{"id":49,"date":"2010-02-01T12:28:38","date_gmt":"2010-02-01T11:28:38","guid":{"rendered":"http:\/\/drikkes.com\/?page_id=49"},"modified":"2023-01-15T19:48:20","modified_gmt":"2023-01-15T18:48:20","slug":"zu-harold-adams-innis","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/drikkes.com\/?page_id=49","title":{"rendered":"Harold Adams Innis"},"content":{"rendered":"<div class='e-content'><h5>\/ Zeitdruck \/\/ Druckkunst \/\/\/ Kunststaat \/\/\/\/<\/h5>\n<h3>1) Zeit<\/h3>\n<p>Der Wirtschaftshistoriker und \u201eArch\u00e4ologe der Medienwis\u00adsenschaft\u201c (Karlheinz Bark) Harold Adams Innis (1894-1952) legt in dem Text \u201aEin Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Zeit\u2019<a id=\"refA\" href=\"#A\"><sup>1<\/sup><\/a> den Schwerpunkt seiner Ge\u00adschichtsbetrachtung auf die Doppelung von Zeit. F\u00fcr ihn ist Zeit n\u00e4mlich keine gegebene, ewige Konstante, sondern zum einen handelt es sich bei ihr um ein B\u00fcndel von Konzepten (etwa: astro\u00adnomische Zeit, gesellschaftliche Zeit, usw.), zum anderen unterliegt die derartige Wahrnehmung von Zeit, also auch ihre Vorstellung und damit letztlich der Zeitbegriff selbst, einer fortschreitenden Ver\u00e4nderung. Demnach mu\u00df der Historiker nicht nur zwei Zeiten, sondern zwei Zeitbegriffe voneinander trennen, um sie dann zu\u00adeinander in Beziehung zu setzen: Erstens die Zeit, \u00fcber die er schreibt und zweitens die Zeit, in der er schreibt. Diese \u00dcberle\u00adgung f\u00fchrt Innis zu der Warnung, nicht in \u201eAltert\u00fcmelei\u201c oder \u201e\u00fcbertriebene Gegenwartsbezogenheit\u201c<a id=\"refB\" href=\"#B\"><sup>2<\/sup><\/a> zu verfallen.<\/p>\n<p>Nach Innis beginnt mit den humanistischen Studien der Renais\u00adsance die Vorherrschaft des linearen Zeitkonzepts<a id=\"refC\" href=\"#C\"><sup>3<\/sup><\/a>; als Kulminations\u00adpunkt dieser Entwicklung nennt er die Kalenderre\u00adform durch Papst <strong>Gregor XIII.<\/strong> im Jahre 1582. Vorher ist das zykli\u00adsche Weltbild bestimmend; ist die lineare Z\u00e4hlweise der Jahres\u00adeinheiten lediglich eine Art Notl\u00f6sung gewesen, da der exakte Zeitpunkt des J\u00fcngsten Gerichts den Menschen unbekannt gewesen ist, so wird sie dann allm\u00e4hlich zum Prinzip erhoben. Geschichtliche Betrachtungen be\u00adginnen sich von der Philosophie, welche damals noch beinahe vollkommen im Dienste der Religion gestanden hat, zu l\u00f6sen<a id=\"refD\" href=\"#D\"><sup>4<\/sup><\/a>, bis durch <strong>Herder<\/strong> sogar der Supremat der Geschichte \u00fcber die Philo\u00adsophie verk\u00fcndet wird, und die Mathematik gewinnt an Bedeutung wie seit der klassischen Antike nicht mehr. So kann man die Kalen\u00adderreform auch als aktive Kapitulation verstehen, als letzten gro\u00dfen Versuch der Kirche, das Kontrollmonopol \u00fcber die Zeit beim sich langsam abzeichnen\u00adden Auseinanderdriften der Kongruenz von Christentum und Abendland in ihren H\u00e4nden zu konservieren. Vielleicht kann man in der Wendung zur Geschichtlichkeit hin eine Kompensation zur Vorstellung einer linearen Chronologie sehen, durch Erinnerung und Tradition soll Stabilisierung erreicht werden. Geschichte ist eine Form der Zeitwahrnehmung.