Kaufflausch

Eine Websuche nach „collect experiences not things“ ergibt Unmengen von Treffern. Doch trotz Minimalist Living, Unclutter-Trend und dem ganzen Less-is-more-Rotz ist das System Kapitalismus seltsamerweise noch längst nicht am Ende.

Im Gegenteil, es ist ja anpassungsfähig. Stumpfe Einkaufstouren sind out, es muß mindestens Eventshopping sein. Da treffen klotzige Malls draußen auf der grünen Wiese nicht mehr den Zampano1 der Zeit. Urban ist angesagt.

Was @tante sagt. Bzw. was dem stationären Handel gegen die Online-Konkurrenz so einfällt. Oder andersrum.

Derweil testet der amerikanische Modehändler Nordstrom ein neues Store-Concept, bei dem gar keine Kleidung vor Ort. Bis die vom Kunden zusammen mit einem Stylingberater ausgewählten Klamotten zur Anprobe geliefert werden, kann man sich in der store-eigenen in Kauflaune saufen.

kauf verhalten

Man kann sich nicht um alles kümmern, das Leben ist kompliziert. Und ich will es auch gar nicht. Manches muß man einfach delegieren, genau deshalb gibt es z.B. Politiker. Aber irgendwo fängt die Eigenverantwortung halt an, sollte sie zumindest. Denn wo man bei Wahlen noch sagen kann „Da geh ich nicht hin, das interessiert mich nicht“1, kann man in Abwandlung des berühmten Zitats „nicht nicht konsumieren“. Wer möchte schon als selbstversorgender Eremit im Siebengebirge enden?

Anfangen, gutes Stichwort. Wir sind ja freie Menschen, jeder entscheidet für sich selbst. Eben bewußte Kaufentscheidung im Gegensatz zum sogenannten Impulskauf. Diese ganze Flut an Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Programmen (von Jauch über viele andere Nachnamen bis zu Hart aber fair) scheint da einen Trend erkannt zu haben – oder tragen sie letztendlich zu dessen Entstehung bzw. Verstärkung bei? Ich meine, da einen Shift vom mündigen Bürger hin zum mündigen Konsumenten erkannt zu haben. Gefühlt jede zweite Sendung dreht sich um Themen wie „Ist Fleischessen moralisch vertretbar?“ oder „Umweltsünde Urlaub“; von offensichtlich sehr beliebten Sonderformaten wie Der große …-Check ganz zu schweigen.

Gewiss, in einer dermaßen warenfetischistischen Welt tut Aufklärung Not. Aber jede Woche einen neuen Boykottaufruf durchs Dorf zu jagen, kann nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Die einen verwenden Palmöl, die anderen lassen Kinder für sich arbeiten. Ich will aus meinem Konsum keine Wissenschaft machen. Oder ein perpetuum Memoryspiel. Es kann nicht sein, daß mein Einkaufszettel selbst am Wochenende kürzer ist als die Merkliste, was ich alles nicht kaufen darf.

nah am wasser gebaut

Fehlende Alltagstauglichkeit sollte allerdings keine Ausrede sein. Womit wir wieder beim Anfangen wären. Prioritäten setzen. So entscheidet sich der eine dafür, von nun an Marken zu meiden, die (in Deutschland) durch ihre Steuervermeidungsstrategie auffallen. Für andere ist es das allerwichtigste Weltrettungsmittel, auf Deos mit Aluminiumsalzen zu verzichten; da gäbe es ja mittlerweile genug gute Alternativen. Jeder wie er mag, alles gut. Ich halte wenig davon, AIDSaktivisten und Tierschützer gegeneinander auszuspielen. Ich für meinen Teil verzichte auf das Autofahren, die Deutsche Bahn wirbt zumindest damit, daß ich dank meiner ICE-Monatskarte zu 100 % mit Ökostrom fahre.

Nur sollte man da eben nicht stehen bleiben und es sich dort gemütlich machen. Die Meldung ist schon etwas älter2, aber vielleicht hast Du es auch mitbekommen: Wer Bio kauft, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Und wie eingangs bereits erwähnt: Es ist eben kompliziert.

an der Leine, sen.

