Gekauft

Wenn zwei Texte so gut zusammenpassen wie diese beiden hier, dann überlege ich manchmal, die „(wöchentliche) verlinkt“-Reihe doch wieder auferstehen zu lassen.

If the customer is always right, then you’re never wrong when you’re consuming.

Mit The Constant Consumer liefert Drew Austin im Real Life Magazine eine Art Grundlagentext für die ganzen „Late Capitalism“-Auswüchse.

Einer speziellen Ausprägung davon widmet Wolfgang Ullrich im NZZ Folio einer seiner stets gewinnbringend zu lesenden Berachtungen: Schrecklich lustige Wohnwelten.

Gags auf Sesseln oder Sofas sind Zeichen einer Wohlstandskultur, in der es genügend Menschen gibt, die sich neue Möbel ähnlich oft leisten wie Bademode oder ein Smartphone. Ein pointenorientiertes Design wirkt als Statussymbol, der Besitz zeugt von ökonomischer Potenz. Früher war es bei Möbeln die Patina, die Ansehen verschaffte, weil sie nahelegte, dass eine Familie schon mehrere Generationen lang in soliden Verhältnissen lebte und Tradition besass. Heute dienen Witze als ähnliches Merkmal der Abgrenzung.

(Ja, ich lasse mir von Instapaper alle meine Notes immer noch einmal pro Woche per Mail zuschicken.)

See you later, Instapaper

Ich glaube, ich habe Instapaper schon früher benutzt, nur eben ohne angemeldeten Account. Wenn ich jetzt an den Anfang meines Archivs zurückgehe, dann ist der zweite Artikel, den ich dort gespeichert habe vom Juli 2011:
Google Tried To Buy Color For $200 Million. Color Said No. | TechCrunch

Anfang diesen Jahres hat der von Marco Arment gegründete Speicherdienst seinen 10. Geburtstag gefeiert. Wobei der Initiator schon länger nicht mehr an Board ist – das Ding hat sich Pinterest irgendwann einverleibt. Bis dahin hatte ich sogar für Instapapers Premium-Features Geld bezahlt.

Es ist ja kein Geheimnis, daß mir dieser Service wegen seiner ungeheuren Praktikabilität einer der liebsten ist. Es gab bis letztes Jahr auch hier im Blog eine wöchentlich gepostete Link- und Zitatesammlung auf Instapaper-Basis. Doch nun ist plötzlich Schluß: vor fünf Tagen kam diese Mail.

Seit drei Tagen funktioniert der Dienst tatsächlich nicht mehr. Und seine vagen Ansagen lassen nichts Gutes befürchten. Wie im Tweet angekündigt bin ich nun also zu Pocket gewechselt. Daß die mittlerweile zu meinem bevorzugten Browser gehören, ist natürlich ein Vorteil. Dennoch fällt mir die Umgewöhnung schwer. Wieso gibt es Highlights nur in den Apps, nicht am Desktop? Und 4,99 € pro Monat für das Premium-Upgrade sind mir zu teuer.

Wen interessieren diese ganzen alten Blogs? Mit Instapaper hat die europäische Datenschutzgrundverordnung ein Opfer, um das es wirklich schade ist. Da hilfen auch kein Eindämmen der Newsletterflut.

Get your GDPR shit together and come back, Instapaper. Pleeeeease!

Notes KW 47/17

aus: How I Got My Attention Back · Wired · by Craig Mod

It’s become common to talk of the “weaponization” of attention. As in: The attention of Americans was weaponized to make facts out of falsities. I think this framing does a disservice to the crux of the problem. It’s not that our attention has been weaponized, a word that vanishes in hyperbole, but rather, mechanized. As in: Our attentions have been wrest from our control, like a flock of android starlings, or a million IP enabled toasters. We were reasonably autonomous things. Now we’re indifferently synchronous, easily manipulated.

Obigen Text habe ich tatsächlich komplett gelesen, von vorne bis hinten. Hat sich rückblickend allerdings nicht ganz gelohnt. Das obige Zitat ist schon der Hitparagraph aus einem ansonsten recht vorhersehbaren Artikel.

Was sich dagegen so in den letzten Wochen auf der Leseliste angestaut hat:

Zum Jahresende also quasi eine Wiederbelebung meiner Links-Serie unter geänderten Vorzeichen. Eben keine nach Konsum für gut befundenen Tipps, sondern eine Erinnerung an mein zukünftiges selbst. Vielleicht komme ich ja zwischen Weihnachten und Silvester zum abarbeiten.

In Klammern die Angabe der ungefähren Lesedauer laut Instapaper. Bin dem Service seit der Übernahme durch die Pest Pinterest gegenüber ja skeptisch eingestellt. Jetzt, da ich browsertechnisch von Chrome zurück zu Firefox bin, könnte ich eigentlich auch gut zu Pocket wechseln, oder?

coined the term

Beide hier zitierten Artikel gestern gelesen. Passen ganz gut zusammen, wie ich finde, auch wenn sie aus zwei völlig verschiedenen Ecken stammen.

