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Da kann sich die Titanic selbst auf die Schulter klopfen. Da hat sie es dem Bild so richtig gegeben. Durch eine Undercover-Meisterleistung hat sie tatasächlich aufgedeckt, daß beim Kampfblatt der Springer-Presse tatsächlich hier und da an Recherchequalität gespart wird, wenn es ihm gerade politisch in den Kram passt. Wie hätte man sonst darauf kommen können? Investigativsatire auf Weltklasseniveau.

Die Steigerung von „jubeln“?

Die Sache hat nur einen Haken und der war vorher wohlbekannt. Da können jetzt noch so viele Medien mit aller verdienten Häme über den Fall berichten. Sie alle zusammengenommen haben wahrscheinlich nicht die Auflagenstärke von Bild. Und erst recht nicht die Klickzahlen. Der erst neulich emporgeverkommene ChefRed J. Reichelt mag sich in diesem Moment zwar auf Twitter (so wortreich, wie es der Dienst zulässt) versuchen herauszureden; seine Zeitung wird sich zu der peinlichen Sache ziemlich bedeckt halten und über den Kreis der Brancheneingeweihten hinaus der breiten Rezipienten-Öffentlichkeit gegenüber nur die nötigsten Verfehlungen eingestehen.

Quasi ein umgekehrter Streisand-Effekt. Jeder weiß, gerade im Internet erreicht die spätere Richtigstellung einer (viral gegangenen) Falschmeldung nur einen Bruchteil der ürsprünglichen Leserschaft. Und so wird beim gemeinen Publikum schon irgendetwas hängenbleiben – SPD, Russen, Mailserver. Irgendwas war da doch…

Richtig: „unterjubeln“.

Verstehen wir uns nicht falsch: Ich mag Bild wirklich überhaupt nicht. Aber ob das hier nicht doch eher ein Bärendienst aus Selbstprofilierungsantrieb (gewesen) ist, wird man wohl erst mit ein wenig AnAbstand entscheiden können.

Im Blitzlichtgewitter

Das ist der Name dieser Phantomias-Geschichte aus dem orangen LTB-Heftchen dieser Rewe-Sammelreihe. Darin liefern sich die von Onkel Dagobert und Erzkonkurrent Klever einen boulevardjournalistisches Kräftemessen. Hier die beste Seite aus einer der besseren Stories dieser Limited Edition.

Die Namen der beiden Klatschblätter lauten übrigens „Skandal“ und „Spanner“.
Now reading: Topf voll Gold.

Die Springerin

Seit gerade einem Monat ist die Freischreiber-Kampagne Jedes Wort ist’s wert draußen. Der Berufsverband freier Journalistinnen „foppt“ damit die Verleger und ihre Bemühungen, in Zeiten von Fake-News und Abo-Rückgängen das Image von Zeitungen allgemein zu verbessern: Jedes Wort wert.

Die Werbung wird einfach mit ähnlichen Motiven gekapert – was ganz gut funktioniert hat, weil die Verleger zwar per Print, auf Plakaten, im Kino und vereinzelt sogar online geschaltet haben, aber Social Media außen vor geblieben ist.

Apropos Werbung: hier mein Lieblingsmotiv der freigeschriebenen Kaperkampagne gegen miese Bezahlung. Silke Burmester ist sich zu fein für Werbung.

Nun ist Burmester seit einigen Tagen wohl keine „freie Journalistin“ mehr, wie vermeldet wird heuert die ehemalige Medienkolumnistin der TAZ ausgerechnet bei Axel Springer an. (Allerdings nicht festangestellt, s.u.) Der Umstand, daß sie die redaktionelle Verantwortung der dort erscheinenden Zeitschrift DIE DAME übernimmt, ist ihr immerhin eine sich recht windende Erklärung in eigener Sache wert.

Aber für mich entscheidend ist die Möglichkeit, eine Situation – zumindest temporär – verlassen zu können, die zusehends perspektivlos wird.

Ach ja, das liebe Geld. Silke Burmester ist sich nicht zu fein für Springer. Anscheinend zahlen die besser als die Werbebranche.

Update 14:26

Die Klarstellung hier kam als Antwort. Danke dafür.

