Retrologie Überbausteine

Dass frisches Obst im Februar nicht nur aus gesundheitlichen Gründen eine der großen Errungenschaften der Zivilisation ist, sondern der Weltmarkt auch erheblich zur Stabilisierung der Lebensmittelversorgung beiträgt, da er natürliche regionale Ernteschwankungen ausgleicht, kommt den Anhängern des saisonalen Essens auch nicht in den Sinn, hängen sie in ihrem verunglückten Denken doch Autarkieträumen nach, die politisch zuletzt unterm Schmalspurökonomen Darré en vogue waren.

Salonkolumnist Blanken wirft in Vom verunglückten Denken einiges zusammen. Von theoretisch fehlender Verelendung bis Lifestyle-Kapitalismus, von verführter Wahrnehmung zu gefühlten Wahrheiten. Da geht einiges durcheinander, das ist an manchen Stellen zu viel gewollt. Aber der Mix aus Eintopf und Ausblende macht womöglich gerade den Reiz des Textes aus.

Egal, ob Frauenzeitschrift, Lifestyle-Magazin oder Lebensratgeber, „natürlich“ wird niemals wertfrei verwendet, sondern ist wahnsinnig positiv aufgeladen, steht für Qualität, Authentizität und Gesundheit. Hinzu kommen dann noch alle Zeitschriften wie „Landlust“, „LandIdee“ und „Mein schönes Land“, die aus dem „Zurück zum einfachen Leben, zurück zur Natur“ ein eigenes Zeitschriften-Genre gemacht haben, bei dem die Dorfidylle sehr häufig mit teuren Deko-Tipps, aber nie mit 24-Tonnen-Güllefässern und Großraumdiscos daherkommt.

Siehe auch: Surviving in a Post-Truth World by Daniel T. Blumstein – Project Syndicate

kauf verhalten

Man kann sich nicht um alles kümmern, das Leben ist kompliziert. Und ich will es auch gar nicht. Manches muß man einfach delegieren, genau deshalb gibt es z.B. Politiker. Aber irgendwo fängt die Eigenverantwortung halt an, sollte sie zumindest. Denn wo man bei Wahlen noch sagen kann „Da geh ich nicht hin, das interessiert mich nicht“1, kann man in Abwandlung des berühmten Zitats „nicht nicht konsumieren“. Wer möchte schon als selbstversorgender Eremit im Siebengebirge enden?

Anfangen, gutes Stichwort. Wir sind ja freie Menschen, jeder entscheidet für sich selbst. Eben bewußte Kaufentscheidung im Gegensatz zum sogenannten Impulskauf. Diese ganze Flut an Talkshows in den öffentlich-rechtlichen Programmen (von Jauch über viele andere Nachnamen bis zu Hart aber fair) scheint da einen Trend erkannt zu haben – oder tragen sie letztendlich zu dessen Entstehung bzw. Verstärkung bei? Ich meine, da einen Shift vom mündigen Bürger hin zum mündigen Konsumenten erkannt zu haben. Gefühlt jede zweite Sendung dreht sich um Themen wie „Ist Fleischessen moralisch vertretbar?“ oder „Umweltsünde Urlaub“; von offensichtlich sehr beliebten Sonderformaten wie Der große …-Check ganz zu schweigen.

Gewiss, in einer dermaßen warenfetischistischen Welt tut Aufklärung Not. Aber jede Woche einen neuen Boykottaufruf durchs Dorf zu jagen, kann nicht der Weisheit letzter Schluß sein. Die einen verwenden Palmöl, die anderen lassen Kinder für sich arbeiten. Ich will aus meinem Konsum keine Wissenschaft machen. Oder ein perpetuum Memoryspiel. Es kann nicht sein, daß mein Einkaufszettel selbst am Wochenende kürzer ist als die Merkliste, was ich alles nicht kaufen darf.

nah am wasser gebaut

Fehlende Alltagstauglichkeit sollte allerdings keine Ausrede sein. Womit wir wieder beim Anfangen wären. Prioritäten setzen. So entscheidet sich der eine dafür, von nun an Marken zu meiden, die (in Deutschland) durch ihre Steuervermeidungsstrategie auffallen. Für andere ist es das allerwichtigste Weltrettungsmittel, auf Deos mit Aluminiumsalzen zu verzichten; da gäbe es ja mittlerweile genug gute Alternativen. Jeder wie er mag, alles gut. Ich halte wenig davon, AIDSaktivisten und Tierschützer gegeneinander auszuspielen. Ich für meinen Teil verzichte auf das Autofahren, die Deutsche Bahn wirbt zumindest damit, daß ich dank meiner ICE-Monatskarte zu 100 % mit Ökostrom fahre.

Nur sollte man da eben nicht stehen bleiben und es sich dort gemütlich machen. Die Meldung ist schon etwas älter2, aber vielleicht hast Du es auch mitbekommen: Wer Bio kauft, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Und wie eingangs bereits erwähnt: Es ist eben kompliziert.

was mit Medien und Druckk(n)öpfen

Wenn selbst wuv.de/ glaubt, sich angesichts der Berichterstattung über den Amoklauf kritisch äußern zu müssen, dann spricht das keine Bände, sondern ist wahrscheinlich einfach nur der Tatsache geschuldet, daß der Autor des Artikels in Winnenden wohnt. Und sich durch die in solchen Fällen einfallende Medienkarawane wohl beim Brötchenholen gestört gefühlt hat.

Dann doch lieber so. Guter Text zum Thema, gefunden via spreeblick.com/.

