gleich & anders

Wo wir gerade (gestern) beim Thema waren:

Durch googlen diese inhaltlich sehr ähnliche Headline gefunden: Signature Look: Der Trick der Fashion Influencer lautet: Immer gleich aussehen! | Stylight 2014 geht von der Aussage her aber in eine etwas andere Richtung. Diejenigen, welche wechselnde Modetrends kreieren, entziehen sich selbst dem Hype Cycle.

Als modebewusster Mensch ist es heute schwierig, seinen Stil zu entwickeln, weil man immer wieder durch Social-Kanäle wie Instagram oder Snapchat im Sekundentakt neue Trends präsentiert bekommt und diese so perfekt aufbereitet sind, dass man sie unbedingt mitmachen möchte.

Das hat Stylight vor einem halben Jahr geschrieben. Wobei den derart Getriebenen an anderer Stelle ebenjenes Feuer unterm Hintern gemacht wird. Denn unlustigerweise tragen weitere Posts von Stephanie Morcinek und Verena Stehle (s.u.) Titel wie:

    – 5 Gründe, warum wir jetzt alle ein Naked Dress wollen
    – Der “It-Rock” oder warum jetzt alle einen Minirock mit Knopfleiste haben wollen
    – Gleich und gleich gesellt sich gern: Warum wir jetzt UNBEDINGT ein Ensemble brauchen

Und die restlichen Stylight-Redakteurinnen lassen sich in dieser Hinsicht auch nicht zweimal bitten:

    – Warum wir jetzt alle UNBEDINGT einen Regenmantel wollen!
    – Plädoyer für den Yeti-Mantel: Warum wir aussehen wollen wie ein Plüschmonster
    – Warum wir jetzt einen Maximantel wollen
    – 6 Gründe, warum wir jetzt unbedingt einen Mantel in khaki haben möchten (native ad)
    – Warum wir es jetzt von hinten wollen!
    – Warum wir in der Mode jetzt zurück zur Natur wollen
    – So wollen wir jetzt aussehen – die geniale Kombi aus Hoodie und Ledermini
    – Das ist DER Trend, den wir jetzt unbedingt ALLE mitmachen wollen

Das Problem des Spagats zwischen Content Marketing und inhaltlicher Relevanz aber spiegelt am besten folgender Artikel wider: Warum jetzt alle französisch aussehen wollen – was totaler Quatsch ist (erneut Stehle).

Denn wie lässt Stylight über sich selbst verlauten:

Heute ist Stylight der erfolgreichste Mode-Aggregator Europas und weltweit aktiv – mit einem Ziel: täglich eine Inspirationsquelle für ambitionierte Frauen zu sein und ihnen dabei zu helfen, ihren ganz persönlichen Style weiterzuentwickeln. Über 200 Lifestyle-, Engineering- und Fashion-Professionals aus mehr als 20 Ländern arbeiten jeden Tag mit Leidenschaft an Stylights Mission: shoppable Inspiration zu bieten.

Um noch einmal die Brücke zur der anderen Seite des Agendasettings zu schlagen, gleichzeitig mit einem Bogen zum Beginn dieses Textes – Vincent Carlos on Pulse | LinkedIn: Why Successful Individuals Wear The Same Outfit Daily.

Wir sind noch nicht am Ende. Das hier war quasi nur eine Art Exkurs.

Maybe they just give a bloody catshit about it?

Most students can’t tell the difference between sponsored content and real news, berichten die Jungs von The Verge. So ist dann wohl auch t3n auf die Meldung aufmerksam geworden: 80 Prozent der Jugendlichen können News nicht von Werbung unterscheiden (Wer es deutsch braucht.) Vielleicht lesen sie ja wirklich die Uni-Website von Stanford täglich rauf und runter. Den Artikel des Wall Street Journals, auf den Verge sich bezieht, verlinken sie jedenfalls nicht. Ihre eigene Quelle übrigens auch nicht.

Es heißt, gerade Digital Natives können Native Advertising nicht erkennen. Das gilt nicht nur für Nachrichten, sondern auch in Bezug auf Suchmaschinen. Dabei wäre es wohl richtiger, statt von „können nicht unterscheiden“ schlicht von „unterscheiden nicht“ zu sprechen. Jugendlichen ist es einfach egal, ob etwas als gekaufte Google-Werbung oder organisches Suchergebnis erscheint. Ob der Text hinter dem Klick ein Artikel mit unabhängigem Informationswert oder geschicktes Content Marketing ist. Was die Diskussion um FakeNews in gewisser Weise ad absurdum führt.