<\/p>\n<p>Als Medientheoretiker verbreitet Innis nicht Aussagen \u00fcber die Zeit an sich, seine Perspektive ist der technische Aspekt von Zeit, ihre Me\u00dfbarkeit; ihn interessieren die Medien, welche die Zeit anzeigen. Je weiter man zur\u00fcckgeht, desto mehr wird das Messen von Zeit zu einem Privileg und bedeutet somit auch das Kontrollieren von Zeit und damit Macht, wie man am Beispiel der Priesterkaste im alten \u00c4gypten sieht. Die Herrschaft \u00fcber die Zeit bedeutet in erster Linie Kontinuit\u00e4t. Mit der Demokratisierung der Uhrzeit, k\u00f6nnte man im Sinne <strong>Marx<\/strong>\u2019 sagen, wird die Leibeigenschaft zur Zeiteigenschaft. Das bringt uns auch zur Hauptthese der Innis\u2019schen Theorie, n\u00e4mlich da\u00df \u201edie Stabilit\u00e4t einer Gesellschaft vom Gesp\u00fcr f\u00fcr das richtige Gleichgewicht zwischen Raum- und Zeitbegriffen abh\u00e4ngt (&#8230;) Eine Zivilisation m\u00fcssen wir sowohl bez\u00fcglich ihres Territoriums als auch ihrer Dauer beurteilen.\u201c<a id=\"refE\" href=\"#E\"><sup>5<\/sup><\/a> Herrschaftssysteme streben also f\u00fcr ihren Erhalt in Raum und Zeit nach einer Balance der Begriffe dieser beiden Dimensionen.<\/p>\n<h3>2) Druck<\/h3>\n<p>Im siebten Kapitel von \u201aEmpire and Communication\u2019 (1950) widmet sich Innis der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch <strong>Gutenberg<\/strong> und den daraus resultierenden Folgen. Die Wechselwirkung von Buchdruck und Alphabetisierung ist of\u00adfensichtlich: Je mehr B\u00fccher vorhanden und verf\u00fcgbar sind, desto einfacher k\u00f6nnen und wollen die Menschen lesen und damit auch schreiben lernen, und je mehr die Leute diese Kommunikations\u00adtechniken beherrschen, desto mehr finden die gedruckten B\u00fccher Verbreitung.<a id=\"refF\" href=\"#F\"><sup>6<\/sup><\/a><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus sind die Ver\u00e4nderungen noch weitreichende\u00adrer Art. Zuerst setzt eine allm\u00e4hliche Umorientierung des Wissen\u00adschaftsbegriffs ein: Es ist beileibe kein Zufall, da\u00df die Erfindung des Buchdrucks das Ende der aristotelisch beein\u00adflu\u00dften Scholastik zugunsten einer eher empirischen Systematik, wie sie etwa <strong>Francis Bacon<\/strong> in seinen Schriften \u201aNovum Organon\u2019 oder \u201aThe Advancement of Knowledge\u2019 propagiert hat, einl\u00e4utet. Mit <strong>Descartes<\/strong> l\u00f6st die Erkenntnistheorie die Metaphysik als \u201eprima philosophia\u201c ab.<a id=\"refG\" href=\"#G\"><sup>7<\/sup><\/a> Von dieser Neuordnung der Grundlagen aus greift die Entwicklung in nahezu alle Bereiche des menschlichen Lebens \u00fcber, wobei Geschwindigkeit und St\u00e4rke ihrer Durchset\u00adzungskraft nicht nur von ihr selbst abh\u00e4ngt, sondern auch vom ent\u00adgegengebrachten Widerstand der alten Institutionen, welche ihre Macht durch sie gef\u00e4hrdet sehen. Man kann beispielsweise ver\u00adeinfacht sagen, da\u00df sich die Entwicklung vom Handwerk zur Indu\u00adstrie gegen den Willen der Gilden und Z\u00fcnfte durchgesetzt hat.<a id=\"refH\" href=\"#H\"><sup>8<\/sup><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1849\" title=\"Bild 2\" src=\"http:\/\/drikkes.wordpress.com\/files\/2009\/05\/bild-2.png\" alt=\"Bild 2\" width=\"450\" height=\"60\"\/><\/p>\n<p>Um die Intensit\u00e4t der Ver\u00e4nderung an der Basis in ihrem ganzen Ausma\u00df zu erkennen, ist es hilfreich, sich die Situation davor noch einmal zu vergegenw\u00e4rtigen: Auf institutioneller Ebene besa\u00df die katholische Kirche nahezu ein Bildungsmonopol, wissenschaftliches Arbeiten fand ausschlie\u00dflich in einigen Kl\u00f6stern statt und beschr\u00e4nkte sich auf die Scholastik, war also weit vom heutigen Begriff entfernt, in dem die Naturwissenschaften eine immer beherrschendere Rolle einnehmen. Bibliotheken waren ein wahrer Schatz, da B\u00fccher handschriftlich in Kanzleien hergestellt werden mu\u00dften. Unter diesen Voraussetzungen war nat\u00fcrlich auch das Konsumieren von Texten ein anderes als heutzutage. Das Lesen