Zu müde, um ein Wortspielfeuerwerk abzubrennen

Die nun wirklich nicht als hooliganfreundliches Proletenblatt bekannte ZEIT schreibt unter der Unterschrift „Ultras: Sie nennen es Krieg“ vor einigen Tagen unter anderem:

Seit Wochen veröffentlicht [Bild-Zeitung] immer wieder Ultra-Storys. Begonnen hat es mit einer Geschichte, in der es heißt, Rainer Koch sei bei dem Treffen in Dresden bedroht worden, auch von Hausbesuchen war zu lesen. Am Wochenende korrigierte Rainer Koch die Berichterstattung. Er sei nie bedroht worden, schrieb er auf Facebook. Er habe nicht einmal mit der Bild gesprochen.

Später hebt das Blatt den Gladbacher Verteidiger Jannik Vestergaard auf die Titelseite, der angeblich Haftstrafen für Ultras fordert. Tut er aber nicht, wie er kurz darauf in einem ausführlichen Statement erklärt. Der Onlinechef der Bild kündigt dennoch schon einmal an, mutmaßliche Gewalttäter aus den Kurven hochauflösend auf Seite 1 zu drucken. Wie schon nach dem G20-Gipfel scheinen juristische Grundprinzipien wie Gewaltenteilung oder die Unschuldsvermutung in diesen Überlegungen keine große Rolle zu spielen.

Der Kampf der Blöd für eine noch weiterreichende Kommerzialisierung des Profi-Fußballs ging heute munter weiter. Superinvestigatives Anonym-Interview mit einem Ultra, reißerischste Aufmacher, Headlines. Derweil darf Draxler weiter über die im europäischen Vergleich benachteiligte Bundesliga jammern. Noch darf er es wohl nicht offen sagen, aber der Mann würde für einen deutschen ChampionsLeague-Sieg wahrscheinlich sogar persönlich seine lebendige Großenkelin an russische Oligarchen oder saudische Ölscheichs verkaufen.

Und das alles wahrscheinlich aus demselben Grund, warum man nach Hamburg die linken Gipfelchaoten zu staatsgefährdenden Wohlstandsterroristen hochgejazzt hat: Weil es Auflage bringt.

zu faul

Und überhaupt sind Satireaccounts auf Twitter sooo 2012, Bots sind so 2015. Zusammen hätten sie diesen Monat vielleicht noch eine Chance, aber: siehe Überschrift. Ich habe einfach zuwenig Ahnung davon bzw. keine Motivation dazu. Wenn also jemand die Idee umsetzen möchte, bitteschön:

@BILDdirdeineMudda

. . . ist als Twitterhandle leider zwei Buchstaben zu lang, macht wohl aber schnell klar, worauf ich hinauswill. Der Account würde sich die Schlagzeilen der BLÖD ziehen, einen Namen oder ein Substantiv daraus durch „Deine Mudda“ ersetzen und das dann automatisch tweeten. Zur Inspiration noch ein paar manuell generierte Headline-Mashups von heute:

    – Syrer (16) wurde von Deiner Mudda ferngesteuert
    – Studie: Jeder 3. findet, Deine Mudda ist selber schuld
    – Pirat fuhr Deine Mudda mit Sackkarre durch Berlin
    – Das verdient Deine Mudda an jedem iPhone (Oder besser: Das verdient Apple an Deiner Mudda?)
    – Deine Mudda gefährdet sozialen Frieden im Osten

Falls Ihr das auch nur halbwegs lustig findet und Euch der Ehrgeiz packt, wäre das hier vielleicht ein Startpunkt. Ich selbst habe seit Wochen den Dash-Button zuhause liegen, aber selbstverständlich noch am Stück, nicht gehackt.

silence / license

Auf faz.net/ im Zuge des anvisierten Börsengangs etwas zur aktuellen – wenn man es denn so nennen will – Strategie von Twitter. Die großen Wachstumszahlen sind beim Kurznachrichtendienst in der Tat vorbei, der Anteil der Passivnutzer erhöht sich. Das muß man in Gänze gar nicht so schwarz sehen wie @MicSpehr; ich denke im Gegensatz schon, daß sich in bestimmter Hinsicht Konsumenten sogar einfacher monetarisieren lassen als Produzenten. Doch ist ein Teilaspekt sicher unstrittig:

Twitter fördert diejenigen, die ohnehin schon prominent sind, vom Schauspieler oder Politiker bis hin zum Fernsehmoderator. Bekannte Namen und Netzprominenz werden bei Laune gehalten.

