Was mit Medien, Teil 1000

Sascha in seiner neuesten SpOn-Kolumne Woran „die Medien“ wirklich Schuld sind über „netzgetriebene Transparenzerwartungen“.

Man erfährt selten, ob Journalisten Parteimitglieder sind, mit welcher politischen Haltung sie die Welt anschauen, was ihre eigenen Interessen sein mögen. Das war in der Massenmediengesellschaft des 20. Jahrhunderts normal, aber inzwischen ist diese Lücke im öffentlichen Wissen – welche Interessen hat der Überbringer der Botschaft selbst? – zu einer schreienden Leerstelle geworden.

Daß die Rezipienten dieses Erklärungsvakuum mit ihren eigenen Vermutungen füllen, liegt doch zu einem nicht unerheblichen Teil an der selbstgemachten Austauschbarkeit redaktioneller Medienangebote. Früher beispielsweise sind Schreiber nicht direkt von der taz zur Welt gewechelt; die Springerpresse ist der Feind gewesen, mit dem man sich niemals gemein gemacht hätte.

Mit dem Verlagsziel, die Festkosten möglichst gering zu halten, hat man die Redaktionen verschlankt und greift bei Bedarf gerne auf Freie zurück. Journalisten arbeiten heute beim Spiegel und morgen bei der Zeit. Alte Grabenkämpfe verflachen zusehends, auch weil nicht mehr entlang einer Haltung geschrieben wird, sondern dem Marktpotenzial hinterher. Wenn es der Expansionshoffnung dient, dann wird die einst stramm wirtschaftsliberale NZZ eben rechtskonservativer.

Schön einig sind sich alle z.B. in ihren Sportteilen über die abscheuliche Kommerzialisierung der Bundesliga. Nee, nee – daß ein Andi Möller von Dortmund zu Schalke gewechselt ist, das geht gar nicht. Ausländische Vereinsinvestoren und erst die aus den Fugen geratenen Ablösesummen. Finden besorgte Bürger übrigens auch.

Ich habe den Artikel selbst – Goodbye Gatekeepers auf Stratechery – nicht gelesen. Ben Thompson verfolgt sicher hehre Absichten, wenn er herausarbeitet, wie Hollywoods Studio/Producer-System einem Mißbrauchsmonster wie Harvey Weinstein in die Hände spielt. Wenn Felix und Marcel Goodbye Gatekeepers den Text beide erwähnen, dann sollte ich es vielleicht tun. Begnüge mich aber vorerst mit einigen Anmerkungen zu Marcels Ausführungen.

Der Hinweis auf Journalismus, dem Werbeeinnahmen (und damit Geldgeber von Unternehmensseite) immer weniger bedeuten, ist sicherlich richtig. Aber „macht es die Publikation in jeder Hinsicht unabhängiger“, wirklich? Wenn Marcel – zurecht – einen Bedeutungsverlust der Massenmedien beschreibt, während Sascha einen Mediennihilismus angesichts ihrer Allgegenwärtigkeit diagnostiziert, dann gibt es dafür doch sicherlich einen Grund.

Die Gatekeeper sind tot. Lang leben die Gatekeeper!

Während der deutsche Privatwirtschaftsjournalismus off- sowie online auf die Öffentlich-Rechtlichen als „Staatsfunk“ einprügelt, werden die Probleme an andere Stelle ja nicht weniger:
Technik kann uns keine Welt ohne Arschlöcher erschaffen | WIRED Germany
Facebook and Google Helped Anti-Refugee Campaign in Swing States | Bloomberg
Versuch der anonymen Einflussnahme auf Bundestagswahl | Süddeutsche.de

Was besonders Marcel verschweigt: Damit aus Netzwerkeffekten eine relevante Öffentlichkeit entsteht, braucht es Bühnen. Und Online-Plattformen sind die neuen Stagekeeper. Etwas absurd wirkt es am Ende, wenn der als Internetexperte sein Geld Verdienende auf die Befangenheit der etablierten Berichterstattung beim Thema Medien hiweist.

Ironischerweise verlinkt Felix im Post einen Text darüber, Why Futurism Has a Cultural Blindspot.

+++EIL: Extrablatt +++

Schlagen Sie mal das Wort „Krise“ im Zeitungslexikon nach. Von Auflagenrückgängen und schrumpfenden Abonnements wird man in der 2017er Ausgabe eher wenig lesen, schätze ich.

Hashtag #diezukunftderprintmedien. Die ganze Aufregerei über Trumps tägliche Machenschaften sorgt nicht nur bei Verlagen für Klicks, auch die Plattformen bekommen einen Trafficschub. Schließlich will man informiert werden, was der orange Trampel jetzt schon wieder angestellt hat.

“You know this administration is going to have broad ability to take action on things we care about — jobs, our ability to hire, our ability to grow, everything, all the issues we’re all posting about — and so a dialogue there is important.”

Das hat Sheryl Sandberg während eines Podiuminterviews auf der Watermark Women’s Conference gesagt. Angesichts des drohenden Faschismus sorgt sich die Facebook-Geschäftsführerin immer noch in erster Linie um die Wachstumsmöglichkeiten ihres Unternehmens. Nach 18 verheerenden Executive Orders sagt die für ihr Buch Lean In als Vorzeige-Feministin gefeierte Sandberg, es sei zu früh, um Urteile zu fällen.