wurde als eine monastische T\u00e4tigkeit erlebt, bei der Begabung, \u00dcbung und Zucht vonn\u00f6ten waren. Hatte man die verschiedenen Phasen des <em>studium legendi<\/em> durchlaufen (memoria, historia, analogia, anagogia), dann erreichte man den \u00dcbergang von der <em>cogitatio<\/em> zur <em>meditatio<\/em>, so da\u00df durch die Intensit\u00e4t des Lesevorgangs ein gleichzeitiges Verstehen zustande kommen sollte. Auf diese Weise wurde sich der Text sozusagen buchst\u00e4blich einverleibt, denn das Lesen war damals eine aktivere K\u00f6rpert\u00e4tigkeit als waagerechte Pupillenbewegung und gelegentliches Umbl\u00e4ttern; man las laut mit dem Finger an der Zeile.<a id=\"refI\" href=\"#I\"><sup>9<\/sup><\/a> Die Schrift war also kein so abgek\u00fchltes Medium, wie es <strong>Marshall McLuhan<\/strong><a id=\"refJ\" href=\"#J\"><sup>10<\/sup><\/a> f\u00fcr die heutige Zeit behaupten kann.<\/p>\n<p>Der Buchdruck revolutioniert diese Welt, die mechanische Vervielf\u00e4ltigung der Schrift ist der Ausgangspunkt f\u00fcr das Abk\u00fchlen dieses Mediums. Er nimmt nicht nur eine Vorreiterrolle an und hat Vorbildcharakter f\u00fcr alle folgenden Markteinf\u00fchrungen nicht nur technischer Erfindungen, die \u00d6ffentlichmachung des Wissens durch allm\u00e4hliche Archivierung und der dadurch entstehende objektivere Zugriff auf selbiges erm\u00f6glicht die sp\u00e4teren Entwicklungen zu einem Gro\u00dfteil erst.<\/p>\n<p>Ein Beispiel aus der Religion: Die Bibel\u00fcbersetzung <strong>Martin Luther<\/strong>s ist der erste wirkliche Bestseller im noch jungen Druckzeitalter auf deutschsprachigem Gebiet. Sein Einflu\u00df auf die Normierung der deutschen Sprache, ja \u00fcberhaupt das Entstehen dieser Nationalsprache aus unz\u00e4hligen einzelnen Dialekten, ist oft hervorgehoben worden und braucht hier deshalb nicht noch einmal besonders ausgebreitet werden. Mit der Schrift \u201aVon der babylonischen Gefangenschaft der Kirche\u2019 (1520)<a id=\"refK\" href=\"#K\"><sup>11<\/sup><\/a> gibt Luther quasi eine Gebrauchsanweisung f\u00fcr das Lesen seiner gedruckten Bibel\u00fcbersetzung.<\/p>\n<p>Sein Ausgangspunkt ist das Anprangern von Ausw\u00fcchsen der Institution Kirche wie etwa dem Abla\u00dfwesen. Er will zur\u00fcck zum Primat des Wortes Gottes, und die Ver\u00e4nderung der Mediensituation kommt ihm dabei zur Hilfe, denn es ist etwas anderes, ob ein auserw\u00e4hltes Volk die Bundeslade mit seinem einzigartigen Inhalt plus ein paar Thorarollen f\u00fcr die Gelehrten mit sich herumtr\u00e4gt, oder die potentielle M\u00f6glichkeit besteht, jeden Haushalt in prinzipiell jedem christlichen Land mit einer gedruckten Bibel\u00fcbersetzung zu versorgen. Auf diese Weise wird die R\u00fcckkehr zu den Wurzeln der Religion zu einer politischen Bildungsforderung, wenn die Mehrzahl der eingef\u00fchrten Sakramente wieder verworfen wird und das kollektive Ritual seine F\u00fchrungsrolle zugunsten der individuellen Lekt\u00fcre aufgeben soll.<a id=\"refL\" href=\"#L\"><sup>12<\/sup><\/a> Allerdings entwickelt sich hieraus nicht eine Individualreligion f\u00fcr jeden einzelnen, vielmehr wird die gemeinsame Basis durch die Vereinheitlichung der Drucktechnik noch gesteigert. F\u00fcr Luther sind dabei die Begriffe <em>Zeugnis<\/em> und <em>Gesetz<\/em> von entscheidender Bedeutung.