Eine Studie will herausgefunden haben, daß Bio-Konsumenten nicht automatisch auch bessere Menschen sind. Im Gegenteil nutzen sie ihre moralische Überlegenheit im Hinblick auf Kaufentscheidungen sozusagen als saftiges Ruhepolster, um auf anderen Gebieten bei fehlverhaftetem Verhalten Ausgleichsentschuldigungen parat zu haben. Das erklärt wohl kaum diese überstrapazierte Hitler/Vegetarier-Sache, aber bei mir selbst kann ich schon manchmal erkennen, wie ich mit meiner Kraftfahrzeugsenthaltsamkeit den ein oder anderen Frevel (Rechner über Nacht anlassen, ToGo-Pappbecher, Zigarettenkippen, …) rechtfertige. Es bleibt dabei aber wohl immer ein Ökobezug, denke ich mir. Mein Schwarzfahren oder den Gang über eine rote Ampel damit zu erklären, fände ich allerdings abstrus.

Via Ralf der Hinweis auf einen Artikel bei spiegel.de/ über Microsofts Blau #0044CC nebst die darein gesetzten Hoffnungen. Und er schiebt auch gleich den Hinweis hinterher (Facebook-Kommentar), wie nahe diese gralsgetriebene Überfarbe am International Klein Blue ist.

Keine Kunst

Spätestens seit meinem Studium bin ich ein großer Fan von Klappentexten und so mußte ich sehr über diesen Artikel im sz-magazin.sueddeutsche.de/ (ich schreibe es wirklich) schmunzeln. Bei der Gelegenheit, dem ganzen Hegemann-Trara und weil gerade Leipziger Buchmesserei ist, kann man ja ruhig mal wieder auf so literaturtheoretische Klassiker wie Palimpseste von Gérard Genettes hinweisen. Hat den eigentlich schon jemand fundiert auf das Thema Internet angewendet?

Paar Lesetipps, alle irgendwie mit Internet und unkommentiert:
– Douglas Adams 1999
flannel apparel über Liebe und ihren Ausdruck
Nilz über Konzentration und Multitaskizität
Sebastian Ingenhoff über Blasen trotz Arbeitssamtschuhen
1000 Gratulationismen

shopping 2.0

There’s a new start-up town. Wie ich gerade in der Printausgabe der Werberzeitschrift Werben & Verkaufen gelesen habe, soll die Website digading.com das zwischengenetzte Kauferlebnis auf ein neues Level bringen.

Bisher kennt man Restpostenverwerter wie buyvip.com oder brands4friends.de, die sich mehr schlecht als recht das Mäntelchen der Exklusivität umhängen. Auch hier soll der Community-Charakter gestärkt werden.

digading.com ist da schon einen Schritt weiter: Bis auf wenige Zusatzinfos definieren sich die Mitglieder einzig über die Marken, welche sie gut finden. Daß da bei der Benutzung viel geschummelt wird, die Leute sich besser (was immer das in diesem Zusammenhang heißt) darstellen, als es ihr Konsum in Wahrheit ist, dürfte den Machern der Plattform – und den dort repräsentierten Marken – nur recht sein. Wird doch auf diese Weise ein Gruppendruck aufgebaut, der auf das Konsumverhalten der Mitglieder rückwirken soll.

Natürlich ist die W&V ein Branchenblatt. Und nichts gegen eine positive Grundeinstellung. Aber ist es deshalb nötig, jeden Trend und sogar jede Neuerung als den neuen heißen Scheiß durchs Schweinedorf zu treiben? Ich erwarte natürlich keine ausgewachsene Kapitalismuskritik, doch speziell an diesem Geschäftsmodell gibt es doch einiges auszusetzen. Im Endeffekt läuft es doch immer darauf hinaus (und das ist beim Fernsehen nicht anders, da stimme ich Ihnen zu MRR), daß die Konsumenten nicht nur für dumm verkauft, sondern für blöd gehalten werden.

Man sollte den Leuten ruhig mal etwas zutrauen. Auch auf die Gefahr hin, sie herauszufordern. Man kann sich nicht immer mit Angebot & Nachfrage rausredet. Aber mit der Übernahme von Verantwortung ist es ja nicht mehr weit her…