Aber bleiben wir bei Google: “I thought they stopped offering autocomplete suggestions for religions in 2011.” zitiert Carole Cadwalladr einen Searchexperten in ihrem langen Text für The Guardian: Google, democracy and the truth about internet search. Was ein ziemlich billiger Weg der Problemkaschierung wäre. Sobald man nach Fakten sucht und einem Interpretationen präsentiert werden, können die Resultate (nicht nur für Juden und Frauen) abstrus bis ärgerlich werden.

Nun ist der Guardian nicht immun gegen die Versuchungen der netzweltlichen Aufmerksamkeitsmechanismen. Genau eine Woche später veröffentlicht Cadwalladr eine zugespitztere, erheblich kürzere Opinion zum selben Thema: Google is not ‘just’ a platform. It frames, shapes and distorts how we see the world. Was auch nichts daran ändert, daß besonders das Holocaust-Beispiel natürlich mehr als besorgniserregend ist. Gerade im Zusammenhang mit den eingangs erwähnten Studien. Die Auswirkungen falsch verstandener Meinungsfreiheit und sieht man auch in den USA, siehe Google won’t remove white supremacist site from top search result about Holocaust auf McClatchy DC.

Und noch einmal zwei Tage später dann auch endlich die Übersetzung auf deutsche Verhältnisse bei Vice | Motherboard: Fake News zum Holocaust sind noch immer Top-Treffer auf Google – natürlich ohne Hinweis auf den Auslöserartikel, dafür mit Screenshots in anderer Sprache und brav ergänzt um Standpunkte aus offiziellen Google-Publikationen. Wegen Ausgewogenheit und so, ne? Personalisierung ist übrigens weder hier noch da eine Argument oder auch nur erwähnt. Auf Englisch habe ich vor Tagen andere Ergebnisse bekommen als und gerade auf Deutsch scheint Google etwas getan zu haben.

Ich tippe auf manuellen Einzeleingriff statt komplexer Algorithmusänderung. Doch sobald konkret irgendwas gegen zuerst Hatespeech und jetzt FakeNews unter- oder nur in Angriff genommen wird, kann man sich des reflexhaft gerufener ZENSUR!-Vorwürfe sicher sein, selbst für die scheinbar gute Sache. Auf das mit dem Werbegeld ist dann weitere sechs Tage auch gekommen: How to bump Holocaust deniers off Google’s top spot? Pay Google. Denn wer sagt, daß man nicht gleichzeitig ein monothematischse Pferd zu Tode reiten kann, während damit die Sau durchs digitale Dorf getrieben wird?

Derweil nimmt der Deutschunterricht meiner Tochter das Thema Werbung durch. Und zwar genauso, wie das zu meiner Schulzeit gemacht worden ist – mit aus Zeitungen und Magazinen herausgerissenen 1/1-Anzeigen. Weil es materialtechnisch so schön einfach ist; die Schüler sollen einfach was mitbringen, was man dann gemeinsam analysieren oder einzeln hausaufgeben kann. Da lernen sie dann, was eine Headline ist. Nennen den Claim aber weiterhin Slogan. So soll mein Kind Medienkompetenz lernen.

Das war schon immer so – nur geht es mittlerweile (nicht nur) an der Mediennutzung einer 13jährigen vorbei, die sich alle Jubelmonate mal die Print-Mädchen kauft und höchstens einmal pro Woche vor dem Fernseher sitzt. Stattdessen mindestens fünf Stunden pro Tag am Smartphone. Aber davon haben die Lehrer keine Ahnung, da steht nix von in den Schulbüchern. Kein Wort über Influencer Marketing auf YouTube und Snapchat, das die Kids dermaßen bereitwillig aufnehmen, daß es selbst mir als Branchenzugehöriger gruselig den Rücken runterlief. Obwohl Greta bereits in der Grundschule wusste, welchen Text ich hören wollte, wenn bei SuperRTL oder Nickelodeon der Werbeblock anfing. Den musste sie abspulen, um nicht umschalten zu müssen.

Ob es sie interessiert oder nicht.

