+++EIL: Extrablatt +++

Schlagen Sie mal das Wort „Krise“ im Zeitungslexikon nach. Von Auflagenrückgängen und schrumpfenden Abonnements wird man in der 2017er Ausgabe eher wenig lesen, schätze ich.

Hashtag #diezukunftderprintmedien. Die ganze Aufregerei über Trumps tägliche Machenschaften sorgt nicht nur bei Verlagen für Klicks, auch die Plattformen bekommen einen Trafficschub. Schließlich will man informiert werden, was der orange Trampel jetzt schon wieder angestellt hat.

“You know this administration is going to have broad ability to take action on things we care about — jobs, our ability to hire, our ability to grow, everything, all the issues we’re all posting about — and so a dialogue there is important.”

Das hat Sheryl Sandberg während eines Podiuminterviews auf der Watermark Women’s Conference gesagt. Angesichts des drohenden Faschismus sorgt sich die Facebook-Geschäftsführerin immer noch in erster Linie um die Wachstumsmöglichkeiten ihres Unternehmens. Nach 18 verheerenden Executive Orders sagt die für ihr Buch Lean In als Vorzeige-Feministin gefeierte Sandberg, es sei zu früh, um Urteile zu fällen.

An den Fernsehquoten in den USA kann man übrigens auch einen Trump-Effekt ablesen, wie am Beispiel der dort beliebten Late Night Shows festgestellbar ist.

Auf dem von Männern dominierten Late Night-Markt ging es also drunter und drüber. Auch wenn sich Jimmy Fallon immer wieder behaupten konnte, wird es vielleicht nicht immer so einfach für ihn bleiben. Denn der neue Präsident möchte die Welt anscheinend nicht zur Ruhe kommen lassen, wie bereits seine erste Amtswoche zeigte. Die politischen Ansätze eines Colberts und eines Meyers könnten genau das sein, wonach es dem amerikanischen Fernsehpublikum verlangt.

Daß die Kritiker des neuen US-Präsidenten auch durch ihn verdienen, sollte man nie außer Acht lassen. Was noch lange nicht heißt, daß man sich mit kleinhändigen Überfrisur gemein macht.

Meine 3 Cent

Ich gebe Nazis Feuer, wenn sie mich darum bitten – für ihre Zigaretten. Ich mache in der Bahn den Platz frei für einen homohassenden Rentner. Ich halte die Aufzugtüren für die Kollegin auf, die ständig „behindert“ als Schimpfwort benutzt. Weil ich höflich bin.1

Was ich nicht tue, ist mit Arschlöchern über Politik zu reden. Denn mit post-faktischen Realitätsverweigerern habe ich keine gemeinsame Diskussionsgrundlage. Ich verachte sie dafür, daß sie dem Flüchtling seinen Keks nicht gönnen. Und ich hasse, ja: hasse sie dafür, daß wegen ihnen die Welt manchmal eben doch schwarz/weiß ist. Vor allem in der Wahlkabine.

gas+staat

Man konnte auf dem Wahlzettel noch nie sein Kreuzchen bei „Ich bin kein Rassist, aber…“ machen. Wer AfD oder Trump wählt, der erklärt sich mit Rechtsextremismus einverstanden und unterstützt ihn aktiv. Basta. Was ich den Neorechten richtig übelnehme, ist das Verschwinden von Zwischentönen bei Wahlentscheidungen. Seit Kurzem geht es da nicht mehr um Koalitionen und Kompromisse; die Priorität jeder Wahl besteht nur noch darin, das Schlimmste zu verhindern. Alles andere ist zweitrangig. So einfach ist das. Schöne Scheiße.

re:sieg/nation

Ich habe mich damit abgefunden, daß Positionen von Rassismus bis Mysoginismus keine aus Demagogensicht ausbaufähigen Randpotenziale mehr, sondern offenbar mehrheitsfähig sind. Wir haben gerufen „Check mal Deine Privilegien“ – and guess what: der alte, weiße Mann würde sie gerne behalten. Finde ich nicht okay. Wenn mir das als arrogantes Linksakademikertum ausgelegt wird: bitteschön.

re:sist

In der The New York Review of Books stellt Masha Gessen sechs Regeln für das Überleben in einem autokratischen Staat auf.

rulz

Tatsächlich liest sich Trumps Plan für die ersten 100 Tage nach Amtsantritt mit Fortschreiten der Liste immer schlimmer. Umso weiter man runterscrollt, umso entsetzlicher wird es.

