Roar / Boah

Ich gratuliere Scholz & Friends recht herzlich zu ihremn vollkommen verdienten Cannes Lions für „Newspaper Stack“. Für alle, die die Arbeit im Auftrag des Tagesspiegels nicht kennen, zeige ich sie hier noch einmal.

Apropos „nicht kennen“. Ich weiß auch nicht, was S&F zu ihrer Kreation inspiriert hat.

Die genauen Entstehungsdaten der Originale kenne ich nicht, aber die per Schnellsuche gefundenen Posts auf Twitter und Reddit sind meistens drei bis fünf Jahre alt.

Auch die gestapelten Tagesspiegel gingen vor Wochen haufenweise durchs Netz, allerdings nur das Bild ohne die Copy unten rechts in der Plakatecke.

Noch einmal: Herzlichen Glückwunsch, S&F!
Update nach im Kommentar unten verlinktem Artikel: „The campaign won a gold Lion and two silver Lions across the Print and Outdoor categories.“ Und das, obwohl die beiden anderen Motive deutlich schwächer als Trump sind.

Samsung in Neon

(Edit: Nicht mehr ganz so) Neulich auf dem Klo in der April-Ausgabe der NEON geblättert und etwas stutzig geworden. Wenn Sie Ihr Augenmerk bitte auf den rechten Teil der aufgeschlagenen Doppelseite richten würden.

Wie es wirklich aussah

Erkennt man, das über der Abbildung des Smartphones etwas ausgestanzt ist? Warum sehe ich durch das Loch die halbe Spalte eines Textabsatzes und eine angeschnittene Katze? Komischer Teaser. Trotzdem mal umblättern.

Seite 52/53

Viel roter Arm. Das kann es auch nicht sein. Dann ist es mir aufgefallen: Die Seite mit dem Smartphone drauf rausgerissen, umgedreht und andersrum wieder reingelegt. Voila, so ergibt diese mehrseitige Werbeanzeige dann doch wieder Sinn. Also zumindest ein bißchen (mehr). (Edit: Falls die Verwirrung zu groß ist – das obige Bild zeigt das „Nachher“.)

Wie es aussehen sollte

Solche Fails interessieren wohl nur einen Berufskränkelnden, die meisten anderen fliegen – noch nicht einmal irritiert, weil unbemerkt – sofort drüber weg. Ich würde schon gerne erfahren, wer da Mist gebaut hat. Die Agentur falsch angeliefert, der Verlag nicht drübergeschaut, die Druckerei Dateien vertauscht? Wahrscheinlich schieben sich alle Beteiligten nun Mitte Mai immer noch gegenseitig die Schuld zu.

Theorie & Bakschisch

Die GRAZIA 36/16 aufgeschlagen, im Editorial kündigt Frau Landgrebe an:
„Gut gepolstert und diskussionswürdig war diese Woche auch ein anderes Thema: Als wir uns in der Redaktionskonferenz die provokanten Lingerie-Bilder von Lena Dunham (ganz ohne Photoshop-Perfektion, aber mit umso mehr Speckrollen) anschauten, wurde heftig darüber diskutiert. Unsere Dessous-Debatte lesen Sie auf Seite 26.“

Dort finden sich dann unter folgender Überschrift ein Pro- und ein Contra-Textchen.

mitnahmeeffekt

Wobei JA von einer Volontärin und NEIN von einer Redakteurin geschrieben worden sind. JA spricht pflichtschuldig von „abweichend von der Hochglanznorm“, „Selbstermächtigung“ und „nicht als Objekt inszeniert“ – beeilt sich aber hinterherzuschieben, die unretuschierten Kampagnenmotive seien „keine Entmystifizierung des Victoria’s-Secret-Looks, der ja ebenfalls seine Berechtigung hat.“ Es handle sich nur um „ein alternatives Angebot vom authentisch-unglamourösen Ende des Werbespektrums“.

Werbung, genau. Das Thema hatte die Editorin at Large bei ihrem Teaser glatt unerwähnt gelassen. Beim NEIN kommt es dann selbstverständlich auf den Tisch. „Eskapismus gehört für viele eben einfach zur Mode und zur Werbung“, anders ließe sich keine „Begehrlichkeit erzeugen“. Unvorstellbar, stattdessen wird dem Lonely Label unterstellt, es wolle sich „mit vordergründiger Frauenpower schmücken, um seine Bekanntheit zu erhöhen“. Ein PR-Coup für die Marke auf Kosten der eigenen Produkte, der sich überdies einer „effekthascher“ischen Ästhetik des „Voyeurismus“ bediene.

Print vs. Online

Nun geht es mit eigentlich gar nicht um den Inhalt an sich. Wie jede Frauenzeitschrift dieses Segments wird auch die GRAZIA darauf bedacht sein, die eigenen Anzeigenkunden nicht zu verärgern, geschweige denn auf (vielleicht gar nicht so) dumme Gedanken zu bringen. Belegexemplarisch geschenkt. Was ich an der Sache erwähnenswert finde, ist die abweichende Aufbereitung des Dunham-Shootings auf der deutschen GRAZIA-Website.

Unter der hashtäglichen Headline „#nofilterneeded“ stehen plötzlich Sätze wie „Bisher war Unterwäsche-Werbung für alle Frauen mit normaler Figur eher deprimierend“ und das „wallende Haar sowie die ideale 90-60-90 Maße“ der Topmodels werden zur Zielscheibe leichten Spotts. Es fallen die ausrufezeichenunterstützten Ausdrücke „Respekt!“ und „We like!“ Der Artikel endet mit gleich drei eingebetteten Instagrams nach einem (gefetteten) „Schließlich ist Natürlichkeit Trumpf und sooo sexy.“

Da hat wohl jemand gedacht, auf gleich drei Hochzeiten tanzen zu können. Bzw. sich klassisch unternehmer- und konsumentenfreundlich zu geben, während beim digitalen Clicktivismbaiting die Enpowermentkarte gespielt wird. Oder einfach nur kein Bock auf einen möglichen Shitstorm gehabt.

children of the evolution

Der fast schon wieder in Vergessenheit geratene Viralspot für Dove ist und bleibt trotzdem ein Klassiker der noch jungen Bewegtbildwerbung im Internet. Die Parodie unten habe ich allerdings heute zum ersten Mal gesehen. Die ist ziemlich gut gemacht, wie ich finde. Allerdings kann man sich den Besuch der dort im Abspann genannten Website sparen, ist nur eine billige Linkschleuder.

nachtrag // 02.02.09
Ich habe die beiden untenstehenden Bilder heute auf reclaimyourcity.net/ gefunden.

Ein schönes Statement zur Photoshoppisierung unserer Mediengesellschaft, die zwar durch den Computer ermöglicht wird, aber nun wahrlich nicht auf ihn beschränkt ist.