{"id":10062,"date":"2015-10-16T14:26:51","date_gmt":"2015-10-16T13:26:51","guid":{"rendered":"http:\/\/drikkes.com\/?p=10062"},"modified":"2015-10-16T14:26:51","modified_gmt":"2015-10-16T13:26:51","slug":"hey-auge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/drikkes.com\/?p=10062","title":{"rendered":"Hey, Auge!"},"content":{"rendered":"<div class='e-content'>Meine Sekundarschulzeit w\u00e4hrend der 90er-Jahre am Niederrhein scheint sich nicht gro\u00dfartig von der anderer <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/feature\/schulzeit-sitzenbleiber-abriss-simon-urban\">M\u00e4nner z.B. in Hagen<\/a> unterschieden zu haben. Eben mehr oder weniger Westdeutschland. Nur steht &#8220;mein&#8221; Gymnasium immer noch, w\u00e4hrend der Bau, in dem <strong>Simon Urban<\/strong> die Schulbank gedr\u00fcckt hat, nach Jahren des Leerstands nun abgerissen wird.<\/p>\n<blockquote><p>\n  1883, als H\u00f6here Stadtschule er\u00f6ffnet, war dieses Geb\u00e4ude eine Sch\u00f6nheit. Genau so muss eine Schule aussehen, denke ich beim Anblick des Fotos. Gerade in unserer Zeit, in der br\u00e4sige Architekten nur noch perfekt ged\u00e4mmte Kl\u00f6tze k\u00f6nnen. Nachhaltigkeit ist heute alles, nachhaltige \u00c4sthetik ist nichts. Wie sollen junge Leute eigentlich Baukunstwerke sch\u00e4tzen lernen, wenn sie ihr Leben lang nur in \u00f6kologisch-korrekten W\u00fcrfeln unterrichtet werden?\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Das <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gymnasium_Thomaeum\">Thomaeum in Kempen<\/a> mag \u00fcber 200 Jahre \u00e4lter sein, nach einigen Umz\u00fcgen residiert aber in einem ganz \u00e4hnlich repr\u00e4sentativen Haus mit hohen Decken und morschen Fenstern &#8211; inklusive zweier h\u00e4\u00dflicher Funktionsanbauten, von denen nur einer ansatzweise auf diesem Photo zu erkennen ist.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gymnasium_Thomaeum#\/media\/File:Kempen,_Gymnasium_Thomaeum.JPG\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/a\/ab\/Kempen%2C_Gymnasium_Thomaeum.JPG\/1024px-Kempen%2C_Gymnasium_Thomaeum.JPG\" width=\"1024\" height=\"694\" class=\"alignnone\" \/><\/a><\/p>\n<p>Was Urban \u00fcber den Zusammenhang von P\u00e4dagogik, Architektur und \u00d6kologie schreibt, halte ich allerdings f\u00fcr ausgemachten Quatsch. Es gibt mehrere Stellen in dem recht langen Text, die ein wenig zu sehr auf Effekthascherei ausgelegt sind. Findet er dieses spie\u00dfige Kokettieren mit dem eigenen Konservatismus selbst witzig oder schreibt er solche letztlich doch die eigene Weltsicht wohlig best\u00e4tigende Pseudoprovokationen lediglich mit Blick auf sein bildungsb\u00fcrgerliches ZEIT-Publikum?<\/p>\n<blockquote><p>\n  Man kann die b\u00fcrgerlichen Halbstarken vor sich sehen, wie sie ihre hilflosen Maximal-Provokationen gegenseitig bewundern, weil es sonst niemand tut. Und dabei, ohne gro\u00df nachzudenken, das Dass richtig schreiben. Randalierende Gymnasiasten halt.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Netter Spruch. \u200bDoch woher wei\u00df der Autor, da\u00df (ja, alte Rechtschreibung) es keine Realsch\u00fcler gewesen sind, die nachts ins Geb\u00e4ude eingedrungen sind &#8211; wie er selbst am hellichten Tag &#8211; und die W\u00e4nde der Schulruine beschmiert haben? Weil er von sich auf andere schlie\u00dft? So kann er sich an einer Stelle \u00fcber die herbeiphantasierte Einf\u00fchrung der &#8220;Pflichtf\u00e4cher Fl\u00fcchtlingshilfe, Wein-Degustation und Originelles Kochen&#8221; lustig machen, nur um an anderer Stelle den Bildungskanon als \u00fcberkommen und realit\u00e4tsfern zu kritisieren.