<\/p>\n<h3>3) Kunst<\/h3>\n<p><strong>Walter Benjamin<\/strong>s ber\u00fchmter Aufsatz \u201aDas Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit\u2019<a id=\"refM\" href=\"#M\"><sup>13<\/sup><\/a> aus den 1930er Jahren geh\u00f6rt zu den fr\u00fchen Versuchen, einer durch technische Medien ver\u00e4nderten kulturellen Wirklichkeit Rechnung zu tragen. Benjamin sucht dabei den systematischen Vergleich zwischen einer Epoche der manuellen Herstellung und Reproduktion von Kunstwerken einerseits und der Gegenwart der technisch-massenhaften Produktion andererseits. Damit beschreibt er nicht nur den Zusammenhang von Mediengef\u00fcgen und gesellschaftlichen Voraussetzungen, sondern er reflektiert auch unterschiedliche Dispositive, vor allem die der Malerei und des Films. Nicht nur Kunstwerke ver\u00e4ndern sich, sobald sie technisch reproduzierbar geworden sind, sondern der Begriff des Werks selbst wird ein anderer. Benjamin unterzieht erstmals auch die Idee des Apparathaften einer genaueren Untersuchung und liefert so Einblicke in die Warnehmungs- und Rezeptionsbedingungen technischer Medien. Dem \u201aKunstwerk\u2019-Aufsatz gelingt so der Entwurf einer Reihe von Konzepten, welche auch heute noch die Diskussion innerhalb der Medienkultur bestimmen: die Frage nach der Authentizit\u00e4t, das Verh\u00e4ltnis von Original und Kopie sowie von Tradition und Moderne und nicht zuletzt die Frage nach der historischen Wandelbarkeit von Daseinsweise und Sinneswahrnehmung. Von dieser Perspektive aus kann man die beiden letzten Begriffe ohne weiteres in die von Kultur und Medien \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>So richtig Benjamins \u00dcberlegungen zu diesem Thema sind, setzen sie doch eine Entwicklungsstufe zu sp\u00e4t ein: Die Erfindung des Buchdrucks ist ihm wohl schon durch jahrhundertelange Benutzung derart vertraut, da\u00df sie keine Erw\u00e4hnung findet. Dabei lassen sich durchaus Parallelen ziehen, etwa zum Verh\u00e4ltnis von Malerei und Photographie. Im Gegensatz zum betrachteten Gem\u00e4lde ist das Anschauungsobjekt Photo kein Kunstwerk im herk\u00f6mmlichen Sinne, da es kein Original mehr darstellt; von ihm lassen sich beliebig viele Abz\u00fcge nebeneinanderlegen, ohne da\u00df ein Unterschied feststellbar ist. Die Bezeichnung Kunstwerk geht also vom Positiv auf das ihm zugrundeliegende Negativ \u00fcber, auf dem das K\u00fcnstlerische allerdings schwerer auszumachen ist. Das Endprodukt des betrachtbaren Photopositivs verliert im Vergleich zum Gem\u00e4lde etwas von seiner Aura.<\/p>\n<p>Vergleicht man nun einen wertvollen handschriftlichen Codex aus dem zehnten Jahrhundert mit einem heutigen, maschinell gefertigten Taschenbuch, ist die Analogie offensichtlich. Auf der einen Seite ein reich verzierter Umschlag und oftmals Illustrationen, der Text selbst bei guter Ausf\u00fchrung eine kalligraphische Meisterleistung, auf der anderen Seite schlichtweg ein Gebrauchsgegenstand mit h\u00f6chstens individuell-ideellem Wert, zumindest definiert ihn das geltende Recht so. Das Negativ des massenproduzierten Textes w\u00e4re also der Analogie nach das Manuskript des Autors<a id=\"refN\" href=\"#N\"><sup>14<\/sup><\/a>, doch trifft es den Kunstbegriff nicht wirklich, da man niemandem die Autorschaft eines Textes abspr\u00e4che, nur weil er, anstatt die Worte selbst niederzuschreiben, sie seiner Sekret\u00e4rin diktiert oder ein Spracherkennungsprogramm benutzt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Mit der Erfindung des Buchdrucks setzt eine Entwicklung in der Literatur ein, die Idee von ihrer Ausf\u00fchrung zu trennen, wobei ersteres immer mehr an Bedeutung gewinnt. Da\u00df die Urheber mittelalterlicher Schriften heute unbekannt sind, liegt nicht nur an der inzwischen vergangenen Zeit, sie sind es auch damals oft gewesen, wohingegen der Ausf\u00fchrende (z. B. Minnes\u00e4nger) mehr Beachtung genossen hat. Daran \u00e4ndert die Tatsache auch nichts, da\u00df in