{"id":4688,"date":"2011-06-04T12:13:42","date_gmt":"2011-06-04T11:13:42","guid":{"rendered":"http:\/\/drikkes.com\/?p=4688"},"modified":"2016-06-07T15:33:00","modified_gmt":"2016-06-07T14:33:00","slug":"alter-vor-schnodheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drikkes.com\/?p=4688","title":{"rendered":"alter vor schn\u00f6dheit"},"content":{"rendered":"<div class='e-content'>Nun also auch <a href=\"http:\/\/www.spiegel.de\/kultur\/gesellschaft\/0,1518,765863,00.html\">Sibylle Berg mit einem &#8220;fr\u00fcher war alles besser&#8221;-Text<\/a>. Ein Abgesang auf die Intellektualit\u00e4t soll es wohl sein, als ob deren Stimme je viel gegolten h\u00e4tte. Berg f\u00e4llt dabei wohl, wie so viele, auf die allgegenw\u00e4rtige Sichtbarkeit des Banalen herein. Meiner Meinung nach ein blo\u00dfes Filterversagen, gepaart mit einer geh\u00f6rigen Portion Verkl\u00e4rung der Vergangenheit. Dabei endet ihr Text wie folgt:<\/p>\n<blockquote><p>Das K\u00f6nigspaar der gl\u00e4nzenden neuen Welt ist nicht mehr Sartre und de Beauvoir, sondern Pitt und Jolie. Kinder, H\u00e4user, Gest\u00fcte, unfassbarer Reichtum, so wollen wir sein, so m\u00fcssen wir leben. Intellektuelle sind heute Verlierer, weil sie kein Geld verdienen. Sie haben keine Label an ihrer Kleidung, sie feiern nicht in St. Moritz, sie sind ohne jede Bedeutung f\u00fcr unsere Gesellschaft, also l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Ab und zu h\u00f6rt man einen wie Alexander Kluge bed\u00e4chtig in eine Kamera atmen, man h\u00f6rt von Theaterst\u00fccken oder Philosophen, die keine Millionenauflagen erreichen, aber wozu? Was nicht verkauft, hat keinen Wert. Der Erfolg gibt ihnen recht, das ist eines der bl\u00f6desten Sprichworte unserer Zeit, die hoffentlich bald zu einem universellen Kollaps f\u00fchren wird, zu einer gro\u00dfen Pulverisierung von allem, was wir kennen, um der Verbl\u00f6dung ein erfreuliches Ende zu bescheren.<\/p><\/blockquote>\n<p>Vorweg gesagt: Bergs <a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/Mann-schl%C3%A4ft-Roman-Sibylle-Berg\/dp\/342314002X\/ref=sr_1_2?ie=UTF8&#038;s=books&#038;qid=1307141452&#038;sr=8-2\">Der Mann schl\u00e4ft<\/a> ist eines der besten B\u00fccher, welches ich in den letzten Jahren das Vergn\u00fcgen zu lesen hatte. Und auch ihre Kolumne bei Spiegel Online gef\u00e4llt mir in der Regel au\u00dferordentlich gut. Aber dieser Text hier ist nun wirklich ein Griff ins Allgemeinheitsklo, abgesp\u00fclt mit elit\u00e4rer Ignoranzigkeit.<\/p>\n<p>Was waren das f\u00fcr tolle zu Zeiten, als es noch keine Regenbogenpresse, noch kein RTL2 und auch kein Internet gab, in das sogar jeder reinschreiben darf, der sich dazu berufen f\u00fchlt? Man klickt arglos einen Link, zappt ein wenig durch die zweistelligen TV-Programme und schon bekommt man alle Schlechtigkeit der Welt drastplastisch vor Augen gef\u00fchrt. Nein, da hatte man es fr\u00fcher einfach einfacher. Spiegel, Zeit und S\u00fcddeutsche gelesen, dabei brav den eigenen Erwartungshorizont in h\u00f6chstens hom\u00f6opathischen Dosen \u00fcberstrapazieren &#8211; fertig war die Strebergartenlaube Marke Eigenmuff.<\/p>\n<p>Aus den Augen, aus dem Sinn: die andere Seite der &#8220;Ich mach mir die Welt, widdewidde wie sie mir gef\u00e4llt&#8221;-Medaille. <em>I like.<\/em> Wie sonst ist es zu erkl\u00e4ren, da\u00df man den Aush\u00e4ngeschildb\u00fcrgern Sartre und de Beauvoir (K\u00f6nigspah!, sic!) au\u00dferhalb eines erweitert existenziellen Dunstkreisels globale Relevanz zugesteht? In Deutschland schw\u00e4rmten die Massen zu dieser Zeit jedenfalls wohl eher f\u00fcr Marika Kilius und Hans-J\u00fcrgen B\u00e4umler wie heute f\u00fcr Brangelina. Wenn man schon einen Vergleich bem\u00fchen will. Mit dieser Logik w\u00e4re der Staat sozial gerechter, w\u00fcrde man diese ganzen unansehnlichen Penner aus den Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen der Innenst\u00e4dte verbannen und an die Peripherie verfrachten, wo sie nicht so auffallen. Jedenfalls nicht den richtigen