<\/p>\n<blockquote><p>\n  Es ist der alte Gymnasialglaube daran, dass abstrakte Rechenaufgaben relevanter sind als die F\u00f6rderung von Kreativit\u00e4t. Dass ein Volleyball-Leistungskurs wichtiger ist, als Sch\u00fclern beizubringen, wie man Steuererkl\u00e4rungen macht oder mit Lebensmitteln so umgeht, dass m\u00f6glichst wenig weggeworfen werden muss. Dass Religion als ordentliches Schulfach angesehen wird, statt Teil des Geschichtsunterrichts zu sein. Oder der M\u00e4rchenanalyse.\n<\/p><\/blockquote>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.jahrbuch-vulkaneifel.de\/VT\/hjb1982\/bilder\/Image585.gif\" width=\"812\" height=\"522\" class=\"alignnone\" \/><\/p>\n<p>Und trotzdem habe ich den Text gerne gelesen. Etwa wegen der Beschreibung des pensionierten Hausmeisters. Vor allem aber wegen dieses Abschnitts, den ich nur zu gut nachvollziehen kann:<\/p>\n<blockquote><p>\n  Ich sehe mich selbst beim Versuch, es allen zu zeigen. In einem exemplarischen Nebenfach Klassenbester zu werden. Durch vorbildlichste Hausaufgaben, konzentriertes Lernen, penetrantes Teilnehmen am Unterricht. Weil sich an meiner wackligen 4 trotzdem nichts \u00e4ndert, drehe ich den Spie\u00df um und beginne nach dem Unterricht, die Lehrerin zu kontrollieren: Ich gleiche Stunde f\u00fcr Stunde die Anzahl ihrer notierten Wortmeldungen mit meinen Notizen ab. Stur wie ich bin, n\u00f6tige ich sie, Fehler zu korrigieren und mir meine tats\u00e4chliche Wortmeldungsmenge gutzuschreiben. Schlie\u00dflich ist diese d\u00e4mliche Quantit\u00e4t die erkl\u00e4rte Grundlage ihrer Notenfindung. Der aufreibende Zweikampf hebt mich zum Jahresende auf eine gn\u00e4dige 3. Die traditionelle Supersch\u00fclerin unserer Klasse, die in Hauptf\u00e4chern ausschlie\u00dflich Topleistungen produziert, hat im selben Zeitraum eigentlich nur Schiffe versenken gespielt \u2013 daf\u00fcr bekommt sie wie immer ihre 1, und ich lerne tats\u00e4chlich etwas f\u00fcrs Leben: Image schl\u00e4gt Inhalt.\n<\/p><\/blockquote>\n<p>\u200b\u200bBei mir war das Religion in der 12. Jahrgangsstufe, nachdem ich mein sp\u00e4teres Studienfach Philosophie sofort wieder abgew\u00e4hlt hatte. Am Ende f\u00fchrte ich \u00fcber Aufzeigen und Wortbeitr\u00e4gen eine Strichliste, kontrolliert von meinem Banknachbarn. Allein, es half alles wenig. Den mindestens drei Meldungen pro Unterrichtsstunde meinerseits standen keine zehn der braven Eva gegen\u00fcber &#8211; im kompletten Halbjahr. Daf\u00fcr erhielt sie wie immer ihre 2+, mich stufte die Lehrerin nach Diskussionen gn\u00e4dig von einer 4 auf eine 3. Das beste daran war aber ihre Begr\u00fcndung: Sie legte mir n\u00e4mlich das Ignorieren reiner Repetionsfragen als Arroganz aus. &#8220;Sie, Herr Spree, melden sich ja nur bei Fragen, die sonst niemand beantworten kann.&#8221;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" width=\"640\" height=\"360\" src=\"https:\/\/www.youtube-nocookie.com\/embed\/kPMRkQK2szI?rel=0&amp;controls=0&amp;showinfo=0\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/div>\n<div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class='e-content p-summary'>Meine Sekundarschulzeit w\u00e4hrend der 90er-Jahre am Niederrhein scheint sich nicht gro\u00dfartig von der anderer M\u00e4nner z.B. in Hagen unterschieden zu haben. 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