Ohren/Rohr

Ist zwar schon eine halbe Netzewigkeit her, aber ich habe mich gerade an den von @kcpr getwitterten Hinweis auf diesen Artikel beim businessinsider.com/ erinnert. Die beiden Kernaussagen hier kurz zitiert:

„Content is King“ — no longer. Today, the world has changed. „Curation Is King.“
„Andy Warhol was wrong. We’re not going to be famous for 15 minutes. We’re each going to be famous for 15 People.“

Fünfzehn Freunde, die mich (mehr oder weniger) gut leiden konnten, hatte ich auch schon, bevor ich im Internet unterwegs gewesen bin. Das Wort „berühmt“ scheint mir in diesem Zusammenhang unpassend, vielleicht ist schon der Spruch, das Versprechen des Pop-Artisten schief gewählt gewesen. Noch wahrscheinlicher ist allerdings, daß er/es nur wirklich Sinn macht, wenn man ihn/es nicht als Alleinvertretungsanspruch versteht.
Die etablierten Massenmedien bröckeln ein wenig, sicher. Aber Blogs, Tweets, etc. werden immer nur eine Ergänzung sein, die großen Publikationen werden auf absehbare Zeit nicht zu ersetzen sein. Die Klage, daß sich die Netzpublizisten neuerer Prägung zuwenig untereinander verlinken und die meisten doch nur auf Spiegel Online & Konsorten verweisen, sich an FAZ.net abarbeiten, dieses Wehgeschrei ist symptomatisch. Wie oft und regelmäßig auch die Diagnose Selbstbezogenheit (Blogger bloggen über’s Bloggen.) gestellt wird, eine gesunde Reichweite folgt daraus nicht automatisch. Die wenigsten bekommen ein Stück vom Kuchen ab.

Man möchte einwerfwenden: Für den einzelnen Contentproduzenten ist das gut so. Weil es theoretisch Unabhängigkeit fördert. Wenn die Leute aufgrund selbstverschuldeter Klickzahlenhörigkeit nicht trotzdem lauter Gefälligkeiten posten würden. Man möchte auch in seinem virtuellen Freundeskreis beliebt sein.
Was aber ist mit dem großen Ganzen? Selbst der eifrigste Blogger liest mehr als er schreibt. Warum das oben zitierte Postulat höchstens seine tendenzielle Richtigkeit hat, läßt sich gerade an Fußballübertragungen ablesen. Selbst jemand, den der Sport nicht interessiert, schaut sich die Spiele an, aus dem einfachen Grund, weil alle es tun. Früher hat man ja oft nur deshalb ferngesehen, um am nächsten Tag ein Gesprächsthema in der Büroküche zu haben. Und auch heute würde wahrscheinlich so manch einer den sonntäglichen Tatort gar nicht einschalten, wenn nicht die Möglichkeit bestünde, zugleich via Twitter über das zu kommunizieren, was da über den Bildschirm flimmert.

Relevance is king. Reception is king.

Was für einen selbst relevant ist, das bestimmt – zum Glück! – jeder einzelne. Aber was in einer Gesellschaft als relevant wahrgenommen wird, läßt sich doch in der Regel an Mehrheitsdiskursen festmachen. Es ist damit nicht gesagt, daß etwa Springerpresse und RTL bis in alle Ewigkeiten die vorherrschenden Meinungsbildungsverkörperungen bleiben müssen. Aber so wie es seit Warhol neben zahlreichen OneHitWondern und im Viertelstundentakt verglühenden Starschnüppchen auch echte Berühmtheiten gegeben hat, so werden sich auch im Internet Leitmedien herausbilden, es gibt sie ja schon. Es liegt in der Kultur der Sache, daß der eine mehr Follower und Reader hat als der andere, ansonsten wäre eine themen- bis allesübergreifende Verständigung untereinander kaum möglich. Ein Babel.

Mich interessiert allerdings in den seltensten Fällen, warum jemand anderes etwas ins Internet schreibt und was er mir damit sagen will. Wichtig ist für mich, was bei mir ankommt. Wieso es mich angeht.

Ich bin am Freitag bei Spex Live gewesen. Morgen geht es zur Verleihung des Grimme Online Awards. Und ich danke dem Schauspielhaus Köln, daß es Gob Squads Revolution Now! auf den ebenfalls fußballfreien Donnerstag gelegt hat. Freitag in der Früh dann per Zug nach Hamburg zum Bauer Agency Cup.

mind the

Clay Shirky mit gewohnt eloquenter Provokanz (oder umgekehrt) über die Analogie von Prohibition und Copyright. Man wird kaum oder nur mit sehr großen Anstrengungen gegen das allgemeine Nutzerverhalten ankommen. Das Verhältnis von Link und Content wird sich kaum wieder umkehren lassen; weil es das Wesen des Netzes ist. Trotzdem nett, sich die Situation mal andersrum vorzustellen.

ideia

Was ich definitiv nicht brauche: Listencharts.
Und lasst die Werbefinger von Weihnachten. #proGAP