Samsung in Neon

(Edit: Nicht mehr ganz so) Neulich auf dem Klo in der April-Ausgabe der NEON geblättert und etwas stutzig geworden. Wenn Sie Ihr Augenmerk bitte auf den rechten Teil der aufgeschlagenen Doppelseite richten würden.

Wie es wirklich aussah

Erkennt man, das über der Abbildung des Smartphones etwas ausgestanzt ist? Warum sehe ich durch das Loch die halbe Spalte eines Textabsatzes und eine angeschnittene Katze? Komischer Teaser. Trotzdem mal umblättern.

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Viel roter Arm. Das kann es auch nicht sein. Dann ist es mir aufgefallen: Die Seite mit dem Smartphone drauf rausgerissen, umgedreht und andersrum wieder reingelegt. Voila, so ergibt diese mehrseitige Werbeanzeige dann doch wieder Sinn. Also zumindest ein bißchen (mehr). (Edit: Falls die Verwirrung zu groß ist – das obige Bild zeigt das „Nachher“.)

Wie es aussehen sollte

Solche Fails interessieren wohl nur einen Berufskränkelnden, die meisten anderen fliegen – noch nicht einmal irritiert, weil unbemerkt – sofort drüber weg. Ich würde schon gerne erfahren, wer da Mist gebaut hat. Die Agentur falsch angeliefert, der Verlag nicht drübergeschaut, die Druckerei Dateien vertauscht? Wahrscheinlich schieben sich alle Beteiligten nun Mitte Mai immer noch gegenseitig die Schuld zu.

Screenshots & Zitate

Falls Ihr BOBBY&CARL nicht kennt, eins vorweg: It’s „a joint venture between thyssenkrupp and the agency group thjnk, combining the communication needs of a large multinational with the communication expertise of every type.“ Soweit die Selbstbeschreibung auf ihrer Website. Von dort stammen auch sämtliche Screenshots in diesem Post.

Die Wikipedia schreibt: „thyssenkrupp ist auch ein großer Waffenhersteller. Der Umsatz mit Rüstungsgütern – vor allem U-Boote und Marineschiffe – belief sich 2012 auf 1,5 Milliarden Dollar.“

Wir reden hier nicht über die bekannten Luxusreisen, Schienenskandale und wiederholten Kartellprobleme. Wir reden über Waffen.

Und da schreckt thyssenkrupp auch nicht vor Kungeleien mit Erdogan zurück, um ein paar U-Boote mehr zu verkaufen. Wie ein Manager dieser Firma auch nur einen einzigen Augenblick glauben konnte, er bekäme als Waffenhändler einen Friedenspreis verliehen, ist mir schleierhaft.

Wie man an den markigen Worten von Bobby & Carl sieht, macht sich das Agentur-JointVenture dahingehend keinerlei Illusionen. Soll man dessen Ehrlichkeit jetzt loben? Sie nötigt mir immerhin Respekt ab. Zum ersten Mal denke ich allerdings bei einer dieser in Mode gekommenen customized agencies nicht: Das ist die Kröte, eine Kreativschmiede schlucken muss – sich im Austausch für wirtschaftliche Planbarkeit und Sicherheit, um den Kunden enger an sich zu binden, teilweise zu einer ausgelagerten Marketingabteilung zu degradieren. Oder vielleicht wird manchmal so die branchenübliche Vertragsklausel ‚Konkurrenzauftragsausschluß‘ umgangen, bestenfalls.

Stattdessen denke ich erstmals: Da will sich jemand nicht die Finger schmutzig machen. Was wahrscheinlich nicht stimmt. Wer beispielsweise liefert Audi Stahl? Es drängt sich trotzdem auf.

Als Karen Heumann noch nicht Geschäftsführerin und Sprecherin des Vorstandes bei thjnk gewesen ist, hat sie der Zeit ein Videointerview gegeben. Ab 01min 08sek hört man da ihre Antwort auf die Frage: Gibt es Unternehmen oder Institutionen, für die sie nicht arbeiten würden?