Was mit Medien, Teil 1000

Sascha in seiner neuesten SpOn-Kolumne Woran „die Medien“ wirklich Schuld sind über „netzgetriebene Transparenzerwartungen“.

Man erfährt selten, ob Journalisten Parteimitglieder sind, mit welcher politischen Haltung sie die Welt anschauen, was ihre eigenen Interessen sein mögen. Das war in der Massenmediengesellschaft des 20. Jahrhunderts normal, aber inzwischen ist diese Lücke im öffentlichen Wissen – welche Interessen hat der Überbringer der Botschaft selbst? – zu einer schreienden Leerstelle geworden.

Daß die Rezipienten dieses Erklärungsvakuum mit ihren eigenen Vermutungen füllen, liegt doch zu einem nicht unerheblichen Teil an der selbstgemachten Austauschbarkeit redaktioneller Medienangebote. Früher beispielsweise sind Schreiber nicht direkt von der taz zur Welt gewechelt; die Springerpresse ist der Feind gewesen, mit dem man sich niemals gemein gemacht hätte.

Mit dem Verlagsziel, die Festkosten möglichst gering zu halten, hat man die Redaktionen verschlankt und greift bei Bedarf gerne auf Freie zurück. Journalisten arbeiten heute beim Spiegel und morgen bei der Zeit. Alte Grabenkämpfe verflachen zusehends, auch weil nicht mehr entlang einer Haltung geschrieben wird, sondern dem Marktpotenzial hinterher. Wenn es der Expansionshoffnung dient, dann wird die einst stramm wirtschaftsliberale NZZ eben rechtskonservativer.

Schön einig sind sich alle z.B. in ihren Sportteilen über die abscheuliche Kommerzialisierung der Bundesliga. Nee, nee – daß ein Andi Möller von Dortmund zu Schalke gewechselt ist, das geht gar nicht. Ausländische Vereinsinvestoren und erst die aus den Fugen geratenen Ablösesummen. Finden besorgte Bürger übrigens auch.

Ich habe den Artikel selbst – Goodbye Gatekeepers auf Stratechery – nicht gelesen. Ben Thompson verfolgt sicher hehre Absichten, wenn er herausarbeitet, wie Hollywoods Studio/Producer-System einem Mißbrauchsmonster wie Harvey Weinstein in die Hände spielt. Wenn Felix und Marcel Goodbye Gatekeepers den Text beide erwähnen, dann sollte ich es vielleicht tun. Begnüge mich aber vorerst mit einigen Anmerkungen zu Marcels Ausführungen.

Der Hinweis auf Journalismus, dem Werbeeinnahmen (und damit Geldgeber von Unternehmensseite) immer weniger bedeuten, ist sicherlich richtig. Aber „macht es die Publikation in jeder Hinsicht unabhängiger“, wirklich? Wenn Marcel – zurecht – einen Bedeutungsverlust der Massenmedien beschreibt, während Sascha einen Mediennihilismus angesichts ihrer Allgegenwärtigkeit diagnostiziert, dann gibt es dafür doch sicherlich einen Grund.

Die Gatekeeper sind tot. Lang leben die Gatekeeper!

Während der deutsche Privatwirtschaftsjournalismus off- sowie online auf die Öffentlich-Rechtlichen als „Staatsfunk“ einprügelt, werden die Probleme an andere Stelle ja nicht weniger:
Technik kann uns keine Welt ohne Arschlöcher erschaffen | WIRED Germany
Facebook and Google Helped Anti-Refugee Campaign in Swing States | Bloomberg
Versuch der anonymen Einflussnahme auf Bundestagswahl | Süddeutsche.de

Was besonders Marcel verschweigt: Damit aus Netzwerkeffekten eine relevante Öffentlichkeit entsteht, braucht es Bühnen. Und Online-Plattformen sind die neuen Stagekeeper. Etwas absurd wirkt es am Ende, wenn der als Internetexperte sein Geld Verdienende auf die Befangenheit der etablierten Berichterstattung beim Thema Medien hiweist.

Ironischerweise verlinkt Felix im Post einen Text darüber, Why Futurism Has a Cultural Blindspot.