Ausgebremst

Ich bringe Fritz nicht zur Schule. Er hat nur zufällig morgens denselben Weg wie ich zur Arbeit.

Letzte Woche überquerten wir gerade zusammen das Eierplätzchen, als ein Autofahrer zwei Radfahrern die Vorfahrt nahm, das waren ebenfalls ein Vater und sein Kind. Es ging zum Glück ohne Unfall aus, war aber nichtsdestotrotz ziemlich knapp. So knapp, daß der Vater dem entschwindenden Auto reflexhaft wirklich übelste Beschimpfungen hinterherschrie. Definitiv nicht für Grundschülerohren geeignetes Vokabular – „Schwanzlutscher“ war noch einer der harmloseren Kraftausdrücke.

Die Szene erregte, keine 50 Meter vom Schulgebäude entfernt und vielleicht zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn, natürlich einiges an Aufmerksamkeit. Und plötzlich lief eine mir unbekannte Mutter neben mir und nahm mein dahingemurmeltes „Was ein Arschloch“ zum Anlass, das eben Geschehene zu kommentieren.

Gestern hätte sie ja beinahe auch einen Fahrradfahrer überfahren, weil der ihr die Vorfahrt genommen hätte. Es gäbe eben solche und solche und die rücksichtslosesten Radler wären ohnehin diejenigen, die ohne Helm unterwegs seien. Die wären es ja praktisch selbst schuld und forderten solche Situationen quasi heraus.

Ich konnte es mir nur so erklären, daß die Frau scheinbar mein „Arschloch“ tatsächlich auf den schimpfenden Radfahrer (solche Worte vor seinem Kind!) statt auf den lebensgefährlichen Autofahrer (die Vorfahrtssituation am Eierplätzchen ist unübersichtlich) bezogen hatte. Wie sonst kommt man beim Anblick so einer haarscharfen Ungeheuerlichkeit dazu, die Verantwortlichkeit derart von den Pedalen auf den Kopf zu stellen und eine Schuldtirade auf Radfahrer im Allgemeinen vom Stapel zu lassen?

Ich antwortete ihr also recht barsch so etwas wie: „Selbst wenn dem so wäre, der Unterschied ist doch, daß der Radfahrer hätte tot sein können, während das Auto mit nichts als einem Kratzer oder einer Beule davongekommen wäre.“

Die Mutter und ihr Kind blieben stehen, während ich Fritz im Weitergehen noch einmal einschärfte, daß man sich im Stadtverkehr unter keinen Umständen auf die Verkehrsregeln und erst recht nicht auf sie einhaltende Verkehrsteilnehmer verlassen dürfe.

Blechschäden & Goldideen

Der Grüne Stefan Gelbhaar schreibt in der Berliner Zeitung darüber, wie aus Unfallopfern Täter gemacht werden. Anlaß des Artikels sind die in einer Stellungnahme zur geplanten Berliner Bundesratsinitiative für mehr Verkehrssicherheit geäußerten Vorschläge des Chefs der Senatskanzlei (SPD), eine Helmpflicht für radfahrende Kinder einzuführen und Bußgelder für Fahrradfahrer zu erhöhen.

Böhnings Fokus auf Verkehrsverstöße von Fahrradfahrerinnen und Fahrradfahrern legt nahe, dass sie an den Unfällen, in die sie verwickelt werden, stets selbst schuld sind. Dabei ist es zynisch, Radfahrerinnen und Radfahrern, die von einem Auto angefahren schwer verletzt überlebt haben, zu erklären, sie hätten eben einen Helm tragen müssen.

Klarer Fall von „victim blaming“. Hat mich sehr an Volvo Life Paint erinnert, die Kampagne hat Grey 2015 zwei Grands Prix in Cannes eingebracht. Denn sie funktioniert nach dem gleichen Muster. Soll doch der Fahrradfahrer sichtbarer werden, damit Autofahrer weiterrasen können!

by @diet_prada

Und wie das bei Award Cases so ist: es wird heillos übertrieben. Jetzt hat die britische Advertising Standards Authority den Film zur Farbe als „misleading“ eingesackt. Der Hersteller Albedo 100 musste kleinlaut zugeben, daß die Lichtreflexionskraft viel geringer als dargestellt ist.

Im Guardian schreibt eine Journalistin nach einem Selbsttest mit dieser Farbe gar:

My primary issue is that it’s a publicity stunt designed for Instagram rather than roads.

Autsch!

von wegen

Gestern Abend mal wieder in der Kneipe gesessen und Fußball geguckt, nicht der Rede wert. Der VfL hat im zweiten Spiel in Folge eine Führung hergegeben und am Ende verloren. Wenn nächste Woche gegen Freiburg keine drei Punkte geholt werden, dann steckt Bochum zum Saisonende doch noch ganz tief im Abstiegskampf.
Aber egal, soll hier nicht Thema sein. Irgendein komischer Freundeskreis wollte da in einen Geburtstag reinfeiern, also haben wir gemacht, daß wir vor Mitternacht aus dem Laden gekommen sind. Auf dem Heimweg ist mir plötzlich ein Tweet des mittlerweiligen FAZ-Bloggers @mspro wieder eingefallen, den er mehrere Stunden zuvor verfasst hatte.

warum bezeichnen verleger google als „marktbeherrschende“ suchmaschine? was wäre anders für sie, hätte auch yahoo erfolgreichen newsdienst?

Kann man im Kern ja nur zustimmen. Aus Leuten wie Herrn Burda spricht der pure Neid angesichts sich ändernder Verhältnisse. Ich will da gar nicht näher drauf eingehen, das haben andere schon zur Genüge getan. Meine zwei Cents zum Thema beschränken sich auf den Gedanken, der sich mir – zuhause angekommen – beim Ausziehen der Klamotten vor dem Zubettgehen aufgedrängt hat:
Obwohl die meisten Leute täglich duschen, sich jeden Tag sowieso ein frisches Shirt anziehen, beschweren sich viele von ihnen über die nach einem Kneipenbesuch verqualmten Klamotten. Das gipfelt dann, wenn man lange genug rumgenölt hat, in bürokratischen Nichtraucherschutzgesetzen. Aber was kommt wirklich tatsächlich dabei heraus? Zumindest hier in Köln schert man sich wenig um dieses Gesetz. Ich gehe weiterhin in dieselben Kneipen und Bars, werde so gut wie nie während eines Konzerts gebeten, das Rauchen doch bitte zu unterlassen. Ich habe noch keine nikotinfreie Disko von innen gesehen und zünde mir auf Bahnsteigen bzw. an Haltestellen zur Überbrückung der Wartezeit selbstverständlich eine Zigarette an.

Auf dem Spaßbremsweg

Und was tun die Nichtraucher? Statt sich in den neu entstandenen, öden und cleanen Nichtraucherrestaurants und -cafés zu tummeln, stehen sie immer noch lamentierend in den verrauchten Gaststätten, weil es da eigentlich gemütlicher ist oder weil da mehr los ist. Google höchstselbst hat auf seinem offiziellen Blog erklärt, wie man die Suchmachine von seinen Websites aussperrt. Aber auf diesen Traffic wollen die Verlage natürlich nicht verzichten. Sie hoffen stattdessen lieber darauf, daß irgendwann diese Party im Internet vorbeisein wird und endlich der Arbeitsalltag einzieht.
Denn eins hat sich schon geändert: In meinem Büro in der Agentur darf jedenfalls nicht mehr geraucht werden.


(Filmstill gefunden bei)

Und apropos Fußball: Wer mal gegen mich am Kicker antreten möchte, der hat am 10. April in oben erwähntem Lokal die Gelegenheit dazu.
Wir bleiben beim Sport: Wegen des schönen Wetters drehe ich jetzt erst einmal eine Runde mit meinem gerade erworbenen Fahrrad.