The Örgs Files

Brauche ich einen Aufhänger, um das hier zu posten? Die Änderungen bei Twitter kämen dafür wie gerufen. Ich will ja nicht jemand sein, der gleich den Weltuntergang herbeischreit, wenn sich Funktionalität und Design einer geliebten Webanwendung auch nur minimal weiterentwickeln, sehe das aber ähnlich wie @marcelweiss und @kosmar. Okay, und ich habe gerade erst ein paar Accounts wegen der Unsitte entfolgt, zu Links auf eigene Artikel immer ein Teaserbild mitposten zu müssen.

Aber was ich eigentlich sagen wollte:

Muß man sowas überhaupt posten? Vielleicht nicht. Aber sonst hätte ich diese Woche wohl fünf Euro in die Ironblogger-Kasse zahlen müssen.

silence / license

Auf faz.net/ im Zuge des anvisierten Börsengangs etwas zur aktuellen – wenn man es denn so nennen will – Strategie von Twitter. Die großen Wachstumszahlen sind beim Kurznachrichtendienst in der Tat vorbei, der Anteil der Passivnutzer erhöht sich. Das muß man in Gänze gar nicht so schwarz sehen wie @MicSpehr; ich denke im Gegensatz schon, daß sich in bestimmter Hinsicht Konsumenten sogar einfacher monetarisieren lassen als Produzenten. Doch ist ein Teilaspekt sicher unstrittig:

Twitter fördert diejenigen, die ohnehin schon prominent sind, vom Schauspieler oder Politiker bis hin zum Fernsehmoderator. Bekannte Namen und Netzprominenz werden bei Laune gehalten.

Kleiner Sprung zur Politik der verified accounts, für deren Willkürlichkeit Intransparenz Twitter wiederholt kritisiert worden ist. Von der Website:

Why does Twitter verify accounts?
Verification is currently used to establish authenticity of identities of key individuals and brands on Twitter.

What kinds of accounts get verified?
Twitter proactively verifies accounts on an ongoing basis to make it easier for users to find who they’re looking for. We concentrate on highly sought users in music, acting, fashion, government, politics, religion, journalism, media, advertising, business, and other key interest areas. We verify business partners from time to time and individuals at high risk of impersonation. We are constantly updating our requirements for verification. Note, verification does not factor in follower count or Tweet count.

We do not accept requests for verification from the general public. If you fall under one of the above categories and your Twitter account meets our qualifications for verification, we may reach out to you in the future.

peaceofthepie

Nun ist es ja kein Geheimnis, daß der Deutschland-Chef von Twitter “Market Director at Twitter Germany” @rowbar davor Online-Scherge bei Springers BILD gewesen ist. Das passt ja auch super in selbiges. Deren Editor-in-Chief @KaiDiekmann hat sich seinen verified account bestimmt – naja – redlich verdient. Bei @marionhorn mögen einem erste Zweifel kommen. Aber @HoffHoffmann oder @tanit ohne h?

dead opinion

Laserbefehl III

Der spiegel.de/ mal wieder völlig merkbefreit. Wie sonst ist es zu erklären, daß dort ein Artikel erscheint, in dem sich über die Nichtigkeit eines getwitterten Schlagabtauschs zwischen Becker und Pocher mokiert wird. Dieser schließt mit den denkbaren Worten:

Wie auch immer die Geschichte abgelaufen wäre: Mitbekommen hätte sie wahrscheinlich niemand.

Ähm, lieber Spiegel, bei allem Respekt: Oft ist es der mediale Resonzboden ebensolcher Berichterstattung, welcher Möchtegern- und Malgewesen-Promis überhaupt erst zu ihren marktschreierischen Selbstvermarktungsäußerungen im gar nicht mal so sozialen Internetz bringt. Euch ist schon aufgefallen, daß es so ziemlich die zweitdrittdämlichste Sache im Universum ist, den textlichen Überflüssigkeiten anderer Leute selbst einen überflüssigen Text zu widmen?

Beschimpfungen an mich, ich sei hier ja der größtdämlichste Depp von allen, weil ich nicht nur besagten Artikel von vorne bis hinten gelesen, sondern auch noch einen Teil meiner Mittagspause auf das Verfassen dieser Zeilen verwendet habe, bitte in die Kommentare.

Nachschlag // Sehe gerade, SpOn hat doch gewonnen: Es gibt selbstverständlich eine “Fotostrecke” zum Artikel. Wahrscheinlich, weil ein Bild ja mehr als tausend Worte sagt. (Now playing: Never Mind The Bildunterschriften.)

Everything Jonathan Franzen Currently Hates. Und noch ein anderes Thema: Sorry Harald, aber das hier: Every. Fucking. Word.