An den Fernsehquoten in den USA kann man übrigens auch einen Trump-Effekt ablesen, wie am Beispiel der dort beliebten Late Night Shows festgestellbar ist.

Auf dem von Männern dominierten Late Night-Markt ging es also drunter und drüber. Auch wenn sich Jimmy Fallon immer wieder behaupten konnte, wird es vielleicht nicht immer so einfach für ihn bleiben. Denn der neue Präsident möchte die Welt anscheinend nicht zur Ruhe kommen lassen, wie bereits seine erste Amtswoche zeigte. Die politischen Ansätze eines Colberts und eines Meyers könnten genau das sein, wonach es dem amerikanischen Fernsehpublikum verlangt.

Daß die Kritiker des neuen US-Präsidenten auch durch ihn verdienen, sollte man nie außer Acht lassen. Was noch lange nicht heißt, daß man sich mit kleinhändigen Überfrisur gemein macht.

grund/verschieden

So mit die ersten Tweets, die ich nach dem Sieg Trumps gestern las, waren die Forderungen nach einen besseren Journalismus. Sie kamen natürlich von Journalisten. Und natürlich lag es nicht an den Reportern und Redakteuren selbst, sondern an den Verlagen, die ihnen aus purem Profitstreben nicht die notwendigen Mittel und Vergütungen bereitstellten.

Ich finde diese Art von Eigenwerbung noch abstoßender als Internetarbeiter, die in regelmäßigen Abständen «Print ist tot» zetern. Den meisten dieser Sichselbstdernächsten steht der schamlose Eigennutz ohnehin ins Gesicht geschrieben. Journalisten hingegen bilden sich gerne etwas auf ihre Qualitätsansprüche und vor allem ihren Berufsethos ein. (Wenn sie nicht gerade mit PR etwas dazuverdienen. Müssen – woran wieder nur die Verlage schuld sind.)

Die weniger mitleidige Seite der Selbstbespiegelung konnte man auch schon vor der Trump-Wahl lesen, etwa den großartigen Text How Half Of America Lost Its F**king Mind über die tiefe Spaltung zwischen Stadt und Land. Auch der Guardian gab Mitte Oktober in Dangerous idiots: how the liberal media elite failed working-class Americans den Proletenversteher.

The main reason that national media outlets have a blind spot in matters of class is the lack of socioeconomic diversity within their ranks.
The economic trench between reporter and reported on has never been more hazardous than at this moment of historic wealth disparity, though, when stories focus more often on the stock market than on people who own no stocks.

Derweil werden weiter Schuldige gesucht. Mal sollen es alte Männer sein, dann Weiße, danach die Nichtwähler, die Unmobilisierten oder auch gleich das gesamte Wahlsystem – irgendjemand muß den schwarzen Peter am Ende zugesteckt bekommen.

Journalisten vergessen dabei nicht nur gerne, daß sie selbst zu einer recht privilegierten Schicht gehören. Was sie noch lieber verdrängen, ist ihr Schreiben für eine bestimmte Klientel. Denn natürlich hat jede Zeitung, jedes Magazin ihre/seine Leser im Blick. Und jenseits des Boulevards handelt es sich hierbei mehrheitlich um das establishmentale Bildungsbürgertum.

Black Bug

Das Bedienen dieser Teilöffentlichkeiten hat beim gedruckten Wort in der Summe auch sehr lange funktioniert. Diskurshoheiten verteidigten sich quasi von alleine, bis hinunter zu den Nachrichten in TV und Radio. Nur Online, in diesem Internet hat man plötzlich ein Problem. Hier zählt die Publikation weniger als Marke, sondern Artikel werden Klick für Klick gelesen. Was sie – grob vereinfacht – im Endeffekt immer mehr einander angeglichen hat.

Der Reichweitenwettlauf hat auch zu einer Austauschbarkeit geführt. Mithin wohl ein Baustein für den Vorwurf »Lügenpresse«. Ob man dem als Politiker mit anbiedernder Kumpelei entgegenwirken kann, darf bezweifelt werden. Eine Lösung habe ich zwar auch nicht, aber da mache ich nicht mit.

Was von den Journalismus-Ambitionen von stern.de übrigblieb

Erinnert sich noch jemand an das »Schweigen« auf der Stern-Startseite vor zehn Tagen anläßlich »des Leids der Menschen in Aleppo«? Nicht schlimm, ist ja in Internetzeitrechnung eine Viertelewigkeit her. Falls Euch der Schweigetext nicht mehr präsent ist, dann könnt Ihr ihn auf diesem Screenshot nachlesen. Ich kann den Text hier leider nicht zitieren, weil mir sonst das kalte Kotzen kommt.

Vielleicht liest der eine oder die andere dort noch einmal die hehren Ansprüche nach. Und vergleicht sie dann mit den Artikeln, die der Stern in den letzten Tagen so online gestellt. Spoiler: Nachrichten aus Aleppo tauchen da nicht allzu viele auf. Die nachfolgende Liste bedient sich nicht beim Panorama-Ressort, sondern geht quer durch die in der Navi aufgezeilten Rubriken.

Meine Suche nach Aleppo ergibt immerhin 806 Treffer auf stern.de – die erste Seite der Suchergebnisse liefert allerdings keinen einzigen für Oktober.

Der Vollständigkeit halber: Auf den Social-Media-Accounts des »von Gruner + Jahr betrieben Angebots« (Impressumssprech) sieht es ganz genauso aus. Posts wie beispielsweise diese: