So geht das heute

Initiativbewerbung vor ein paar Stunden. Soviel zum Thema „cutting out the middlemen“.

Timing so kurz vor dem Wochenende ist natürlich suboptimal. Aber diskutiert wird das in der Marketingabteilung sicher werden. Ob dann was draus wird, ist eine andere Frage.

Eigentlich müßte die Werbeagentur von Bifi da schon längst drauf angesprungen sein. Wer will sich schon die Butter vom Brot nehmen lassen?

Nachschlag // Auch, wenn es nicht klappen sollte…

aufwachen aufweichen

Aus meinem recht ausführlichen Kommentar neulich zur Kritik an der „Kooperation“ von Kosmetikmarke MAC mit social shooting star Caro Daur konnte man meine generelle Meinung zu Influencer Marketing bereits ziemlich gut herauslesen. Ich möchte aber trotzdem noch ein paar Worte über das Thema verlieren, weil es mir derzeit mal wieder verstärkt begegnet.

Bussibussigesellschaft

Den Jahresanfang hat Anna/Mangoblüte mit How Blogs destroy Traveling gemacht. Sie beschwert sich, daß viele Blogger „heute das bewerben und morgen jenes“. Und warum? Sapperlot! Um Geld zu verdienen.

Das Besondere am Bloggen ist, dass der Blogger Glaubwürdigkeit verkauft (im Fernsehen ist es klar ersichtlich, wenn Werbung kommt). Man verbindet das Produkt mit der Person.

Man muß die beiden Wörter noch einmal langsam und Silbe für Silbe hintereinander lesen: „Glaubwürdigkeit verkaufen“. Mit anderen Worten: „Die Nutte liebt mich echt.“

Anna liefert die Erklärung für die postulierte Glaubenswürde auch gleich mit: Während im TV die Werbeblöcke immer brav gekennzeichnet werden, bleibt die Sposor-Finanzierung bei Blogs und Social Media gerne im Dunklen. Und ja, ich weiß, daß es bestimmt anders gemeint gewesen ist.

Die Branchenpresse formuliert es natürlich etwas vornehmer. So titelt die W&V: Warum wir Bibi und Sami den Laufpass geben sollten. „Leserautor“ David Eicher (zufällig Gründer einer Agentur, um deren „Kerngeschäft“ es hier geht – womit sei Artikel selbst als Content Eigenmarketing durchgehen kann) grundproblematisiert die „Reichweitenfixiertheit der Unternehmen“, die sich durch „jugendliche Schönheit“ und „den richtigen Promi-Faktor“ geblendet auf den nextbigthingsten „Heilsbringer“ setzten. Für 2016 hieß das:

Damit kam Influencer Marketing so laut und platt daher wie die Humtata-Musi auf dem Oktoberfest.

Gegen die „Strahlkraft einiger weniger Promi-Influencer“ plädiert Eicher stattdessen für die leisen Töne der Schleichwerbung. Nur, daß er sie anders nennt. Bei ihm ist das die „Micro-Ebene“:

Influencer, die ihr Know-how im Familienkreis teilen. Teens und Twens etwa, die ihre Eltern in Sachen Online-Banking beraten.

Ernsthaft? Nochmal: ernsthaft? Sogar Lifta weiß seit Jahrzehnten, daß man nicht nur die ansprechen muß, die einen Treppenlift benötigen, sondern auch deren Kinder. Und wenn man tatsächlich auf diesem Level Fürsprecher sucht, dann sollte man sich vielleicht einfach auf die Überzeugungsqualitäten seiner Produkte konzentrieren, statt auch nur einen Cent in die Marketingstrategie zu stecken, damit meine Tochter mir eine neue Kreditkarte andreht oder mich unaufgefordert auf die günstigen Konditionen eines Ratenkredits hinweist.

Und auch er entblödet sich nicht, dafür die Worte „authentisch“ und „glaubwürdig“ in den Mund zu nehmen.

Sag’s nich‘

Nun schreibt Eicher nicht aus Spaß an der Freud, sondern muß als Chef der Webguerillas die Leistungen seiner Agentur an den Mann bringen. Also kommt er im letzten Absatz auf’s Geschäft zu sprechen mit Buzzwords wie „nachhaltige Mechaniken implementieren“, „organisch aus der Marke heraus entwickeln“, „Stakeholder binden“ und „langfristiger Image-Uplift“. Und selbst?

Es sieht aus, als würde David Eicher den Twitter-Account @de_webguerillas persönlich führen. Im Profil steht sein Name, verlinkt ist das Agenturblog. Dieses ist nicht nur designtechnisch schon etwas in die Jahre gekommen. Stand 27.01.2017 ist der aktuellste Post dort beinahe vier Monate alt. Die letzten Kommentare sind allesamt Spam (siehe Screenshot). Von den aufgelisteten „Autoren“ haben 50 % laut Profilseiten keinen einzigen Eintrag verfasst. Und die „Random Blogroll“ besteht aus ganzen fünf (5!) Einträgen, von denen einer doppelt vorhanden ist. Diese Dopplung hat vor zehn (10!) Jahren einen Domainumzug verkündet, deren URL mittlerweile auch nicht mehr erreichbar ist. Ein anderer schreibt seit Jahren nicht mehr. Ein Refresh hat die Sache nicht besser gemacht.

Ach ja, die in der Sidebar verlinkte Facebook-Seite gibt es auch nicht mehr. Nachdem Territory die Guerillas gekauft hat, ist ein Pagemerge wohl zu aufwendig gewesen. Auf der Website steht übrigens in Versalien: WE DON’T TALK ABOUT SOCIAL MEDIA – WE LIVE IT.
Nur mal so.

Ende Teil 1

Jetzt bin ich zur Besprechung zweier weiterer Links noch gar nicht gekommen. Also wird es nach dem Wochenende wahrscheinlich eine Fortsetzung dieses Blogposts geben. Eins noch zum Schluß: Content-Marketing ist übrigens schuld an der Lügenpresse, sagt Siebenhaar im Handelsblatt – Der Medien-Kommissar: Auf dem Weg zum medialen Brei.

Vollzeitpenis

Waren das noch Zeiten, als man sich am Telephon hat verleugnen lassen. „Der Herr Direktor ist gerade in einer Besprechung. Kann ich etwas ausrichten?“ Heutzutage ruft niemand mehr an, kann Mann die Sekretärin zumindest bis rauf zum mittleren Management gleich einsparen. Gibt sich volksnah, sogar Chefs beantworten ihre Mails selbst, kurze Wege und flache Hierarchien und so.

Die Medienwelt ist davon natürlich ganz besonders betroffen, wenn sich der Primat der Contentproduktion von analog zu digital verschiebt. Die Anforderungen gerade an Schreiber ändern sich damit radikal. Exemplarisch zu sehen an der gestern rumgegangenen Stellenausschreibung für den Germany Editor at BuzzFeed in Berlin. Zu dessen Aufgaben sollen sowohl Write, edit, and produce original posts for BuzzFeed.com focused on German news and culture als auch Post BuzzFeed content to various social media sites gehören. Wie die Gewichtung dabei liegt, wird klar, wenn man sich die vollständige Liste der Vorraussetzungen für den Job anschaut:

  • 2-3 years experience writing or editing for a large website or other publication
  • Proven ability to make widely shared posts
  • Experience using social media in a professional capacity
  • Thorough understanding of the social web, web copyright issues, and web research
  • Familiarity with standard photo-editing tools (PhotoShop or the like)
  • Established social media presence

  • Das gefällt nicht jedem. Aus irgendeinem, wenn auch guten Grund, fühlen sich selbst festangestellte Journalisten dazu verpflichtet, es in Zeiten des Internets ihren freiberuflichen Kollegen gleichzutun und beständig Eigenwerbung für die eigenen Ergüsse durch die einschlägigen Netzwerke zu blasen.

    Die oft erwartete, manchmal erzwungene Identifikation mit den Erzeugnissen des Arbeitgebers ist eine Sache. („Wie, Du likest weder Deine Agentur, noch deren Kunden?“) Ich für meinen Teil mache sehr gerne Werbung, aber nicht Werbung für Werbung. Die andere das Problem vieler Netztexter, nicht mehr für die Leser zu schreiben, sondern für Suchmaschinen und Klickzahlen. Wobei da ja ständig eine neue Sau durchs digitale Dorf getrieben wird, was aber nichts an der Grundproblematik ändert.

    gal_amen

    Wie fließend die Grenzen allerdings auch im Print sein können, zeigt ein Artikel, eine Werbung, ein Fragezeichen in der aktuellen Gala Men (Ausgabe 1/14, S. 75). Der Beitrag ist nicht als Anzeige gekennzeichnet, unter der Überschrift „Selbsttest“ darf ein Redakteur dort in den höchsten Tönen von „Duftreisen ins Reich Christian Diors“ schwärmen, inklusive Kontaktdaten zur Terminvereinbarung. Seinem Profil auf linkedin.com/ nach zeigt das den Beitrag illustrierende Schnupperbildchen tatsächlich den auch im Impressum als Mitarbeiter Vollzeitpenisaufgeführten Sebastian Stein. Über den ist im Netz wiederum überraschend wenig zu finden, ein paar Artikel auf gala.de/ bilden da schon die Ausnahme.

    „XY changed their ROFL picture.“

    Einschub // Scheinbar werden Cover jetzt schon so designt, daß sie im quadratformatigen Profilbild gut rüberkommen. Da gesellt sich Gala Men zu einem Zeitschriftenhaufen von Spex bis Nido. Wahrscheinlich nur noch ein Frage der Zeit, bis sich die Kioskauslagen den modernen Gegebenheiten anpassen.

    Aber zurück zum Thema: Sich selbst zur Marke machen, personal brand strategy. Sascha Lobo hat völlig richtig das Zeitalter der Selfieness ausgerufen. Aber darüber, wie man zwischen Onlinekolaborationen, Mailverkehr und Sozialmediengedöns, zwischen ständiger Erreichbarkeit und flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen die private und berufliche Netznutzung unter einen Hut bringt, darüber verliert er kein Wort. Wahrscheinlich, weil das jeder für sich selbst herausfinden muß.

    P.S.: Das berühmte Oscar-Selfie ist übrigens Product Placement von Samsung gewesen.