Unter Einfluß

Conny erklärt, warum sie kein Influencer sein will.

Deshalb nehme ich von vornherein nur Anfragen von Unternehmen und Marken an, mit denen ich mich identifizieren kann (<- und sage den überwiegenden Teil der Anfragen, die mich erreichen, ab). Die ich auch ganz privat, auch ohne Bezahlung und ohne Öffentlichkeit nutze. Die ich halt einfach toll finde.

Nur behauptet das jeder Influencer für sich. Schleichwerber, das sind immer die anderen. Der Béton würde sagen, „weil sie wissen, daß sie gute Menschen sind.“ Nur ist das eben kein Kriterium. Sondern selektive Selbstgerechtigkeit.

Auch Sally findet, das Wort Influencer hört sich ganz furchtbar an. Also „für sich“. Und zufälligerweise seit die erfolgreiche YouTuberin eine eigene TV-Sendung hat.

Ich bin lediglich älter und reifer geworden. Ich habe mich von Anfang an selbst gemanagt und das tue ich auch heute noch. Ich selbst bin dafür verantwortlich, welche Inhalte ich poste, mit welchen Partnern ich arbeite, usw. – diese Entscheidung kann und sollte mir kein fremder Mensch abnehmen. Mein Mann und ich trafen bisher immer die richtigen Entscheidungen, oft war es das Bauchgefühl. Ich würde nichts tun wollen, was ich in einigen Jahren bereue.

Kunden möchten ihre Influencer ebenfalls nicht beim Namen nennen. Stattdessen sollen sie bei einem Creators heißen oder Markenbotschafter beim anderen. Man macht sich halt so Gedanken, was passieren soll, wenn man reihum alle Produkte einmal in die Kamera gehalten hat. Oder fängt dann alles einfach wieder von vorne an?

Es kommt darauf an, was man für einen Deal aushandelt. Ich mache ungern einmalige Sachen, sondern lieber Kooperationen mit langfristigen Partnern über einen Zeitraum von drei oder sechs Monaten. Das ist viel authentischer, als wenn man viele verschiedene Sachen postet und zur Dauerwerbesendung wird.

aus: 10 Fragen an eine Influencerin, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

aufwachen aufweichen

Aus meinem recht ausführlichen Kommentar neulich zur Kritik an der „Kooperation“ von Kosmetikmarke MAC mit social shooting star Caro Daur konnte man meine generelle Meinung zu Influencer Marketing bereits ziemlich gut herauslesen. Ich möchte aber trotzdem noch ein paar Worte über das Thema verlieren, weil es mir derzeit mal wieder verstärkt begegnet.

Bussibussigesellschaft

Den Jahresanfang hat Anna/Mangoblüte mit How Blogs destroy Traveling gemacht. Sie beschwert sich, daß viele Blogger „heute das bewerben und morgen jenes“. Und warum? Sapperlot! Um Geld zu verdienen.

Das Besondere am Bloggen ist, dass der Blogger Glaubwürdigkeit verkauft (im Fernsehen ist es klar ersichtlich, wenn Werbung kommt). Man verbindet das Produkt mit der Person.

Man muß die beiden Wörter noch einmal langsam und Silbe für Silbe hintereinander lesen: „Glaubwürdigkeit verkaufen“. Mit anderen Worten: „Die Nutte liebt mich echt.“

Anna liefert die Erklärung für die postulierte Glaubenswürde auch gleich mit: Während im TV die Werbeblöcke immer brav gekennzeichnet werden, bleibt die Sposor-Finanzierung bei Blogs und Social Media gerne im Dunklen. Und ja, ich weiß, daß es bestimmt anders gemeint gewesen ist.

Die Branchenpresse formuliert es natürlich etwas vornehmer. So titelt die W&V: Warum wir Bibi und Sami den Laufpass geben sollten. „Leserautor“ David Eicher (zufällig Gründer einer Agentur, um deren „Kerngeschäft“ es hier geht – womit sei Artikel selbst als Content Eigenmarketing durchgehen kann) grundproblematisiert die „Reichweitenfixiertheit der Unternehmen“, die sich durch „jugendliche Schönheit“ und „den richtigen Promi-Faktor“ geblendet auf den nextbigthingsten „Heilsbringer“ setzten. Für 2016 hieß das:

Damit kam Influencer Marketing so laut und platt daher wie die Humtata-Musi auf dem Oktoberfest.

Gegen die „Strahlkraft einiger weniger Promi-Influencer“ plädiert Eicher stattdessen für die leisen Töne der Schleichwerbung. Nur, daß er sie anders nennt. Bei ihm ist das die „Micro-Ebene“:

Influencer, die ihr Know-how im Familienkreis teilen. Teens und Twens etwa, die ihre Eltern in Sachen Online-Banking beraten.