Die Philosophie hat in einer Zeit, da die Wetterberichte zuverlässig geworden sind, allen Anlass, zu einem realistischen Weltverhältnis zurückzukehren. Besonders interessant (aber selten betont) scheint mir dabei, wie die programmatische Ausklammerung des Weltbegriffs im Singular mit dem vortheoretischen Eindruck konvergiert, dass wir die praktischen Einzelprobleme des Alltags immer vollkommener beherrschen – und die globale Situation der Menschheit immer weniger. Mit der Rückkehr zum Realismus schliesst die Philosophie aber auch wieder an ihre klassische Funktion an, das individuelle und kollektive Leben jeder Gegenwart in Begriffen nachvollziehbar zu machen.”

Fünf Jahre Neuer Realismus | Wider die postmoderne Flucht vor den Tatsachen. Vor 363 Tagen – also insgesamt sechs Jahren NR – in der NZZ wollte Hans Ulrich Gumbrecht zurück zu… Ja, zu was eigentlich? Nur die Überbauten abzureißen, das kann es nun auch nicht sein. (Was der Interessanz seiner Ausführungen allerdings keinen Abbruch tut.)

Nun: Traffic rules and tidying up: how players drag boring habits into games. Letzten Monat dann im Guardian, in einem Artikel über Computerspiele, diese treffende Beobachtung:

But weirdly, as game visuals have become more realistic and more detailed, a lot of players have found themselves replicating real-life habits and routines in the virtual world, even when it serves no mechanical function. From careful parking to routine politeness, it seems we can’t completely abandon ourselves to pixellated anarchy – there are standards we mustn’t let go.

Durch die sequentielle Lektüre meiner Instapaper-Saves komme ich doch immer wieder auf erstaunliche Zusammenhänge.

Notes KW 28/17

Jaja, alles viel zu spät und so, aber ich hatte die ganze letzte und bin noch diese komplette Woche im Urlaub. Und damit abgesehen von Twitter kaum online.

Ich will jetzt nicht die ganzen Texte zum G20-Gipfel hier in der wöchentlichen Linksammlung Revue passieren lassen. Bei meinen Sympathien für die linke Szene könnt euch meine Meinung wahrscheinlich denken. Die Polizei hat viele Fehler gemacht, sowohl was die Eskalation der Höllendemo angeht, als auch die Ausschreitungen und Randale später nicht in den Griff zu bekommen. Und linke Sachbeschädigung durch angezündete Autos und geplünderte Läden auch nur in die Nähe von rechten Mordserien und islamistischem Terror zu stellen, ist für mich ein Ding der abgeschmacktesten Verhältnislosigkeit.

Trotzdem möchte ich auf zwei „Randerscheinungen“ hinweisen.

Damit steht nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für Experten der Verdacht im Raum, dass die vermeintlich „neuen“ Erkenntnisse gar nicht vom BKA, sondern vom türkischen Geheimdienst kamen.
„Es wäre ungeheuerlich, wenn die Daten über Journalisten an Nachrichtendienste autoritärer Regime übermittelt worden wären“, meint Schaar. „Völlig unakzeptabel wäre es auch, wenn Journalisten von der Gipfelberichterstattung allein auf Grund der Wünsche derartiger Regierungen ausgeschlossen worden wären.“

G20-Akkreditierung entzogen: Kritik an Liste mit Journalistennamen | tagesschau.de macht tatsächlich mögliche datenschutzrechtliche Verstöße bei Umgang und Verteilung der schwarzen Liste zum Aufhänger. Die Ungeheuerlichkeit ausländischer Einmischung bei ihrer Entstehung versteckt Arnd Henze vom ARD-Hauptstadtstudio irgendwo in der zweiten Hälfte des Artikels.

Sie haben eine öffentliche Einladung geschaffen. Es ist davon auszugehen, dass soziale Medien, Messenger & Co. ganz wesentlich halfen, Leute aus anderen Ecken Deutschlands und aus dem Ausland zu mobilisieren.

Hamburg, G20 und Welcome to Hell. Über die Rolle von Social Media gibt Christian Henne einiges zu bedenken. Auch wenn ich mit seinem Standpunkt nicht immer einer Meinung bin, kann man vor der Echtzeitbeschleunigung nicht die Augen verschließen.

Stell dir vor, es ist Demokratie, aber Rolf aus Recklinghausen spielt Robespierre. Vapiano, dieser Scheißspaghettikonzern, abfackeln die ganze Glutenbude! Riester, an den Füßen festbinden und so weiter. Es ist die Mitlaberlust, die den Mob gebiert.

Schon vor einiger Zeit hat sich Mely Kiyak auf ZEITonline über „die allgemeine Fräulein-Rottenmeierhaftigkeit“ ausgelassen. Die Gründe dafür beleuchtet:

I don’t live in an echo-chamber or filter-bubble. Quite the reverse! I’m surrounded by idiots and dangerous demagogues. In fact, I’m the only sensible one here.

Why the ‘backfire effect’ is damaging political debate

Nach der Auffassung des Gerichts privilegiert das Grundgesetz die Religionen, so dass es Konfessionsfreie hinnehmen müssten, wenn der Staat ihren Kindern eine entsprechende moralische Erziehung verweigere.

Debatte Religion: Unzeitgemäße Privilegien | taz.de

Die Wahrscheinlichkeit, jahrelang abgefeiert zu werden, wenn man als Mann einmal etwas Feministisches sagt, ist nicht gerade gering, nein, ich würde sogar sagen: Sie ist absurd hoch.

Kleber gegen Furtwängler: Will der Feminismus uns alle umerziehen? – SPIEGEL ONLINE – Kultur