Leuten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/8\/85\/Carl_Spitzweg_-_Der_arme_Poet_%28Neue_Pinakothek%29.jpg\/739px-Carl_Spitzweg_-_Der_arme_Poet_%28Neue_Pinakothek%29.jpg\" width=\"739\" height=\"578\" class=\"alignnone\" \/><\/p>\n<p>Intellektuelle waren nie, zu keiner Zeit die Gewinner; heute macht sich nur niemand mehr die M\u00fche, Ihnen Trostpreise zu verleihen. Heinrich Zschokke und August von Kotzebue beispielsweise waren die Kassenschlager um das Jahr 1800, nicht die sp\u00e4ter so nachr\u00fchmlichen Goethe und Schiller. Die beiden h\u00e4tten sich ohne das M\u00e4zenatentum am Weimarer Hof wahrscheinlich zu Spitzwegs <em>Der arme Poet<\/em> zum Sterben in die Dachkammer verkriechen k\u00f6nnen. Aber die Berg tut so, als h\u00e4tte zu dieser Zeit jeder hinterw\u00e4ldlerische Bauernflegel Kants <em>Kritik der reinen Vernunft<\/em> auf dem Nachttisch liegen gehabt. Ein Buch \u00fcbrigens, da\u00df die Neue Z\u00fcrcher Zeitung bei Ersterscheinung im Jahre 1781 in Grund und Boden verrissen hat.<\/p>\n<p>Ich will Tendenzen sicher nicht verharmlosen. Es gibt bestimmt einen Grund, warum die reiche Obersicht jahrhundertelang im Verborgenen gesaust und gebraust hat, w\u00e4hrend sie es heutzutage ungeniert \u00f6ffentlich ausleben kann und daf\u00fcr auch noch bewundert wird. Aber eben nur von Teilen der Gesellschaft. Denn die Unterschicht hat auch schon fr\u00fcher dem Herrn Doktor nicht wegen seiner rein intellektuellen F\u00e4higkeiten Respekt in Form von Hutl\u00fcftungen gezollt, sondern aus dem handfesten Grund, weil es nur zwei \u00c4rzte im Dorf gegeben hat und man h\u00f6chstwahrscheinlich einmal auf seine Dienste angewiesen gewesen sein k\u00f6nnte. Und da kommt pl\u00f6tzlich die Urbanisierung und mit ihm die Unverbindlichkeiten, die Wahlfreiheiten des Kapitalismus. Es ist schon ein Kreuz mit dieser Demokratie, wenn auch noch Eigenverantwortung mit dazu kommt.<\/p>\n<p>Frau Berg hat recht, der Intellektuelle ist derzeit nicht gerade wohl gelitten. Er ist es (mit Ausnahmen) allerdings nie wirklich gewesen. Zwar haben mittelalterliche K\u00f6nige und Kaiser die schriftgelehrten M\u00f6nche hofiert, dabei doch nie ihren eigenen herrschs\u00fcchtigen Vorteil in einer analphabetisierten Welt aus den Augen gelassen. Das leibeigene Volk hat die auf Latein gelesenen Messen sowieso nicht verstanden und derweil ganz andere Probleme gehabt.<\/p>\n<p>Mit dem nachzeitigen Buchdruck als vorherrschendem Medium ist es ein Leichtes gewesen, sich in die eigene Talartasche zu l\u00fcgen und die Bedeutung von Geistengr\u00f6\u00dfen in der R\u00fcckschau als \u00fcbergro\u00df darzustellen. <em>Objects in rear mirror are closer than they appear.<\/em> In Zeiten des Internets wird es sicher schwerer werden, die &#8211; positiv gewendet: &#8211; die Spreu vom Weizen zu trennen. Und es bedarf seitens der Gelehrten sicherlich einer im Vergleich zum kl\u00f6sterlichen Scriptorium gesteigerten Selbstdiziplin, nicht der all\u00fcberall lauernden Prokrastination anheimzufallen. Aber mit einer geeigneten Herangehensweise hat <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Serendipity\">Serendipity<\/a> auch seine Vorteile.<\/p>\n<p>Seltsam nur, da\u00df jetzt auf einmal Leute mit genau so einer &#8220;F\u00fchrer war alles besser&#8221;-Denke die <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=B8ofWFx525s\">Filterblindheit des personalisierten Internets als Spiegelkabinett<\/a> anprangern. Und das dann auch noch zum Untergang des Abendlandes aufspielen. Als ob es <a href=\"http:\/\/1.bp.blogspot.com\/-swIGaQNl97g\/TdvLMAeQ0lI\/AAAAAAAANhg\/W2FEGoFOsaY\/s1600\/FINALCOUNTDOWN%2521.jpg\">die letzte Schlacht<\/a> zu schlagen gilt.<\/div>\n<div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class='e-content p-summary'>Nun also auch Sibylle Berg mit einem &#8220;fr\u00fcher war alles besser&#8221;-Text. Ein Abgesang auf die Intellektualit\u00e4t soll es wohl sein, als ob deren Stimme je viel gegolten h\u00e4tte. 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