vielen F\u00e4llen Vortragender und Autor ein und dieselbe Person sind. Dieser Trend greift zum Teil durch neue Erfindungen von der Literatur auf andere Gebiete der Kunst \u00fcber; <strong>Kasimir Malewitsch<\/strong>s ,Schwarzes Quadrat\u2019 h\u00e4tte auch ein anderer malen k\u00f6nnen, wichtig ist die Idee dazu. Und der Trend setzt sich nicht nur fort, er steigert sich auch; Benjamin hat richtig erkannt, das die Maschine bei der Ausf\u00fchrung von Kunst eine zunehmend wichtigere Rolle spielt. Physikalische und chemische Vorg\u00e4nge innerhalb des Photoapparates \u00fcbernehmen die eigentliche \u201eArbeit\u201c des K\u00fcnstlers, er mu\u00df diese Vorg\u00e4nge noch nicht einmal verstehen, es reicht, wenn er auf den Ausl\u00f6ser dr\u00fcckt. Das ist nun aber nicht erst seit der industriellen Revolution so, auch die Druckerpresse ist eine Maschine.<\/p>\n<h3>4) Staat<\/h3>\n<p>Wir leben im vielzitierten \u201eMedienzeitalter\u201c, benutzen den Begriff, als ob vor den neuen, den elektronischen nie andere Medien existiert h\u00e4tten, dabei hat vielmehr jedes Zeitalter sein eigenes Medium. Medien erm\u00f6glichen Kommunikation erst, sie sind deshalb in jedwedem Gesellschaftssystem unentbehrlich, egal wie Herrschaft darin organisiert ist.<br \/>\nIn der griechischen Antike, ob nun Demokratie, Oligarchie oder Monarchie, ist die Polis das vorherrschende Staatsmodell, was seine Ursache haupts\u00e4chlich darin hat, da\u00df zum Regieren eines gro\u00dfen Territorialstaates die geeigneten Medien nicht vorhanden gewesen sind.<a id=\"refO\" href=\"#O\"><sup>15<\/sup><\/a> Das Reich Alexanders des Gro\u00dfen bildet die regelbest\u00e4tigende Ausnahme, nach Innis ist seine nur kurze Existenz mit der \u00dcberbetonung der r\u00e4umlichen Dimension zu Lasten der Zeit zu erkl\u00e4ren. Das Medium dieser Epoche ist das origin\u00e4rste \u00fcberhaupt, sozusagen das Urmedium, n\u00e4mlich die menschliche Sprache.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1851\" title=\"Bild 4\" src=\"http:\/\/drikkes.wordpress.com\/files\/2009\/05\/bild-4.png\" alt=\"Bild 4\" width=\"450\" height=\"60\"\/><\/p>\n<p>Im Mittelalter sowie dem Absolutismus der fr\u00fchen Neuzeit pr\u00e4gt die personale Herrschaft das Prinzip der Staatsregierung; der K\u00f6nig besitzt eine so gro\u00dfe Machtf\u00fclle, da\u00df der Staat in dieser Form ohne ihn undenkbar w\u00e4re, weshalb er nicht nur den Staat verk\u00f6rpert, sondern <strong>Ludwig XIV.<\/strong> mit vollem Recht behaupten kann: \u201eDer Staat bin ich.\u201c Sein Wille ist Gesetz, den er seinen Untertanen per handschriftlicher Papyrusurkunde mitteilt, ein geeignetes Medium zur widerstandslosen Kommunikation in nur eine Richtung, also der des Befehlsempf\u00e4ngers. Ein Staat w\u00e4re nat\u00fcrlich auch ohne einen solchen F\u00fcrsten m\u00f6glich, was fr\u00fchere und sp\u00e4tere Beispiele zur Gen\u00fcge zeigen, doch w\u00e4re es eben ein anderer Staat. Seine Existenz legitimiert sich durch die blo\u00dfe Pr\u00e4senz, was die Wichtigkeit der Zeremonialwissenschaft zu dieser Zeit erkl\u00e4rt. So kann man den Absolutismus als das letzte Aufb\u00e4umen der mittelalterlichen Weltordnung sehen, in einer sich radikal ver\u00e4ndernden Umwelt versucht die Institution der Herrschaft sich dem kontinuierlich zu entziehen; indem sie den Wandel nicht zu stoppen, geschweige denn r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen im Stande ist, blendet sie die Umwelt einfach aus. Staatsform und Staatsinhalt sind in diesem Fall deckungsgleich, was die Kunstprodukthaftigkeit totalit\u00e4rer Staaten dieser Pr\u00e4gung verdeutlicht.