{"id":11423,"date":"2017-01-12T12:42:35","date_gmt":"2017-01-12T11:42:35","guid":{"rendered":"http:\/\/drikkes.com\/?p=11423"},"modified":"2017-01-12T12:52:41","modified_gmt":"2017-01-12T11:52:41","slug":"wortwahl","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drikkes.com\/?p=11423","title":{"rendered":"Wortwahl"},"content":{"rendered":"<div class='e-content'>Die taz hat sich &#8211; meiner Meinung nach recht ausweichend &#8211; zum Vorwurf (<a href=\"http:\/\/www.juedische-allgemeine.de\/article\/view\/id\/27420\">J\u00fcdische Allgemeine<\/a>) ge\u00e4u\u00dfert, sie h\u00e4tte in ihrer Berichterstattung zum Polizeieinsatz w\u00e4hrend der K\u00f6lner Silvesternacht nationalsozozialistisches Vokabular gebraucht. Der &#8220;Kommentar&#8221; <a href=\"https:\/\/www.taz.de\/!5369162\/\">Vom Sagen und Meinen<\/a> beginnt mit der Feststellung, da\u00df &#8211; im Gegensatz zu den Journalisten vieler anderer Zeitungen &#8211; der taz-Korrespondent vor Ort in K\u00f6ln gewesen ist. Man lobt sich also erst einmal selbst und impliziert dabei, die Kritiker seien in der Mehrzahl feige Sesselpupser.<\/p>\n<p>Erst danach gesteht taz-Redakteur Ulrich Gutmair (&#8220;1995 mit einer Kolumne \u00fcbers Internet angefangen. Heute f\u00fcr die Berlinkultur verantwortlich.&#8221;) ein:<\/p>\n<blockquote><p>\n  &#8220;Wuliger hat recht, an diesem Vokabular Ansto\u00df zu nehmen. &#8216;Sonderbehandlung&#8217; war das Codewort der SS f\u00fcr die Ermordung der europ\u00e4ischen Juden. &#8216;Selektion&#8217; ist vielleicht kein &#8216;offizieller&#8217; NS-Terminus gewesen (Germanisten und Historiker streiten dar\u00fcber), aber seit den sechziger Jahren der g\u00e4ngige Begriff, um zu beschreiben, was SS-M\u00e4nner an der Rampe von Auschwitz taten, wenn sie Menschen aussortierten: Die einen wurden in die Gaskammer geschickt, die anderen der &#8216;Vernichtung durch Arbeit&#8217; zugewiesen. Es ist nicht angebracht, mit solchen Begriffen den Polizeieinsatz in K\u00f6ln zu beschreiben.&#8221;\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur dieses Eingest\u00e4ndnis, kein Wort der Entschuldigung. Stattdessen eine Relativierung mittels dem Verweis auf wissenschaftliche Strittigkeiten. Und die folgende Formulierung &#8220;bel\u00e4sst es aber nicht bei einer Kritik der Wortwahl&#8221; spricht B\u00e4nde, soll sich doch der Leser seinen Teil denken.<\/p>\n<h4>Wie kamen diese Begriffe in Herwartz&#8217; Texte?<\/h4>\n<p>Die konkreten Rechtfertigungen k\u00f6nnten kleinlicher nicht sein:  &#8220;&#8216;Sonderbehandlung&#8217; wurde dem Korrespondenten von einer Redakteurin in seinen Kommentar hineinredigiert.&#8221; Da\u00df sie sich der historischen Bedeutung des Begriffs nicht bewu\u00dft gewesen ist \u2013 geschenkt. Die Erkl\u00e4rung (nicht: Entschuldigung), sie sei damit nicht allein, ist wirklich schwach. Aber es kommt noch schw\u00e4cher: Richtig, es folgt tats\u00e4chlich das albernste aller Argumente &#8211; <strong>die anderen machen das doch auch so.<\/strong> Und die taz entbl\u00f6det sich auch nicht, neben 400.000 Google-Treffern als &#8220;Beweis&#8221; eine &#8220;Sonderbehandlung&#8221;-Headline aus der Welt (ja, der) herbeizuzitieren.<\/p>\n<p>Scheinbar hat man sich hier so derma\u00dfen in seine UnanTAZbarkeit hineingesteigert, da\u00df die unterschiedlichen Themenfelder nicht weiter ins Gewicht fallen. Eine &#8220;Sonderbehandlung&#8221; beim Fu\u00dfball ist eben doch was anderes als Auschwitzrampenvokabular in einem Artikel \u00fcber Bahnhof und eingekesselte Fremdl\u00e4nder. Und als sei das der Verblendung noch nicht genug, werden weiter noch heute g\u00e4ngige Begriffe aufgef\u00fchrt, die im Dritten Reich auch mal eine Rolle gespielt haben &#8211; je unverd\u00e4chtiger, desto besser: &#8220;schlagartig&#8221;, &#8220;im Endeffekt&#8221;, wohl auch &#8220;Einkesselung&#8221;. Alles Nazis.