streuverlust

Das Bild hier habe ich vor ein paar Tagen bereits getwittert und daß ich es jetzt noch einmal in einem eigenen Blogpost thematisiere, ist wohl weniger der Tatsache geschuldet, daß dieses Plakat so einen großen Eindruck auf alle Rezipienten macht, sondern liegt eher an meinem Beruf. Ich bin Werbetexter. Außerdem hängen die Dinger derzeit überall in der Stadt, man kommt nicht an ihnen vorbei. Mediadruck, Masse statt Klasse.

Ich bin nicht „jeder“. Nicht alle nutzen zum Beispiel wie ich den Öffentlichen Personennahverkehr. Wie sollen sie da 18/1 oder CLPs in U-Bahnhaltestellen zu Gesicht bekommen? Und so gibt die zur Kampagne gehörige Website auch an, daß man Out Of Home sehr wohl in der Lage ist, Werbung im Hinblick auf spezifische Target Audiences zu platzieren. Und das sollte man auch, Konzentration beispielsweise auf Buswartehäuschen, die Einkaufsstraßen der Innenstädte oder entlang der Autobahnen. Sonst kann so etwas – Stichwort TKP – schnell ins Geld gehen und jedes Budget sprengen. Nur sagt die Kampagne des Fachverbands Aussenwerbung e.V. davon nichts.

Die attraktive Frau ist nicht das einzige Motiv der Kampagne. Ich habe auch noch kleinformatigere Plakate mit einem ebenfalls ansehnlichen Mann gesehen. Das Motiv mit der Nichtweißen ist mir nur im Netz aufgefallen. Man will es allen recht machen, bezeichnet sich selbst auch zurecht als Massenmedium – und ist stolz darauf. Bei effizienzorientierten Marketingmenschen dürfte angesichts dieser Werbung allerdings in erster Linie eine Botschaft hängenbleiben: Wenn ich kommunikationstechnisch mit Kanonen auf Spatzen schießen möchte, dann ist Out Of Home Media das Mittel der Wahl. Und Streuverluste müssen eben entsprechend bezahlt werden.

Wohlgemerkt: die Message der Kampagne. Auf der dazugehörigen Micropage trifft-jeden.de liest sich das schon wieder entgegen der vereinfachten, verfälschenden Werbebotschaft ganz anders. Da ist von Zielgruppenprofilen sowie Plan- und Berechenbarkeit die Rede. Und auch eine Einschränkung findet sich dort: Unter dem Punkt Zeitgeist lautet das alles entscheidende Stichwort Mobilität. Anstelle des Internets – vielleicht sogar noch des Radios, aber TV schon nicht mehr – würde ich den Ball dankbar aufnehmen. Das ist doch eine Steilvorlage, die geradezu nach einer Antwortmaßnahme schreit. Ganz nach dem Motto „treffen, wen Sie wollen“ würde ich Werbung für Alte, Kranke und Blinde machen. Das sind nämlich auch Konsumenschen.

Aber dann müßte man sich ja sein Nischendasein eingestehen. Und wahrscheinlich bin ich einfach zu sehr Werbetexter.

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Natürlich funktioniert diese Plakatwerbung für Amnesty International nur von einem bestimmten Blickwinkel so gut, wie sie hier photographiert worden ist. (Weitere Beispiele aus der Kampagne hinter diesem Klick.) Doch Werbung, die ihre eigene Platzierung thematisiert, mit ihrer Verortung spielt und im besten Fall sogar in Interaktion mit ihren Betrachtern tritt, ist mir immer schon ein Stück weit sympathischer gewesen als das brachiale Zupflastern ganzer Städte mit ein und demselben Motiv in tausendfacher Wiederholung. Erst recht, wenn es so gut und individuell gemacht ist wie die beiden Beispiele unten; die Kampagne bewirbt den auf Krimis spezialisierten Pay-TV-Sender Jimmy.

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Noch ein abschließender Werbelink.

Wegsehen funktioniert

Interaktion demonstrieren, indem man wegschaut. Eine nette Idee, wie ich finde. „Sinnvoller Einsatz von Technik“ ist sicherlich etwas zu hoch gegriffen, aber die Mechanik dahinter gefällt mir, weil sich die volle Plakatwirkung erst sozusagen dem Betrachter zweiter Ordnung eröffnet.

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Noch ein Link zum Thema Zusammenspiel der besonderen Art: Der Clip zur neuen Single der Cold War Kids (via @Spex). Ob der Song allerdings stark genug ist, um sich dieser Videospielerei lange auszusetzen, muß wohl jedeR selbst entscheiden.

children of the evolution

Der fast schon wieder in Vergessenheit geratene Viralspot für Dove ist und bleibt trotzdem ein Klassiker der noch jungen Bewegtbildwerbung im Internet. Die Parodie unten habe ich allerdings heute zum ersten Mal gesehen. Die ist ziemlich gut gemacht, wie ich finde. Allerdings kann man sich den Besuch der dort im Abspann genannten Website sparen, ist nur eine billige Linkschleuder.

nachtrag // 02.02.09
Ich habe die beiden untenstehenden Bilder heute auf reclaimyourcity.net/ gefunden.

Ein schönes Statement zur Photoshoppisierung unserer Mediengesellschaft, die zwar durch den Computer ermöglicht wird, aber nun wahrlich nicht auf ihn beschränkt ist.