<a id=\"refP\" href=\"#P\"><sup>16<\/sup><\/a><\/p>\n<p><strong>Gottfried Wilhelm Leibniz<\/strong> (1646-1716) hat die \u00dcberlebtheit dieses Systems bereits fr\u00fch erkannt. In seinem Text \u201aEntwurf gewisser Staatstafeln\u2019 geht die Legitimation von staatlicher Macht vom Zeremoniell auf die Verwaltung \u00fcber. Allerdings setzt die tats\u00e4chliche Umsetzung nicht von alleine ein, da bedarf es erst dem \u00e4u\u00dferen Umstand der notwendig gewordenen Neuordnung Europas nach der Niederlage <strong>Napoleon<\/strong>s \u00fcber hundert Jahre sp\u00e4ter. Trotz des Schlagwortes der Restauration, also der Wiederherstellung der Verh\u00e4ltnisse vor der Franz\u00f6sischen Revolution, war es unvermeidbar, die alte Ordnung den neuen Gegebenheiten anzupassen.<\/p>\n<p>Auch wenn Leibniz an der Staatsform keineswegs zweifelt, so versucht er dem Staat doch eine andere Basis zu geben, als dies die reine Personalherrschaft getan hat. Durch das Sammeln empirischer Daten (z. B. Volksz\u00e4hlung, Landkarten, etc.) und deren Archivierung, die wichtigsten davon in eben den Staatstafeln zusammengestellt, wird das anfangs als Regierungshilfe Gedachte zum eigentlichen Inhalt des Staates, n\u00e4mlich Volk und Territorium.<a id=\"refQ\" href=\"#Q\"><sup>17<\/sup><\/a> Der inflation\u00e4re Gebrauch des Ausdrucks \u201eMedienzeitalter\u201c l\u00e4\u00dft sich zu einem guten Teil aus der Tatsache herleiten, da\u00df wir heute nahezu alles als Medium begreifen, etwa auch Transportmittel. Der Grund daf\u00fcr liegt darin, da\u00df in der heutigen Zeit nicht ein Medium die Kommunikation beherrscht, sondern eine ganze Reihe mehr oder weniger gleichberechtigt nebeneinander steht und somit Vergleiche zwischen ihnen erst m\u00f6glich werden.<\/p>\n<h3>5) Schlu\u00df<\/h3>\n<p>Durch die neugewonnene M\u00f6glichkeit der Archivierung von momentan nicht ben\u00f6tigtem Wissen wurde der lineare Zeitbegriff gefestigt, denn nun war eine st\u00e4rkere Trennung von Vergangenheit und Gegenwart erreicht. Diese Entlastung des Ged\u00e4chtnisses lie\u00df eine gr\u00f6\u00dfere Konzentration auf den Fortschritt, also die sich im Jetzt manifestierende Zukunft, zu, was schlie\u00dflich dazu f\u00fchrte, da\u00df sich allgegenw\u00e4rtig gelebte Tradition in eine Wissenschaft von der Geschichte wandelte, auf die im Archiv zugegriffen werden konnte. Der Blick nach vorn mit immerhin abnehmbaren Scheuklappen ist einzig durch die unvorstellbare Vernichtung des Archivwesens r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<\/p>\n<p>Die letztlich vom Buchdruck ausgel\u00f6ste oder doch zumindest entscheidend gef\u00f6rderte Entwicklung von der Mimesis zur Innovation in der Kunst ver\u00e4ndert also nicht nur den Begriff vom Kunstwerk, sondern auch die Vorstellung vom K\u00fcnstler als Handwerker im oben beschriebenen Sinne hin zum blo\u00dfen Ideengeber, was auch selbstverst\u00e4ndlich auch Nachteile mit sich bringt. W\u00e4hrend \u00fcber den langen Zeitraum hinweg gut gelagerte Gem\u00e4lde etwa alter fl\u00e4mischer Meister bis heute keiner Restauration bed\u00fcrfen, verfaulen modernere Gebilde wie die action paintings eines <strong>Jackson Pollock<\/strong>s bereits jetzt an den W\u00e4nden der Museen. Die Verbindung von Kunst und Handwerk zur Bezeichnung Kunsthandwerk trifft heute nur noch auf die Goldschmiede und wenig andere aussterbende Berufe zu.<\/p>\n<p>Die Entwicklung hin zum Territorialstaatsmodell der Neuzeit steht in enger Verbindung mit der identit\u00e4tsstiftenden Wirkung des Nationsbegriffes in seinen beiden Bereichen Land und Leute, dazu geh\u00f6rt der schwer eingrenzbare Begriff Kultur mit all seinen Teilaspekten, zu dem aber sicherlich Sprache, Technik und Kunst zu z\u00e4hlen sind.