Hals & Hörbuch // Rezension

Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet
Anna Gavalda

Das Positive zuerst: Der Titel steht tatsächlich in alter Rechtschreibung auf dem Cover. Aber schön ist diese Verpackung, die sich nicht so recht zwichen schlicht und schlecht entscheiden kann, trotzdem nicht. Verwischte Photographie, das soll wohl künstlerisch anmuten. Allerdings muß man sagen, daß auch die Taschenbuchausgabe dieses Werkes (Fischer Verlag, 2003) das Photo einer jungen Frau ziert. Das ist wohl weniger dem Verkaufsargument „sex sells“ als der Autorin selbst geschuldet.
Anna Gavalda, Jahrgang 1970, ist mit ihrem Erzähldebüt direkt zu einem Star der französischen Literaturszene avanciert. Ihre Werke verkaufen sich so gut, daß sie mittlerweile ihren Job als Lehrerin an den Nagel gehängt hat. Monatelang halten sich ihre Werke hartnäckig in den Bestsellerlisten, schnell wird das Präfix „Kult-“ bemüht und jeder zweite Artikel, den man über die junge Schriftstellerin liest, vergisst nicht zu erwähnen, daß diese Alltagschronistin keinen Fernseher besitzt.

Ohren auf

Um den eigentlichen Inhalt soll es hier gar nicht gehen, den möge man bitte in einer Buchrezension nachlesen. Nur soviel dazu: Ich persönlich finde, der Erzählband ist jetzt nicht der große Wurf, aber keinesfalls schlecht. Ich habe ihn damals mit einigem Vergnügen gelesen, besonders im Gedächtnis geblieben ist er mir allerdings nicht. Ausnahme: nahezu alle Protagonisten haben ein Problem mit abgekauten Fingernägeln. Und wenn ich jetzt – etwa fünf Jahre später – beim Hören der vertonten Version meine Erinnerung wieder auffrische, dann kann ich das nur teilweise tun: Von den zwölf Geschichten im Textbuch haben es nur sechs ins Hörbuch geschafft. Nicht nur meiner Meinung nach sind es nicht die besten, die hier ausgewählt worden sind.
Die akustische Umsetzung ist karg, verschiedene, mehr oder weniger bekannte Stimmen lesen die einzelnen Stories vor, es gibt keine Rollenverteilung. Es gibt auch keine die Atmosphäre unterstützende Musik, ein klassisches Hörbuch also ohne jegliche -spielereien. Jede Erzählung ist häppchenweise in etwa ein halbes Dutzend snackonsumierbare Tracks unterteilt.

Augen zu

Zu den Interpreten: Nina Petri mag eine gute Schauspielerin sein, eine große Vorleserin ist sie nicht. Die von ihr vorgetragenen „Kleinen Praktiken aus Saint-Germain“ kommen doch recht hölzern daher. Aber vielleicht mußte sie sich auch erst ein bißchen eingrooven, der Schlußgeschichte „Epilog“ gibt Petri schon etwas mehr Verve mit auf den Weg, vielleicht liegt ihr der artisische Erzählstoff mehr. Zu den blaß bleibenden Hannes Hellmann und Maria Fuchs fällt mir nur eines ein: Alle Geschichten sind aus der Ich-Perspektive heraus geschrieben, und natürlich müssen die Erzähler von einem Mann, die Erzählerinnen von einer Frau gelesen werden.
Gustav-Peter Wöhler ist in dieser Reihe der einzige Lichtblick, er trifft den Ton der von ihm vorgetragenen Erzählug „Junior“ ziemlich gut. Aber warum zum Teufel wird diese Geschichte auf zwei CDs verteilt? Jona Mues wiederum übertreibt die Betonungen derart heillos, knödelt sich so unsympathisant durch den Text, daß ich seinen Versuch eines method readings nicht bis zum Ende ertragen habe.

Was mich persönlich an Hörbüchern noch stört: der abrupte Abruch. Bei einem Buch ahnt man das Ende, fühlt, daß es nur noch wenige Seiten bis zum Happy End sind – oder auch nicht. Die Vorleser hier machen diesen Eindruck überhaupt nicht, durch die offenen Enden der Geschichten und den unzureichenden Spannungsbogen der Interpreten trifft einen der Schluß völlig unvorbereitet. Manche mögen das als Überraschungsplus sogar begrüßen, für zugegeben voreingenommene Hörer wie mich ein gerufenes Fressen und weiterer Minuspunkt.

Und durch

Es gibt wohl mehr als einen Grund, warum die hier besprochene Ausgabe nicht mehr zu bekommen ist. Denn obwohl vergriffen, gibt es keine Neuauflage.

Ich wünsche mir, daß irgendwo jemand auf mich wartet, Anna Gavalda
Sechs Erzählungen
2 CD – 154 Minuten mit Tracks
Hörbuch Hamburg Verlag
2003

Zugaben:

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