Die Zeichen stehen auf stumm

Zwei bis drei Zitate aus Wolfgang Ullrichs Text Knips mich!, zu denen ich gerne etwas anmerken möchte.

In Zeiten von Smartphones und Social Media wirbt ein Produkt nicht mehr nur im Laden für sich, sondern muss auch dann ­attraktiv wirken, wenn ein Foto von ihm gepostet oder irgendwo hochgeladen wird.

Und etwas weiter unten heißt es dann in die dieselbe Richtung:

So wie es früher conversation pieces gab, also Designstücke, die nicht unbedingt praktisch waren, aber ihrer Formsprache wegen Anlass zu Diskussion boten, könnte man heute von photographic pieces sprechen: Produkte, die vor allem dazu da sind, oft fotografiert zu werden.

Das ist alles sehr richtig beobachtet. Nur keine wirklich neue Erkenntnis, die sich erst recht nicht auf den Bereich eigentlicher „Produkte“ beschränkt. Man vergleiche die Aussagen etwa mit diesem Artikel aus dem Guardian: how Instagram is changing the way we eat. Der ist ohnehin ziemlich lesenswert, ich hatte den Link Ende letzten Jahres schon einmal in meinen wöchentlichen Notes (KW 47/16) gebracht.

Ullrichs Artikel hängt sich an der (wiederum laut Joachim Bessing) anachronistischen Formgebung des Megaphon auf. Und endet folgendermaßen:

An viralen Effekten haben aber nicht nur Produzenten, sondern genauso Demonstranten aller Couleur großes Interesse. Tatsächlich hat sich die Ästhetik des Protests unter dem Einfluss von Social Media bereits deutlich verändert; eine Bewegung wie ­Femen ist dafür nur eines von zahlreichen Beispielen. Und daher dauert es vielleicht nicht mehr lange, bis auch Megafone anders designt werden, ja, bis auch sie endlich fotogen sind.

In Zeiten des Internets verschafft sich Protest nicht Gehör – er wird gesehen. Und die Menge an witzigen Demo-Schildern, die sich den Kameras entgegenstreckt, zeigt, daß er auch gesehen werden will. Siehe die ungefähr 680.000 Ergebnisse zur Google-Suche von „funny protest signs“.
Wenn sich Millionen von Menschen rund um den Globus diese sich an Originalität überbietenden Schilder anschauen – wer braucht da noch eine (wie modern auch immer gestaltete) Flüstertüte, um die paar Ohren vor Ort zu erreichen?

Pest of Selfie

Das Time Magazine hat ein Selfie-Ranking mit Weltkarte erstellt. Demnach ist laut rp-online.de/ Düsseldorf die Selfie-Hauptstadt Deutschlands. Das kommt davon, wenn @karstenloh nur noch Frankfurt-Bilder knipst und nicht mehr sich selbst.

Wie 9to5mac.com/ berichtet, hat Apple in seinem Appstore eine eigene Selfie-Kategorie eingerichtet. Das ist doch sicher was für die #1 dieser Bildergalerie.

Im australischen Sydney geht man derweil andere Vermarktungswege. So ist auf augsburger-allgemeine.de/ über ein Hotel zu lesen, in welchem man einmal umsonst nächtigen kann, wenn man mehr als 10.000 Instagram-Follower aufzuweisen hat. Was der Herberge allerdings ganz klar fehlt, ist ein Restaurant mit Spiegeln an jedem Tisch, damit man sein Essen als Teil eines Selfies photographieren kann.

Tragekomfort

ʞɔnɟ denkt man sich! Landet von niemand Geringerem als @Bronques of lastnightsparty-fame geknipst für das ganze Internet sichtbar auf der offiziellen Toursite von The Weeknd. Und dann sieht es so aus, als halte man sein Telefon verkehrtrum.

Dann denkt man sich, wie verkehrt dieses Amateurknipsen auf Konzerten generell ist, obwohl man es selbst bisweilen macht. Und dann hakt es plötzlich und man geht statt in irgendwelchen Live-Erinnerungen zu schwelgen, wieder zurück zum konkreten Photo. Weil man bemerkt hat, daß der Typ sein Smartphone nach allgemeiner Konvention richtigrum hält – beim Querformat zeigt die Kamera nach oben.

Nun kann man den Aufkleber gar nicht falschrum an der Handyrückseite anbringen, sonst befände sich ja die Aussparung für die Kamera in der falschen Ecke. Was uns zum Produzenten dieses Aufklebers bringt: Der ist entweder zu dämlich, um einen simplen Typo-Sticker zu gestalten. Oder er hat eine Freude daran, seine Käufer absichtlich unsmart aussehen zu lassen, während sie mit ihrem Phone photographieren. Oder es steckt irgendeine tiefere Bedeutung dahinter es ist durch und durch gewollt und somit auch als Aussage des Trägers zu verstehen.

Oft werden Dinge ja ganz bewußt gewendet, zum Beispiel Flaggen. Ich erinnere mich da an Bundeswehr-Parka, bei denen man die Deutschlandfahnen an den Ärmeln erst entfernt und dann umgedreht wieder aufgenäht hat. Oder auch das Logo des Musiklabels American Recordings, ein auf dem Kopf stehendes Star-Spangled Banner.

Zum Themenkomplex Spieß umdrehen und Knipserei hier noch ein Comic auf xkcd.com/. Ist ja schließlich keine große Kunst. Denkt man.

Me as Terry

Heute zur Abwechslung mal ein Servicepost. Zu diesem Zweck stelle man sich vor, meine Webcam sei ein Spiegel.

Das Internet ist voll von Leuten, die sich selbst im Spiegel photographieren (siehe Abb. 1). Dabei ist so ein Selbstportrait doch gar nicht schwer, wenn man schon einen Spiegel und ein Smartphone mit großem Display hat. Anstatt die Kamera auf sein Spiegelbild zu richten und das zu erwartende Ergebnis direkt auf dem Handydisplay zu kontrollieren, halte man die Kamera des Mobiltelephons ohne Umweg auf sich selbst. Unter Zuhilfenahme des Spiegels läßt sich dann anhand eines Blicks auf das reflektierte Display das Resultat begutachten (siehe Abb. 2).
Aber wahrscheinlich wollen die Leute einfach, daß ihr iPhone als ständiger Begleiter auch mit auf die Photos kommt.

Schön, daß ich helfen konnte. Da bin ich allerdings auch nicht von selbst drauf gekommen, sondern via reddit.com/.

Halloween

I Got 99 Problems But A Witch Ain’t One – zumindest nicht, solange die Hexe keins dieser Kostüme trägt. Ich persönlich finde Karneval ja schon gruselig.
Manchmal schaffen es Links tatsächlich, hier in meinem WordPress-Backend fast ein Jahr vor sich hin zu schimmeln. Und auch, wenn ich nun so gar kein Fan von Halloween bin, ist es wenigstens ein guter Anlaß, den Kram mal gesammelt rauszuhauen. Auf nerdcore.de/ beispielsweise der Hinweis auf die Harlem-Fotoserie von Amy Stein. Oder der Tipp zur Serie Pumpkin Heads von Dana Lauren Goldstein auf stylespion.tumblr.com/.
Und den aktuellen Snickers-Spot finde ich trotz des Themas großartig.


via

Wenn einen die Rundreiselust packen sollte, dann wäre Halloween auch der perfekte Zeitpunkt, um so etwas wie eine Tour zu den Gräbern verstorbener Punkrocker zu veranstalten.