Das wird richtig scheiße für die Minderheiten in den USA. Aber auch wir hier auf der anderen Seite des großen Teichs werden die Auswirkungen zu spüren bekommen. Vier Artikel für die Wochenendlektüre:

grund/verschieden

So mit die ersten Tweets, die ich nach dem Sieg Trumps gestern las, waren die Forderungen nach einen besseren Journalismus. Sie kamen natürlich von Journalisten. Und natürlich lag es nicht an den Reportern und Redakteuren selbst, sondern an den Verlagen, die ihnen aus purem Profitstreben nicht die notwendigen Mittel und Vergütungen bereitstellten.

Ich finde diese Art von Eigenwerbung noch abstoßender als Internetarbeiter, die in regelmäßigen Abständen «Print ist tot» zetern. Den meisten dieser Sichselbstdernächsten steht der schamlose Eigennutz ohnehin ins Gesicht geschrieben. Journalisten hingegen bilden sich gerne etwas auf ihre Qualitätsansprüche und vor allem ihren Berufsethos ein. (Wenn sie nicht gerade mit PR etwas dazuverdienen. Müssen – woran wieder nur die Verlage schuld sind.)

Die weniger mitleidige Seite der Selbstbespiegelung konnte man auch schon vor der Trump-Wahl lesen, etwa den großartigen Text How Half Of America Lost Its F**king Mind über die tiefe Spaltung zwischen Stadt und Land. Auch der Guardian gab Mitte Oktober in Dangerous idiots: how the liberal media elite failed working-class Americans den Proletenversteher.

The main reason that national media outlets have a blind spot in matters of class is the lack of socioeconomic diversity within their ranks.
The economic trench between reporter and reported on has never been more hazardous than at this moment of historic wealth disparity, though, when stories focus more often on the stock market than on people who own no stocks.

Derweil werden weiter Schuldige gesucht. Mal sollen es alte Männer sein, dann Weiße, danach die Nichtwähler, die Unmobilisierten oder auch gleich das gesamte Wahlsystem – irgendjemand muß den schwarzen Peter am Ende zugesteckt bekommen.

Journalisten vergessen dabei nicht nur gerne, daß sie selbst zu einer recht privilegierten Schicht gehören. Was sie noch lieber verdrängen, ist ihr Schreiben für eine bestimmte Klientel. Denn natürlich hat jede Zeitung, jedes Magazin ihre/seine Leser im Blick. Und jenseits des Boulevards handelt es sich hierbei mehrheitlich um das establishmentale Bildungsbürgertum.

Black Bug

Das Bedienen dieser Teilöffentlichkeiten hat beim gedruckten Wort in der Summe auch sehr lange funktioniert. Diskurshoheiten verteidigten sich quasi von alleine, bis hinunter zu den Nachrichten in TV und Radio. Nur Online, in diesem Internet hat man plötzlich ein Problem. Hier zählt die Publikation weniger als Marke, sondern Artikel werden Klick für Klick gelesen. Was sie – grob vereinfacht – im Endeffekt immer mehr einander angeglichen hat.

Der Reichweitenwettlauf hat auch zu einer Austauschbarkeit geführt. Mithin wohl ein Baustein für den Vorwurf »Lügenpresse«. Ob man dem als Politiker mit anbiedernder Kumpelei entgegenwirken kann, darf bezweifelt werden. Eine Lösung habe ich zwar auch nicht, aber da mache ich nicht mit.