Wieder aufgehängt: Twitter

Vor ein paar Monaten habe ich mich gefragt, warum der von mir geschätzte ZEIT-Kolumnist Harald Martenstein nicht twittert. Vor ein paar Tagen hat er mir geantwortet. Er mag sich nicht mit Twitter anfreunden. Muß ich mich allerdings nicht drum kümmern, in ihren Blogs haben Thomas Knüwer und Sascha Lobo schon getan. Aber Martenstein ist eben Martenstein. Und in einem Punkt muß ich ihm sogar recht geben, weshalb ich einen der Diskussionspunkte doch aufgreifen möchte..

Mir ist aufgefallen, dass die finsteren Visionen von Romanen wie 1984 und Schöne neue Welt allmählich Wirklichkeit werden. Da herrscht auch permanente Beobachtung. Ich halte es für widersprüchlich, wenn man gegen Videokameras in Umkleidekabinen ist und gleichzeitig die totale Vernetzung als Fortschritt feiert.

Dieser Aussage des ZEIT-Autors entgegnet Lobo mit dem berechtigten Hinweis darauf, daß staatliche Überwachungauf der einen und Selbstkontrolle auf der anderen Seite doch zwei Paar Schuhe sind; und die meisten wiederum seiner Kommentatoren stimmen darin mit ihm überein. Schließlich gelte es, den Unterschied festzuhalten, daß man Letzteres in Eigenverantwortung tut und damit auch mal sein lassen kann – einfach mal das Handy ausschalten, niemandem seinen Standpunkt verraten und auch das Twittern für einen Tag sein lassen.
Nebenbei: Der ebenfalls in den Kommentaren getätigten Aussage, gerade bei diesen lauffeuernden Breaking News wird Twitter unbenutzbar, kann ich nur uneingeschränkt zustimmen.

Ich habe während meines Studiums eine Hausarbeit zum Thema „Internalisierung der Abschreckung“ geschrieben, sie trägt den prägnant polemischen Titel Vom Gesetz zum Gewissen und ist leider nicht mehr in digitaler Form verfügbar. Weil ich zu faul bin, den Text auf Papier jetzt rauszusuchen, hier nur die Quintessenz auf zwei Namen reduziert: Freud und Foucault.
Das Recht auf Selbstbestimmung ist ja gut und schön, aber gegen den durch die neuen Kommunikationsformen entstehen gesellschaftlichen Druck anzukommen, ist gar nicht so leicht. Da entstehen schnell Zwänge („Wie Du bist nicht auf Facebook?“), denen man sich schwer entziehen kann. Denn bei aller Individualität will man ja doch nichts verpassen.

Wir sind das Netz!

Wolfgang Lorenz, Programmdirektor des ORF, hatte sich vergangenen Freitag am Grazer Kunstfestival „Elevate“ während einer Podiumsdiskussion zu der Aussage, die Jugend hätte kein Interesse an der Realität und würde sich nur im „Scheiß-Internet verkriechen“, hinreißen lassen. (…) Während der hitzigen Debatte sagte er, ihm sei „scheißegal, was die jungen Menschen im Internet machen“ würden und sprach dem Internet gesellschaftspolitische Relevanz ab.

Der ganze Online-Artikel vom österreichischen Kurier ist hier nachzulesen. Dagegen formiert sich sofort Widerstand, natürlich im Netz. Auch auf Twitter häufen sich die Nachrichten #anlorenz – unnötig zu erwähnen, daß ich dabei keine einzige ihm zustimmende Wortmeldung gefunden habe.

schwarm1
Lorenz ist da der letzte in einer ganzen Reihe von Menschen, die das Prinzip des Internets schlichtweg nicht verstanden oder es zumindest weitestgehend ignoriert haben. Auch, weil das Anerkennen der umgekrempelten Medienlandschaft nicht mit einem Meinungspolitischen Erdbeben, sondern einfach mit geänderten Machtverhältnissen einhergeht.

Der Metaphernschwarm

Das prominenteste Beispiel im Web ist wohl das Onlinelexikon Wikipedia. Hier kann jeder mitschreiben, es gibt keine Redaktion im herkömmlichen Sinne. Verbessern kann auch jeder.
So in etwa funktioniert auch die Blogosphäre als Ganzes, würde ich sagen. Natürlich gibt es einige wenige Weblogs, die ziemlich professionell aufgezogen sind; mit teilweise sehr hohen Besuchszahlen, von denen die Onlineangebote herkömmlicher Printmedien oft nur träumen können. Dort wird dann aber auch redaktionell ordentlich gearbeitet. Bei der großen Masse an Hobbyblogs läuft der Hase natürlich anders: Hier kann in der Tat jeder alles behaupten. Das wird dann aber auch meist nur von wenigen gelesen. Und wenn solche Artikel dann verbreitet werden, erfolgt das oft in einer Art (ich nenne es mal) kritischen Verlinkung.
Das führt dann wieder zu lebhaften Diskussionen, sobald ein Thema den Break-even geschafft hat. Und wie diese auch ausgehen mag, darüber reden ist ja fast nie verkehrt. Sozusagen die Wahrheit von unten.

Bitte nicht falsch verstehen. Ich halte den Populismusvorwurf, der oft gegenüber Politikern oder der BILD-Zeitung geäußert wird, keineswegs für ein Totschlagargument. Aber man darf eben die Dummheit der Masse nicht mit der Schwarmintelligenz vieler Interessierter vergleichen.
Und das ist ist ja das letztlich tolle im Netz, es macht einen guten Teil seiner positiven Strahlkraft aus: Natürlich wird im Web – wie in der Realität auch – gerne abwertend kommentiert, aber verbreitet werden dann doch meist nur die Dinge, die man auch gut findet. Und sei es eine spannende Bekanntmachung einer üblen Tatsache.