Highlights KW 39

Viele Journalisten berichten weniger über interessante Personen und Ereignisse, sondern schreiben lieber über sich selbst und was sie so alles erlebt haben. Die Leserschaft der Zeitungen schrumpft, die Zahl der Kolumnisten steigt. Die Kolumnisten erzählen, was sie im Fernsehen gesehen oder im Internet gefunden haben; sie schildern, welche Erfahrungen sie mit ihrem neuen Smartphone gemacht haben, was ihnen ihre halbwüchsigen Kindern zugemutet haben oder oder oder.

Das Persönliche ist politisch, das gab und gibt selbst dem banalsten Erlebten die Aura des Authentischen und die Weihe des Bedeutungsvollen. Doch so einfach ist es nicht. Wenn inzwischen die Journalistengeneration der Selfies glaubt, das Persönliche sei qua naturam politisch, auch wenn es nicht politisch gedacht und auf das Politische projiziert wird, ist das ein fataler Fehler. Zudem verwechseln die meisten Ich-Erzähler das Persönliche mit dem Privaten.

Das Ich im Journalismus: Im Zeitalter der Selbststilisierung – taz.de

Ich war mal auf einer Party, auf der ich interessierten, jedoch ahnungslosen hungrigen Menschen Hundefutter mit Zwiebeln und Pilzen in der Pfanne gebraten anbot, welches sie hastig verschlangen und mich anschließend verprügeln wollten, was sie sicher auch getan hätten, wenn nicht just in diesem Moment ein, dem Gastgeber unbekannter und uneingeladener Gast in dessen Mikrowelle den Hamster seines kleinen Bruders zum Platzen gebracht hatte. Ich bin dann nach Hause gegangen.

Ich überbug also weiterhin alles, wirklich alles, mit Käse und es dauerte nicht lange, da wagte ich mich an die Krönung aller überbackenene Gerichte heran: Ochsenschwanzsuppe mit Käse überbacken. Ich hatte das Gefühl angekommen zu sein. Endlich machte das Leben einen Sinn und die Brandblasen baumelten mir vom Gaumen, dass es nur so eine Freude war. Es war die schönste Zeit meines ganzen erbärmlichen Lebens.

Blogroyal » » Ich hab geträumt, ich wäre Ochsen- schwanzsuppe essen mit meinem Webmaster E. Smith

Wie politisch kann das Private sein, wenn man, bevor man zur Tat schreitet, erst aufräumen und dekorative Blumensträuße verteilen muss? Wenn die Wohnung, die mit Kindern und Partner bewohnt und als Arbeitsplatz genutzt wird, nichts von den Strapazen des Alltags erzählen darf, sondern nur die Fortsetzung des alten bürgerlichen Salons mit den Mitteln von Instagram ist?

Rollenbild ǀ Immer das gleiche Strickmuster — der Freitag

Clients don’t give a shit about typefaces. And if they do, they’ll ask.

13 Ways Designers Screw Up Client Presentations

Die Auskenner üben sich in Subtilität und in Verzicht. Und selbst wenn es gar kein Verzicht ist (weil man sich das eigene Auto zum Beispiel wirklich nicht leisten kann), soll es wenigstens wie Verzicht wirken. Solange Fleisch teuer war, hat die gut verdienende Schicht gerne viel davon gegessen. Als es immer billiger wurde und es sich auch die Unterschicht leisten konnte, wurde es immer uninteressanter für sie. Für mich ja auch. Esse ich “wenig Fleisch und dann nur bio”, weil es gut für mein Ego ist oder gut für die Welt? Man wird mir, sollte es Egoismus sein, das schwer nachweisen können. Hat es etwas mit Moral zu tun oder mit Statusdenken, dass ich lieber Fahrrad fahre als Auto?

Für mich ja auch. Esse ich “wenig Fleisch und dann nur bio”, weil es gut für mein Ego ist oder gut für die Welt? Man wird mir, sollte es Egoismus sein, das schwer nachweisen können. Hat es etwas mit Moral zu tun oder mit Statusdenken, dass ich lieber Fahrrad fahre als Auto?

Lebensstil: Die Besserbürger

Am Beispiel von Nicolàs Guagninis „Seven Reviews of Monkeys and Shit“ und einer Genealogie des Skatologischen rekonstruiert Luis Camnitzer die Entwicklung und den Zusammenhang von Scheiße und Politik, mit einem Fokus auf Südamerika.

Dropping Sculpture By the Pound | Luis Camnitzer

kunst als gelebte rücksichtslosigkeit und selbstdarstellungszwang auf kosten anderer.

mögliche folgen von blog-professionalisierung: haltungsschäden und merkbefreiung – wirres.net

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