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-full wp-image-1847\" title=\"Bild 5\" src=\"http:\/\/drikkes.wordpress.com\/files\/2009\/05\/bild-5.png\" alt=\"Bild 5\" width=\"450\" height=\"60\"\/><\/p>\n\n\n<p><h5>Fu\u00dfnotes<\/h5>\n1) \u201aA Plea for Time\u2019, 1950. Deutsch in: K. Bark (Hrsg.), Harold A. Innis \u2013 Kreuzwege der Kommunikation. Ausgew\u00e4hlte Texte <a id=\"A\" href=\"#refA\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n2) Dasselbe, S. 120 <a id=\"B\" href=\"#refB\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n3) Zumindest f\u00fcr das \u2013 noch \u2013 christliche Abendland, siehe die sp\u00e4tere, von Innis selbst als Beispiel angef\u00fchrte, chronologische Einteilung in v. und n. Chr. <a id=\"C\" href=\"#refC\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n4) Eines der fr\u00fchesten und in seiner Konsequenz das sowohl ber\u00fchmt, wie ber\u00fcchtigte Beispiel ist \u201aIl Principe\u2019 von Niccol\u00f2 Machiavelli, 1512\/13 geschrieben und erst f\u00fcnf Jahre nach dessen Tod, also 1532, in gedruckter Form ver\u00f6ffentlicht. <a id=\"D\" href=\"#refD\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n5) K. Bark, Kreuzwege der Kommunikation, S.122 <a id=\"E\" href=\"#refE\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n6) Aufgrund des weiten Bearbeitungsfeldes dieser Arbeit sei hier nur kurz auf eine \u00dcberlegung zum Distributionsproblem hingewiesen, also die B\u00fccher weitfl\u00e4chig zu den Lesern zu bringen. Hier zeigt sich das Zusammenspiel verschiedener Komponenten, denn w\u00e4ren die Transportmedien nicht vorhanden gewesen, h\u00e4tte die Erfindung des Buchdrucks kaum einen solchen Einflu\u00df aus\u00fcben k\u00f6nnen. Sie ist wohl der Hauptgrund, aber sicher nicht der einzige gewesen. Ein anderer Faktor ist beispielsweise das Vorhandensein Papier anstatt dem zuvor benutzten Pergament. <a id=\"F\" href=\"#refF\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n7) R. Descartes, Meditationes de prima philosophia <a id=\"G\" href=\"#refG\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n8) P. Heintel, Alternative Modellbildungen zur \u00d6konomie, S. 45: \u201eEinfache Hand-Werkszeuge konnten lange Zeit als Verl\u00e4ngerung und B\u00fcndelung von Organen, von Sinnlichkeit verstanden werden, ihr Gebrauch setzte F\u00e4higkeiten und \u00dcbungen des K\u00f6rpers voraus; es kam auf den einzelnen an und auf ein gutes einzelnes Ger\u00e4t. Das Werkzeug und sein Verwender sind noch etwas Besonderes &#8230; Typisch ist auch der Kult um das geheime Wissen, welches von denen, die ein Handwerk betrieben, gepflegt wurde. Die mittelalterliche Organisation der Handwerker in Gilden und Z\u00fcnften gibt auch Zeugnis dieser Praxis. Wissen wurde nicht \u00f6ffentlich gemacht, sondern rituell an \u2019Auserw\u00e4hlte\u2019 weitergegeben.\u201c <a id=\"H\" href=\"#refH\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n9) Gut beschrieben z. B. in: I. Illich, Im Weinberg des Textes <a id=\"I\" href=\"#refI\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n10) Hei\u00dfe Medien und kalte , in: Der McLuhan-Reader, S. 117-120 <a id=\"J\" href=\"#refJ\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n11) In: M. Luther, Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1970, S.69-80 <a id=\"K\" href=\"#refK\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n12) Die Massenalphabetisierung geht freilich zu Lasten der europ\u00e4ischen Verst\u00e4ndigung durch die universale Gelehrtensprache des Lateins, welche \u00fcber