Auf taube Ohren

Das Thema Podcast hatte ich ja neulich schon einmal in einer Zitatwiedergabe verwurstet, weil ich den bereits etwas länger anhaltenden, dabei kaum abflauenden Hype darum so überhaupt nicht nachvollziehen kann. (Aber ich fand Hörbücher auch schon vor neun Jahren scheiße.)

„Spotify is spending up to $500 million on podcast startups including Gimlet, Anchor“ – Recode

Kann natürlich sein, daß der MusicStreamer sich nach der endgültigen Beerdigung seiner Video-Ambitionen einfach auf die nextbeste dorfdurchtriebene Sau stürtzt, bevor diese auf den Bäumen ist. Irgendwo müssen Wachstumsaussichten ja herkommen; Podcasts aus Verzweiflung.

„Wie Spotify macht, was Soundcloud nicht gelungen ist, und mit Gimlet und Anchor zum ‚YouTube für Audio‘ wird“ – Neunetz

Marcel Weiss erklärt das mit den Werbeinteressen recht gut. (Und Soundcloud war mir fast von Beginn an unsympathisch.) Dennoch fehlt mir in dem Text die etwas größere Perspektive über die rein ökonomische Interessen hinaus.

„…in einem Rutsch ihren Podcast bei itunes, Spotify, Stitcher, Alexa, Google Home usw. einzureichen. Diese verschiedenen, von einander unabhängigen Endpunkte für Podcasts werden nicht wieder verschwinden.“

Wir können ja in, sagen wir, drei Jahren mal checken, ob diese Liste noch vollständig ist oder sich sogar merklich vergrößert hat.

Kann nämlich aber auch sein, daß wir später einmal rückblickend hier den Anfang vom Ende eines weiteren offenen Webstandards bewundern können. So wie (heute) (fast) niemand (mehr) RSS nutzt, so werden sich die großen Audio-Plattformen irgendwann in naher Zukunft die Abo-Option an sich – mehr noch, als die eigentlichen Hörinhalte – unter die Sargnägel gerissen haben.

Und wenn wir schon beim Thema Tod sind, doch etwas überraschend: Es gibt immer noch ein paar Leute, die tatsächlich Radio zu hören scheinen.
„Fritz soll wie Funk werden“ – taz.de

Laut Sprecher 🔈🔉🔊

Vielleicht erinnert sich noch jemand an die Spotify Outdoor Ad Campaign vom Ende letzten Jahres. Viele haben gesagt, das wäre ja mal ein origineller Ansatz, um aus plattformeigenen Datensätzen Insights zu generieren und diese in kreative Execution zu überführen. Ich fand die Kampagne ja eher überwachungsmäßig creepy.

Die neuen OOH-Motive, die seit einigen Tagen in der hiesigen ÖPNV-Gegend rumhängen, sind allerdings noch schlimmer als ein paar vage Stalker-Assoziationen. Ich habe allein gestern drei verschiedene CLPs gesehen. Alle schön bunt, aber eine Headline schlimmer als die andere.

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Lokalpatriotismus geht immer, besonders in Köln. Das hat man sich am deutschen Standort im fernen Berlin wohl so gedacht. Zumal die doch auch so eine eigenständige, untote lebendige Musikkultur haben. Hier also die inoffiziellen Kölschen Spotify-Charts1, Stand Juli 2017:

  1. Brings – Polka, Polka, Polka: 3.693.931
  2. Cat Ballou – Et jitt kein Wood: 3.066.732
  3. Höhner – Viva Colonia: 2.624.645
  4. Kasalla – Pirate: 2.572.064
  5. Querbeat – Nie mehr Fastelovend: 2.173.931
  6. Bap – Verdamp lang her: 1.510.625

Daß hier in Köln jeder zweite mit (eben:) „Köln“ wirbt, ist vielleicht nicht ganz bis tief in den Osten gedrungen. Nicht nur regionale Unternehmen, sondern auch große Strom-, Auto-, Zigaretten-, Schnaps-, und Wasweißichnichtalles-Anbieter haben sich bereits auf diese Unart um Aufmerksamkeit bemüht.2

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Ich fahre auch nur zum Arbeiten nach Düsseldorf, einen anderen Grund gibt es für mich nicht. Aber mit mehr als einem Motiv auf das Klischee der rheinischen Städtefeindschaft abzuzielen, das dann aber noch einmal doppelt schwach. Ob Spotify in anderen deutschen Städten gerade mit nordischen Shantychören oder bayrischer Blasmusik wirbt, entzieht sich meiner Kenntnis.

Nachschlag // Die Kampagne von Spotify (W&V) läuft in neun deutschen Städten.

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Gerade erst gesehen // Echo und Music Unlimited: Warum Amazon mit bekannten Songzeilen Outdoor-Werbung macht. Finde ich um einiges gelungener.