<\/p>\n<p>Und dann noch der Holocaust-Overkill. Au\u00dferdem mein Lieblingshinweis, die K\u00f6lner Polizei selbst h\u00e4tte angefangen; also mit der Verwendung des Wortes &#8220;Selektieren&#8221;. Das macht Euren Fehltritt doch nur noch schlimmer, taz! Aber Hauptsache bei allen anderen ist Gleichsetzung schlimm, Euch kann das ja mal passieren. Kein Grund, sich zu entschuldigen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i.imgur.com\/ub6npug.png\" width=\"1024\" height=\"512\" class=\"alignnone\" \/><\/p>\n<p>Jetzt habe ich mich ganz sch\u00f6n Rage geschrieben. Obwohl das doch eigentlich nur ein kurzer Vorlauf f\u00fcr mein eigentliches Anliegen werden sollte. Keine Woche vor dem obigen Artikel ist auf taz.de n\u00e4mlich ein Text mit der \u00dcberschrift <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Sexistische-Artikelbezeichnungen\/!5366641\/\">Sexistische Artikelbezeichnungen: Peeeeeeniiiiiiis!<\/a> erschienen. Ein Tage davor in der Printausgabe ist man \u00fcbrigens noch <a href=\"http:\/\/www.taz.de\/Archiv-Suche\/!5365545&amp;s=&amp;SuchRahmen=Print\/\">clicksheischende Headline<\/a> ausgekommen.<\/p>\n<p>Ich besitze kein Kleidungsst\u00fcck der Marke Naketano und ich finde die Produktnamen in der \u00fcberwiegenden Mehrzahl auch total daneben. Sind &#8220;Supapimmel&#8221; und &#8220;Glitzermuschi&#8221; nur pubert\u00e4r albern, h\u00f6rt der Spa\u00df bei Bezeichnungen wie &#8220;Versehentlich reingesteckt&#8221; oder &#8220;Spreiz mal mit Gem\u00fctlichkeit&#8221; definitiv auf.<\/p>\n<h4>Ja, da schwingt die Rape Culture mindestens mit.<\/h4>\n<p>Das ist im Einzelfall auch sicherlich mehr als kritikw\u00fcrdig, keine Frage. Der Artikel allerdings ist von einem rigorosen Furor getrieben, der vom Kleinsten kommend gleich das ganz gro\u00dfe Fa\u00df aufmacht: &#8220;die neue Uniform f\u00fcr den Kampf gegen das Gender-Mainstreaming&#8221;, &#8220;Dunstkreis der Identit\u00e4ren&#8221;, &#8220;ideologische Ankn\u00fcpfungspunkte zu Neu-Rechten und Maskulinisten&#8221;. Drunter geht f\u00fcr Aufspieler als moralische Instanz nicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den n\u00e4chsten Punkt erinnern wir uns an oben besprochenen Rausrede-Artikel: Denn auf einmal ist die &#8220;gesellschaftliche Verfasstheit&#8221; doch ein Problem. Was die taz bei Nazijargonvorw\u00fcrfen gegen sie selbst als Rechtfertigung anf\u00fchrt, das wird im Falle dieser Sexismusskandalisierung als Selbstentlarvung interpretiert. Sobald man sie nicht mehr dazu benutzen kann, eigene Fehler kleinzureden, kann sie anderen auf kategorischste Weise angekreidet werden. Als g\u00e4be es nur Schwarzbraun und Wei\u00df statt unterschiedlichster Graut\u00f6ne.<\/p>\n<p>Aber damit ist das Ende der Reichskriegsfahnenstange noch nicht erreicht. Es geht noch eine Nummer gr\u00f6\u00dfenwahnsinniger:<\/p>\n<blockquote><p>\n  Kapitalismus eben. Kapitalakkumulation, Wertsteigerung und Profit. Was Betroffene sexualisierter Gewalt dabei f\u00fchlen, denken und dazu zu sagen haben, interessiert nicht.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Und zu guter Letzt k\u00f6nnte man in das Artikelende auch noch Trotz hineinlesen. Als w\u00e4re die wortw\u00e4hlerische Totaltonalit\u00e4t des Textes fehlender Kommunikationsbereitschaft seitens des Klamottenherstellers geschuldet.<\/p><\/div>\n<div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class='e-content p-summary'>Die taz hat sich &#8211; meiner Meinung nach recht ausweichend &#8211; zum Vorwurf (J\u00fcdische Allgemeine) ge\u00e4u\u00dfert, sie h\u00e4tte in ihrer Berichterstattung zum Polizeieinsatz w\u00e4hrend der K\u00f6lner Silvesternacht nationalsozozialistisches Vokabular gebraucht. 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