In Richtung

Typ hat sich vor der ICE-Tür breitgemacht mit Rollkoffer, dickem Rucksack und einer Tüte Wegzehrung. Kurz vor dem Halt Düsseldorf Hbf fragt er die Schaffnerin, auf welcher Seite der Ausstieg sein werde. Sie antwortet „rechts“ – seine Seite. Also steht er auf und fängt an, seine Siebensachen zusammenzuklauben, um die Tür freizumachen. Derweil schiebt die Schaffnerin ein „glaub ich“ hinterher und wenige Sekunden später erscheint in den Fenstern zur linken Zugseite schon der Bahnsteig. Also beginnt sich die Schaffnerin mit Gestammel wie „sonst immer anders“ und „heute wohl ausnahmsweise links“ für ihre Falschauskunft zu rechtfertigen.

Noch beim Aussteigen klopfe ich mir innerlich auf die Schulter, daß ich nicht besserwisserisch meinen Senf dazugegeben habe. Schließlich fahre ich mitunter diesen ICE 545 von Köln Hbf nach Berlin Ostbf seit mehr als vier Jahren und der fahrplanmäßige Halt in D’dorf befindet sich seitdem (glaub ich) an Gleis 18, was bei dieser Fahrtrichtung eben links bedeutet. Welchen Sinn hätte es gehabt, die Schaffnerin noch dümmer dastehen zu lassen?

Außer dem Typen, der so freundlich war, mit seiner Gepäckmenge nicht die anderen Reisenden – um diese Uhrzeit in der Mehrzahl Pendler wie ich – in den Abteilen zu nerven, die ganze Rumräumerei zu ersparen, wie mir eine Minute später eingefallen ist.

Im Verzug

Das Pendeln zwischen den Hauptbahnhöfen Köln und Düsseldorf ist ein besonderes. Weil ein RE – laut Fahrplan – „nur“ zehn/elf Minuten länger braucht als ein IC oder ICE (33 zu 23/24 Min.), nehme ich oft den langsameren Regionalzug und bin trotzdem schneller zuhause. Je nachdem, wann ich am Bahnhof ankomme. Theoretisch. In der Praxis sieht das so oder so aus:

  1. Ich erreiche Gleis 16, der RE1, der eigentlich um 18:39 Uhr Abfahrt hat, fährt ein um 18:42 Uhr. Ich steige nicht ein, denn für 18:48 Uhr steht ein ICE im Fahrplan – und laut Anzeige am Bahnsteig ist er pünktlich. Also lasse ich den überfüllten RE stehen, um eine Zigarettenlänge auf den ICE mit quasi Sitzplatzgarantie zu warten. Ich zünde mir eine Kippe an, die Türen des Regional-Express’ schließen sich und just in diesem Moment – der RE hat sich gerade in Bewegung gesetzt – ertönt die Durchsage, „wegen Verzögerungen im Betriebsablauf hat der ICE nach München über Köln und Frankfurt aktuell etwa 20 Minuten Verspätung.“
  2. Ich bin pünktlich am Gleis 16 für den IC um 19:21 Uhr, der wie üblich Ankunfts- mit Abfahrtszeit verwechelt. Solche Verspätungen um zwei bis drei Minuten werden nicht einmal erwähnt. Noch bevor ich einsteigen kann, fährt der ICE für 19:27 Uhr überpünktlich ein. Welcher der beiden Züge wird wohl schneller in Köln sein? Das Bahnpersonal kann die Frage nicht beantworten, mehr als ein „Der IC fährt zuerst ab“ bekommt man nicht heraus. Also einsteigen, zügig abfahren, dann im Schneckentempo durch Deutz gondeln – und schließlich kurz vor dem Hauptbahnhof auf der Hohenzollernbrücke zum Stehen kommen. Während der Durchsage „Weil unser Ankunftsgleis noch belegt ist, verzögert sich unsere Einfahrt noch wenig“ sehe ich den vorhin abgewägten ICE an mir vorbeifahren.

Meinten Sie: Opfer-Passage

Das sind wirklich keine Sonderfälle, irgendwas ist immer – Personen im Gleis, Stellwerksschaden, technische Störungen, Polizei- oder Noteinsatz am Gleis, verzögerte Bereitstellung des Zuges, Verspätung durch einen vorausfahrenden Zug oder meine Lieblingsdurchsage: „Verspätung im Ausland“. Dabei sind die Durchsagen mit holländischem Akzent im ICE International von bzw. nach Amsterdam die besten.

Aber es vergeht keine Woche ohne Zwischenfälle und Komplikationen. Und wenn bei der DB alles glatt läuft, dann hakt es entweder bei der Rheinbahn oder der KVB.

nur ’ne Idee

Gerne auch die Ansage von Zugführern in Regional-Expressi der DB: »Werte Fahrgäste, sehen Sie den ICE, der gerade an uns vorbeifährt? Das ist der Grund, warum wir hier seit mehreren Minuten am Bahnhof Deutz stehen.« Oder so ähnlich, erst gestern wieder gehört.

Weißt Du was, Deutschen Bahn? Wenn Du es auf die Kette kriegen würdest, mir am Düsseldorfer Hbf zu verraten, mit egal welchem der – zugegeben nicht wenigen – Züge Richtung Süden ich am schnellsten in Köln wäre, dann müßtest Du mir nicht zweifach auf den Sack gehen.

Denn natürlich hätte ich eigentlich genau den verspäteten ICE genommen, der mich dann kurz vor dem Ziel doch noch überholt hat. Vielleicht ein Fall für Deine neue Ideenschmiede?

Aufgestanden mit dem falschesten aller Beine

Die Frau neben mir am Fenster möchte gerne raus, mehrere Minuten vor dem Halt am nächsten Bahnhof. Sie will das jetzt und sofort, denn da vorne, ein paar Reihen weiter, ist auch schon einer aufgestanden. Also erhebe ich mich mit einem hingemurmelten „Aber natürlich“ von meinem Sitz und trete in den Gang. Und weil dort gruppendynamisch bedingt mittlerweile schon fast der halbe Waggon auf den Zugstopp wartet, gehe ich die drei Schritte weiter, um mich ans Ende der Gangschlange zu stellen.
Da keift mich plötzlich aus dem Nichts meine ehemalige Sitznachbarin von hinten an, was mir denn einfiele, sie nicht durchzulassen, wo sie doch vorhin so freundlich gefragt hätte.