„Ja, und das ist innerhalb der Agentur, in der ich jetzt arbeite, Jung von Matt, auch so, daß man sowieso nicht für Dinge, Menschen, Services und so weiter arbeiten muß, wenn man es nicht will. Also es gibt bei uns Teams oder Leute, die sagen ‚Ich arbeite nicht für Zigarette oder ich arbeite nicht für irgendjemanden, der in irgendeiner Form Kriegsrüstzeug herstellt.‘ Das mal grundsätzlich, d.h. jeder hat bei uns die Freiheit zu sagen ‚Das mache ich nicht.‘ Und da wird auch nicht lange diskutiert, das wird dann auch akzeptiert. Grundsätzlich arbeiten wir nicht für politische Parteien und nicht für Rüstungsindustrie.“

„Alles Große beginnt mit einem freien Gedanken.“ schreiben die deutschen Großwerber Trautmann, Jochum, Heumann anläßlich der Gründung von thjnk 2012 großspurig. Wo soll das nur hinführen?

Scholz2Friends, Car&Go

„Proud to share“ – rly?

Als ob der Begriff der „Sharing Economy“ nicht schon seit Jahren kritisiert wird. Entweder als zu ungenau, zu undifferenziert, zu unwirtschaftlich, zu zweischneidig, zu euphemistisch, zu verschleiernd. Der Name ist längst zum PR-Schlagwort verkommen; Agendasetting für Führerscheinneulinge.

Ich kenne die Hintergründe nicht. Aber dafür ging der Etat nach nur anderthalb Jahren von TBWA zu Scholz & Friends? Und dann wollen sie den Claim jetzt auch noch ganz stolz jedem ihrer Wägen auf die Seitentüren pappen. (Neulich ging ich durch das Dorf und kam an einem car2go vorbei. „Jetzt ein Auto“ stand da auf dem Smart. Und ich dachte nur „Früher eine Dose“.)

Yes Good

Die neue Kampagne von Emerald Nuts gehört mit zum Besten, was ich an Reklame in der letzten Zeit gesehen habe.

Das liegt weniger daran, daß jedes einzelne Video Massivgold ist. Vielmehr überzeugt die ganze Idee hinter „Revue of Reviews“ noch mehr als die Umsetzung. Und zwar einerlei, ob die verantwortliche Agentur Barton F. Graf sich die ganze Story dahinter ausgedacht hat oder nicht.

Mehr Videos und noch mehr Story dahinter gibt’s bei Adweek.

Elvis has entered the building

Vor einigen Wochen hat Ryan Holiday im Observer sehr interessante Einblicke in eine von ihm selbst 2009 mitentwickelte Werbekampagne gegeben: I Helped Create the Milo Trolling Playbook—Stop Playing Right Into It. Durch Vandalismus an ihren eigenen (absichtlich geschmacklosen) Plakaten, durch von ihnen selbst ins Leben gerufene Boykottgruppen und ähnliche Mittel, haben Holiday und seine Mitstreiter es geschafft, trotz sehr bescheidener Mittel ein überproportional großes Maß an Publicity zu generieren.

It’s easy to sound smart and provocative when you’re the underdog. It’s easier to be reckless when you have nothing to lose. It’s also easier to create a united front when you really are being persecuted or attacked—when you’re an outsider.

Wie die Überschrift des Artikels andeutet, ist seine Lektüre nicht nur für professionelle Marketer interessant. Denn im Internetzeitalter der allgemeinen Aufmerksamkeitsökonomie gibt es gute Gründe, Reiz/Reaktion-Schemata zu analysieren. Nicht umsonst gehört Holidays Bestseller „Trust Me, I’m Lying“ zu den Lieblingsbüchern der Alt-Right Propagandaabteilung, die es statt als Warnung eben einfach als Anleitung verstehen.

Auch wenn sich der neue US-Präsi nicht gerade überschwänglicher Beliebtheit erfreut – selbst unerwünschter Erfolg hat noch eine ganze Menge Väter. So liefert jedenfalls eine Websuche nach „accidentally helped Trump“ eine recht lange Liste an entweder distanzierenden Schulterklopfern oder vorsatzlosem Täter-Blaming.

Beispielsweise Timothy O’Leary zum Einfluß seiner 90er-Infomercials, ein wirklich abgefeimtes Stück Eigenwerbung. Oder die Liberal Media Outlets sind schuld. Oder gleich die Vorgänger-Politik Obamas. Oder Algorithmen.

Ich muß ich letzter Zeit oft an Folgendes denken: Elvis‘ manager sold „I Hate Elvis“ badges to make money from those who otherwise wouldn’t have parted with their cash for Elvis merchandise.