Snoopy mit Buch

Zitierfähigkeit

Die Klugscheißerwochen auf drikkes.com gehen weiter. // Auf pop-zeitschrift.de/ ein Artikel über die Hildesheimer Tagung zu »neuen Formen der Literaturvermittlung« Ende Mai. Dort hat sich Folgendes zugetragen:

Sascha Lobo gibt zu, dass er derart darauf trainiert ist, 140-Zeichen-Sätze zu verfassen, dass er einerseits in seiner Spiegel.de-Kolumne Sentenzen einbringt, die von anderen via Twitter gepostet werden können »zirka 120 Zeichen, weil der Link dazu muss«. Dieses Verfahren hat sich aber auch in »Strohfeuer« geschlichen. Sätze, um sie zu zitieren. Das klingt prima, erinnert zudem an die Motown-Praxis, möglichst viele Hooks in einen Song zu packen, auf dass er im Gedächtnis hängen und mitgesungen werden kann.

Stimmt das? Hier also sämtliche Sätze aus Saschas letzter Kolumne, die zu lang sind, um sie auf Twitter zu zitieren. Praktischerweise muß man die Zeichen gar nicht selbst zählen, um Satzlängen hinsichtlich ihrer Verbreitbarkeit zu prüfen. Dafür gibt es ein passendes Browser-Addon.

  • Der SPD-Innenpolitiker Dieter Wiefelspütz erklärte zum Asylantrag des Whistleblowers Edward Snowden: “Ich kann nicht erkennen, dass der Mann politisch verfolgt wird.”
  • Dieser Satz steht in seiner offensiven Realitätsverleugnung exemplarisch für alles, was katastrophal falschläuft, sowohl mit der Geheimdienstmaschinerie wie auch mit der politischen Behandlung des Falles.
  • Neben einigen nicht zu Ende lesbaren Absurditäten in Medien des Angela-Springer-Verlags dekretierte eine Anzahl 70-jähriger Männer, man solle sich nicht so haben.
  • “Tagesspiegel”-Kolumnist Harald Martenstein verschmolz Faktenaversion mit sensationell selbstgerechter Onkeligkeit und schrieb: “Die Amerikaner tun also nichts, was Tausende Deutsche in ihrer Familie nicht auch tun: Sie spionieren.”
  • Zu propagieren, es handele sich im Fall Snowden nicht um politisch motivierte Verfolgung, lässt nur eine Interpretation zu: dass verdachtsunabhängige, totale Überwachung in Demokratien irgendwie okay sei.
  • Wirtschaftsspionage wird dabei bizarrerweise ausgeblendet und zwar von exakt den Leuten, die sonst keine Gelegenheit auslassen, dem Standort Deutschland ein Tempelchen aus pathetischen Worten zu errichten.
  • Es geht bei diesem Grundrechte-Skandal nicht um konservative oder progressive Einstellungen und auch nicht mehr um die Abwägung zwischen Sicherheit und Freiheit.
  • Die ausufernde Spionagemaschinerie ist keine Krise des Internets, sondern eine Krise der Demokratie, die sich am Internet entzündet hat.
  • Das ist doch nichts Neues, rufen im Chor diejenigen, die keinen Unterschied erkennen wollen zwischen eigenen, langjährigen Vermutungen und handfesten Beweisen.
  • Sei es, weil sie mit ihrem Faxgerät ohnehin nie Intimitäten versenden, oder weil sie die Wonne des Recht-gehabt-habens lieber öffentlich auskosten, als lautstark zu protestieren.
  • An der University of Washington wurde kürzlich WiSee vorgestellt, eine Software, die ohne Zusatzgerät die Gestensteuerung in der gesamten Wohnung ermöglicht.
  • Noch ist das ein universitärer Prototyp für harmlose Zwecke, aber wenn eine heimlich auf dem Router installierte Software ausreicht, um jede Bewegung innerhalb einer Wohnung aufzuzeichnen – weshalb sollte diese famose Spähmöglichkeit in Zukunft nicht genutzt werden?
  • Aber wer diese Frage angesichts der Enthüllungen durch Edward Snowden gar nicht erst diskutieren möchte, weiß entweder nicht, wie tief die digitale Vernetzung bereits in das Leben ausnahmslos aller Menschen eingreift.
  • Oder er verhält sich antidemokratisch, indem er ohne umfassende Kenntnis der Vorgänge und Technologien vorauseilend Unbedenklichkeitsbescheinigungen ausstellt.
  • Aber selbst diese Naivität ist nachvollziehbarer, als im Fall Snowden kein politisches Problem und die Verfolgung als nicht politisch motiviert zu sehen.
  • “Die Bundesrepublik Deutschland ist ein hochentwickelter Rechtsstaat”, schrieb Dieter Wiefelspütz am 25. Januar 2008 im Zusammenhang mit der Online-Durchsuchung.

Snoopy mit Buch

Hmmm, ich finde ja, die nicht zitierfähigen Sätze lesen sich so aneinandergereiht eigentlich gar nicht so schlecht, auch ohne die RTbaren Sentenzen dazwischen. Vielleicht sollte ich Strohfeuer doch nicht lesen.