Sonst noch jemand?

Seit die FAZ doch mal diesen Sat1-Wanderhurenfilmfilm so gekonnt witzig verrissen hat und der Artikel danach dermaßen viral gegangen ist, wie es sich davor selbst der kühnste Feuilletonredakteur nicht hätte erträumen können, seitdem kennt die Klickgeilheit auch bei Kulturjournalisten keine Grenzen mehr. Weil vernichtende Kritiken zu Trash-TV eben für viele SocialSharer ein willkommenes Mittel sind, nicht nur sich, sondern alle seine Friends und Follower davon zu überzeugen, was für niveauvolle Elitenbildungsbürger sie sind.

Ist außerdem viel praktischer und effizienter so, da muß man sich das Unterschichtenfernsehen von Bachelor bis Bauer sucht Frau gar nicht mehr selbst ansehen und sich eigene Humorherablassungen ausdenken. Link twittern genügt. Da war das Finale von Germany’s Next Topmodel letzte Woche wieder ein hervorragender Anlaß. Von Spiegel bis Süddeutsche wollten sie alle wieder besonders lustig sein.

First screens first.

Heute liegt die Stange beim Rebellionslimbo mal wieder alles andere als niedrig. Ich z.B. schaffe es, mich gerade total individuell zu fühlen, bloß weil ich mir dieses von scheinbar jede/m geteilte Holland/Trump-Video (Wer hat die bessere Artikelluft dazu, bento.de oder ze.tt?) einfach nicht anschaue. Voll der bad boy, ey.

Dafür wieder brav: Wahrscheinlich werde ich es dieses Jahr schaffen, die komplette Staffel #ibes ohne das Twittern einer einzigen Dschungelguckerbeschimpfung auszukommen. (Für was Besseres halte ich mich insgeheim natürlich trotzdem – solange, bis #gntm wieder losgeht.)

Seidls Tugenden

Am 11. Februar startet die Berlinale in eine neue Runde. arte bringt zu diesem Anlaß selbstverständlich wieder einen Schwerpunkt und versendet in dessen Bildschirmrahmen ab heute die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl. Wenn Sie also bitte folgende Termine im Kalender notieren möchten:

  • Paradies: Liebe – Mittwoch, 3.2. | 22.40
  • Paradies: Glaube – Montag, 8.2. | 22.15
  • Paradies: Hoffnung – Mittwoch, 10.2. | 23.20

Prädikat extrem sehenswert. Sowas bekommt man auf Netflix, Amazon Prime oder Watchever sicher nicht alle Hundstage zu glotzen. Und falls Ihr nicht wisst, wer der Typ ist, hat arte.tv/ auch noch ein ausführliches Interview mit dem österreichischen Regisseur. Allerdings zum Lesen.


via

TV-Tipps zum Wochenende

Jetzt nicht so zum Glotzen, sondern zum Lesen. Zwei Interviews mit Leuten, die sich mit Fernsehen beschäftigt haben, genauer: den Öffentlich-Rechtlichen. Und da läuft in Deutschland so einiges schief.

Auf faz.net/ gibt der Medienökonom Harald Rau Einblick in das schier unüberblickbare Geflecht von Produktionsfirmen, welches ARD und ZDF um sich geschart haben. Und man ahnt es, dieses Dickicht trägt nicht gerade zur Transparenz bei.

Wohin dieses korruptionsanfällige Strukturversagen dann inhaltlich führen kann, hat Berthold Seliger in seinem Buch I Have A Stream: Für die Abschaffung des gebührenfinanzierten Staatsfernsehens beschrieben. Dessen Veröffentlichung ist auch der Anlaß für ein sehr ausführliches Gespräch mit Telepolis (Teil 1 hier, Teil 2 da). Seliger geht wirklich hart mit dem ÖR ins Gericht, manches sehe ich in dieser Konsequenz nicht ganz so drastisch. Aber lesenswert sind seine Gedanken allemal.

Ich bin ja auch kein großer Fan einer Skandalisierung von beispielsweise Steuerverschwendung, denn vielen kommt das einfach als Rechtfertigung für ihre Schwarzgeldpraktiken wie gerufen. Aber bloß, weil ich als prinzipieller Freund des ÖR-Systems eine Bezeichnung der GEZ als „Zwangsfinanzierung“ ablehne (im Sinne von: privatwirtschaftliche Propaganda / Man sollte auch bedenken, wo diese Texte erschienen sind), heißt das ja nicht, es wäre mir egal, was mit den Runkfunkgebühren teilweise für ein Unsinn angestellt wird.