Kleiner Sprung zur Politik der verified accounts, für deren Willkürlichkeit Intransparenz Twitter wiederholt kritisiert worden ist. Von der Website:

Why does Twitter verify accounts?
Verification is currently used to establish authenticity of identities of key individuals and brands on Twitter.

What kinds of accounts get verified?
Twitter proactively verifies accounts on an ongoing basis to make it easier for users to find who they’re looking for. We concentrate on highly sought users in music, acting, fashion, government, politics, religion, journalism, media, advertising, business, and other key interest areas. We verify business partners from time to time and individuals at high risk of impersonation. We are constantly updating our requirements for verification. Note, verification does not factor in follower count or Tweet count.

We do not accept requests for verification from the general public. If you fall under one of the above categories and your Twitter account meets our qualifications for verification, we may reach out to you in the future.

peaceofthepie

Nun ist es ja kein Geheimnis, daß der Deutschland-Chef von Twitter „Market Director at Twitter Germany“ @rowbar davor Online-Scherge bei Springers BILD gewesen ist. Das passt ja auch super in selbiges. Deren Editor-in-Chief @KaiDiekmann hat sich seinen verified account bestimmt – naja – redlich verdient. Bei @marionhorn mögen einem erste Zweifel kommen. Aber @HoffHoffmann oder @tanit ohne h?

Vergessen?

Man kann sich ja noch einmal daran erinnern, was die BILD-Zeitung anläßlich des Starts von Google Street View in Deutschland vor nur etwas über zwei Monaten geschrieben hat. Aber muß man gar nicht, dafür gibt es eben die Suchfunktion. Das ist nämlich eine feine Sache am Internet, dieser Archiveffekt.

Der Blick ins Schlafzimmer ist bei der Momentaufnahme theoretisch möglich.
Beispiel: Während das Google-Auto die Aufnahmen gemacht hat, hatten Sie gerade gelüftet und die Fenster offen. Wenn die Sonne in Ihr Schlafzimmer schien sind sehr detaillierte Momentaufnahmen möglich, in die der Nutzer zoomen kann.

Das sollte man mal mit einem Das Luxus-Leben des Larry Page überschriebenen Artikel vergleichen, der gestern in der größten deutschen Tageszeitung erschienen ist, die sich gerne als Anwalt des kleinen Mannes verkauft. Dieses Gebaren als eine Messung mit zweierlei Maß zu bezeichnen, ist wohl etwas untertrieben. Aber wer hat anderes erwartet?

Eine Panikbeleuchtung. Und wieso kenne ich diesen Film nicht?

bild von einem mann

Unter der Schlagzeile Jeder Mann kann klug aussehen gibt bild.de/ Modetipps für den modernen Mann. Ob der „Mix aus Nerd und Dandy – das ist der Bohème-Style“ in der Zielgruppe so gut ankommt, ist zumindest fraglich. Mit Sätzen wie „Perfekt wird der Look mit einer Hornbrille, die gar nicht groß genug sein kann.“ kann der durchschnittliche BILD-Leser wohl eher wenig anfangen.

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Nun denn, es ist ja bald Karneval. Jedenfalls endet der Artikel mit einem Appell, der eher nach Überredung als nach Überzeugung klingt. Aber wer weiß, wozu es gut ist. Die BILD setzt sich jedenfalls sonst äußerst selten für etwas weniger Zucht und Ordnung ein.

Nun sind Sie fertiggestylt, und was jetzt? Ab ins Café! Dort verbringen Sie den Tag, lesen Zeitung, treffen sich mit Gleichgesinnten und diskutieren über Gott und die Welt. Leben Sie Ihren neuen Style!

Was tut man wohl nicht alles, um damit vielleicht ein paar Frauen aufzureißen. Auch, wenn Misses mit solcher Ausstrahlung wahrscheinlich anders zu beeindrucken sind.