Ernsthaft? Nochmal: ernsthaft? Sogar Lifta weiß seit Jahrzehnten, daß man nicht nur die ansprechen muß, die einen Treppenlift benötigen, sondern auch deren Kinder. Und wenn man tatsächlich auf diesem Level Fürsprecher sucht, dann sollte man sich vielleicht einfach auf die Überzeugungsqualitäten seiner Produkte konzentrieren, statt auch nur einen Cent in die Marketingstrategie zu stecken, damit meine Tochter mir eine neue Kreditkarte andreht oder mich unaufgefordert auf die günstigen Konditionen eines Ratenkredits hinweist.

Und auch er entblödet sich nicht, dafür die Worte „authentisch“ und „glaubwürdig“ in den Mund zu nehmen.

Sag’s nich‘

Nun schreibt Eicher nicht aus Spaß an der Freud, sondern muß als Chef der Webguerillas die Leistungen seiner Agentur an den Mann bringen. Also kommt er im letzten Absatz auf’s Geschäft zu sprechen mit Buzzwords wie „nachhaltige Mechaniken implementieren“, „organisch aus der Marke heraus entwickeln“, „Stakeholder binden“ und „langfristiger Image-Uplift“. Und selbst?

Es sieht aus, als würde David Eicher den Twitter-Account @de_webguerillas persönlich führen. Im Profil steht sein Name, verlinkt ist das Agenturblog. Dieses ist nicht nur designtechnisch schon etwas in die Jahre gekommen. Stand 27.01.2017 ist der aktuellste Post dort beinahe vier Monate alt. Die letzten Kommentare sind allesamt Spam (siehe Screenshot). Von den aufgelisteten „Autoren“ haben 50 % laut Profilseiten keinen einzigen Eintrag verfasst. Und die „Random Blogroll“ besteht aus ganzen fünf (5!) Einträgen, von denen einer doppelt vorhanden ist. Diese Dopplung hat vor zehn (10!) Jahren einen Domainumzug verkündet, deren URL mittlerweile auch nicht mehr erreichbar ist. Ein anderer schreibt seit Jahren nicht mehr. Ein Refresh hat die Sache nicht besser gemacht.

Ach ja, die in der Sidebar verlinkte Facebook-Seite gibt es auch nicht mehr. Nachdem Territory die Guerillas gekauft hat, ist ein Pagemerge wohl zu aufwendig gewesen. Auf der Website steht übrigens in Versalien: WE DON’T TALK ABOUT SOCIAL MEDIA – WE LIVE IT.
Nur mal so.

Ende Teil 1

Jetzt bin ich zur Besprechung zweier weiterer Links noch gar nicht gekommen. Also wird es nach dem Wochenende wahrscheinlich eine Fortsetzung dieses Blogposts geben. Eins noch zum Schluß: Content-Marketing ist übrigens schuld an der Lügenpresse, sagt Siebenhaar im Handelsblatt – Der Medien-Kommissar: Auf dem Weg zum medialen Brei.

Frau im Spiegel

Der Spiegel greift online das Thema Schleichwerbung von Pharmafirmen in Frauenmagazinen ziemlich breit auf. Neben dem eigentlichen Artikel dazu gibt es eine ganze Reihe beispielhafter Produktnennungen sowie einen eigenen Text zur Datenanalyse. Und eine Bilderklickstrecke darf natürlich auch nicht fehlen. Ganz schön viel Holz.

Schnell stehen die Kritiker von verschiedensten Seiten mit Häme parat. Die einen verweisen indirekt auf das Geschäftsmodell der Spiegeltochter bento.de, die anderen beklagen die willkürliche Auswahl des Untersuchungsgegenstands. Und eine dritte Gruppe freut sich fast über die Relativierung von Sündenfällen im Influencer Marketing.

Einschub // soweit ich das sehe, hat man bei SpOn lediglich Printausgaben von Für Sie, Brigitte Woman, Lisa, Bella etc. unter die Lupe genommen. Vielleicht interessiert mich das Thema nicht nur als (momentan vorwiegend klassischer) Werber auch deshalb besonders, weil ich mich neulich den Websites einiger dieser Zeitschriften gewidmet habe. // Ausschub

standderwerbung

Auch in den Kommentaren unter den SpOn-Artikeln wird nicht mit Hohn und Spott gespart. Tenor: Schleichwerbung in Klatschmagazinen? Superinvestigativ, erzählt uns was Neues… Oder es heißt: Nicht nur Medikamente, auch die privaten TV-Sender und erst das Internet… Dabei hat der Spiegel recht, wenn er an einer Stelle „es ist ein Unterschied, ob sich Frauen aufgrund solcher Platzierungen etwas Lidschatten kaufen oder ein Mittel gegen Tinnitus“ schreibt.

Nicht ohne Grund gelten für Medikamentenwerbung strengere Regelungen als für einfache Konsumprodukte. Prinzipiell okay, niemand möchte Massenabhängigkeiten von Pharmazeug. Das aber wiederum führt natürlich dazu, daß rezeptfreie Mittelchen ungleich stärker beworben werden. Besonders deutlich wird das beim letzten Artikel dieses Spiegel-Dossiers, einem Interview zr Homöopathie-Berichterstattung. Bloß weil sie „Alternativmedizin“ heißt, verzichtet sie doch nicht auf überdosierte PR-Tricks und Marketingkniffe.