benachttischschränkten, unbeliebigen Regalauswahl, sagen wir, einer Thalia-Buchhandlung gestanden hat oder sich von einer Angestellten der Mayerschen Buchhandlung versucht hat, beraten zu lassen, dem werden die Amazon-Empfehlungen wie ein heiliger Online-Gral der Lektüresuche erscheinen.
Diese ganze Algorithmusschelte, die rein theoretische Verteufelung eines computarisierten Determinismus‘ ist nichts weiter als ein philosophisch interessantes Gedankenspiel. Frau Meckel gibt selbst zu, durch die eingebaute Randomisierung werden Berechnungen praktisch zu realen Zufällen, weil das durchschnittliche menschliche Gehirn diese rechnerisch sowieso nicht nachvollziehen kann. Trotzdem wird das dann einfach wie folgt als Bedrohungsszenerio in den Palast gestellt.

Zukunft ist immer die Replikation oder die Rekombination des aus der Vergangenheit Bekannten. Oder anders formuliert: Wir bleiben eigentlich immer unser eigener Status Quo.

Die Neckermann-Pauschalreise, darauf läßt sich prima herabsehen. Frei und abenteuerlich muß es sein, selbst wenn man vor dem Laptop sitzt. Und über das meiner Meinung nach total auf phishing for compliments berechnete (sic!) iPad-Bashing braucht man nur wenig Worte zu verlieren, außer diese hier: Als Lebensgefährtin einer bekannten deutschen TV-Talkmasterin hat Frau Meckel am Beispiel der Nachrichten auf FOX bzw. NBC den Hinweis auf den blickwinkelzügigen Fernsehkonsum auf einen einzigen Satz beschränkt. Doch wie unverfroren ist es, gerade dem Internet vorzuwerfen, der einzelne User finde dort lediglich, was er suche. Das mag zu einem nicht unwesentlichen Grad stimmen und natürlich ist Apples AppStore-Politik ein Übel, aber wieviel mehr treffen diese Vorwürfe auf alle anderen Medien zu, von TV-Sendern über das Radio bis zu Printmagazinen. Es ist mal wieder typisch schwyzerdeutsch zuerst auf die (berechtigten) Gefahren hinzuweisen und auf die (ungeheueren) Möglichkeiten gar nicht erst einzugehen.

Interessant, daß gerade ein Beispiel aus der Genetik zur Illustration herangezogen wird, selbstverständlich sitznachbarlich und fellowshippish. Ist es nicht eine Kombination immer derselben vier organischen Basen, die jeden einzelnen DNA-Strang jedes Lebewesens auf der ganzen Welt ausmachen? Gibt es nicht nur eine begrenzte Anzahl an Aminosäuren? Meiner Meinung nach gehorchen Mutationen und mit ihnen die ganze Evolution bestimmten Naturgesetzmäßigkeiten. Sucht auch die Geisteswissenschaftlerin Meckel nicht nach Regeln und Funktionen? Sehr verkürzt dargestellt.
Ich habe leider gerade wenig Zeit, deshalb lehne mich mal ganz weit aus dem Fenster: Es geht hier nicht nur um das Unbehagen eines Gottesverlusts, sondern vor allem um die Unfähigkeit, den Menschen selbst, also sich, an seine Stelle zu setzen. Wenn niemand der große Lenker ist, dann soll bitte der Zufall oberste Priorität haben. Aber vorher müssen wir noch sicherstellen, daß die Leute mit „Zufall“ nicht plötzlich „Freiheit“ meinen.

Ja, im Internet bekommt man auch die schlechten Seiten der Menschheit zu sehen. Und als Angehörige/r der geistigen Elite, zumal als Buchautor, ist man beim Anblick von Amazon wohl angepisster, als sich irgendein Leser vorstellen kann; mit was für Leuten man sich da ein Stück Netzpräsenz teilt. Eine Taschenbuchausgabe des eigenen Werkes auf einem sonderpostierten Grabbeltisch für 1.99 € wiederzufinden, ist wohl nichts gegen dieses Gefühl, welches einem das Internet vermittelt – das Gefühl, nicht so einzigartig zu sein.

Zurück zur Rhetorik: Frau Meckels im genus medium gehaltene Rede ist beim Publikum und dem Großteil der sie erwähnenden Blogs wohl deshalb so gut angekommen, weil bei solchen Konferenzen conciliare et delectare dem weniger unterhaltsamen docere et probare vorgezogen wird. Das ist zwar schade, aber auch verständlich; denn wie gesagt: Reden kann die Frau.

Warum ich sonst so wenig über #rp10 geschrieben habe, kann man hier nachlesen.

Zugaben:

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8 comments

  1. Philip Banse hat Miriam Meckel während der re:publica für seine dctp-Reihe interviewt und ich finde es schon befremdlich, wie sie haargenau dieselben Phrasen und Beispiele wie in ihrem Vortrag verwendet. Das klingt dann doch ein wenig nach Fassade und auswendig gelernt.

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