die Zeit an Bedeutung verliert. <a id=\"L\" href=\"#refL\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n13) Z. B. leicht gek\u00fcrzt in: L. Engell, u. a. (Hrsg.), Kursbuch Medienkultur, S. 18-33 <a id=\"M\" href=\"#refM\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n14) W\u00f6rtlich \u00fcbersetzt: Handschrift, auch wenn das in unserer Zeit nur noch selten zutrifft, aber das st\u00f6rt niemanden. Noch Truman Capote hat behaupten k\u00f6nnen, es g\u00e4be zwei Sorten von Schreibern, n\u00e4mlich Schriftsteller und Schreibmaschinenbenutzer. <a id=\"N\" href=\"#refN\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n15) Platon beispielsweise beziffert in der \u201aPoliteia\u2019 die Idealeinwohnerzahl seines utopischen Staates auf 5040 B\u00fcrger nebst deren Familien. <a id=\"O\" href=\"#refO\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n16) Letztendlich scheitert die mittelalterliche Personalherrschaft an der \u00dcberbetonung des Zeitbegriffes. Ihre Gemeinsamkeiten mit dem Absolutismus der fr\u00fchen Neuzeit erkl\u00e4rt Innis mit dem Hegelzitat: \u201e\u201aDie Eule der Minerva beginnt erst mit der D\u00e4mmerung ihren Flug&#8230;\u2019\u201c (K. Bark, Kreuzwege der Kommunikation, S. 69) <a id=\"P\" href=\"#refP\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><br \/>\n17) Ein fr\u00fches literarisches Beispiel dieser Theorie ist der mehrb\u00e4ndige Roman \u201aWunderliche Fata einiger Seefahrer&#8230;\u2019 von Johann Gottfried Schnabel (1. Band 1731), der nicht zuf\u00e4llig 1828 unter dem Titel \u201aInsel Felsenburg\u2019 eine Neuauflage erfuhr, inklusive einer Vorrede von Ludwig Tieck. <a id=\"Q\" href=\"#refQ\">&#x21a9;\ufe0e<\/a><\/p>\n<h5>Literaturverzeichnis<\/h5>\n<p>Baltes, Martin, u. a. (Hrsg.), Medien verstehen. Der McLuhan-Reader, Mannheim 1997<br \/>\nBarck, Karlheinz (Hrsg.), Harold A. Innis \u2013 Kreuzwege der Kommunikation. Ausgew\u00e4hlte Texte, Wien; New York 1997<br \/>\nDescartes, Ren\u00e9, Meditationes de prima philosophia. Lateinisch-Deutsch, Hamburg 1956<br \/>\nEngell, Lorenz, u. a. (Hrsg.), Kursbuch Medienkultur. Die ma\u00dfgeblichen Theorien von Brecht bis Baudrillard, Stuttgart 1999<br \/>\nHeintel, Peter, Alternative Modellbildungen zur \u00d6konomie, in: Berger, W. und Pellert, A. (Hrsg.), Der verlorene Glanz der \u00d6konomie, Wien 1993<br \/>\nIllich, Ivan, Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand, Frankfurt a. M. 1991<br \/>\nInnis, Harold A., Empire and Communications, Oxford 1950<br \/>\nKerckhove, Derrick de, Schriftgeburten. Vom Alphabet zum Computer, M\u00fcnchen 1995<br \/>\nLeibniz, Gottfried Wilhelm, Die Werke von G. W. L. gem\u00e4\u00df seinem handschriftlichen Nachla\u00df, Reihe 1; Band 5, Hannover 1866<br \/>\nLuther, Martin, Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche, in: Studienausgabe, Frankfurt a. M. 1970<br \/>\nMaresch, Rudolf und Werber, Niels (Hrsg.), Kommunikation, Medien, Macht, Frankfurt a. M. 1999<br \/>\nSchnabel, Johann Gottfried, Insel Felsenburg. Mit Ludwig Tiecks Vorrede zur Ausgabe von 1828, Stuttgart 1979<\/p>\n<\/div><div class=\"syndication-links\"><\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class='e-content p-summary'>\/ Zeitdruck \/\/ Druckkunst \/\/\/ Kunststaat \/\/\/\/ 1) Zeit Der Wirtschaftshistoriker und \u201eArch\u00e4ologe der Medienwis\u00adsenschaft\u201c (Karlheinz Bark) Harold Adams Innis (1894-1952) legt in dem Text \u201aEin Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Zeit\u20191 den Schwerpunkt seiner Ge\u00adschichtsbetrachtung auf die Doppelung von Zeit. 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