Hey, Auge!

Meine Sekundarschulzeit während der 90er-Jahre am Niederrhein scheint sich nicht großartig von der anderer Männer z.B. in Hagen unterschieden zu haben. Eben mehr oder weniger Westdeutschland. Nur steht „mein“ Gymnasium immer noch, während der Bau, in dem Simon Urban die Schulbank gedrückt hat, nach Jahren des Leerstands nun abgerissen wird.

1883, als Höhere Stadtschule eröffnet, war dieses Gebäude eine Schönheit. Genau so muss eine Schule aussehen, denke ich beim Anblick des Fotos. Gerade in unserer Zeit, in der bräsige Architekten nur noch perfekt gedämmte Klötze können. Nachhaltigkeit ist heute alles, nachhaltige Ästhetik ist nichts. Wie sollen junge Leute eigentlich Baukunstwerke schätzen lernen, wenn sie ihr Leben lang nur in ökologisch-korrekten Würfeln unterrichtet werden?

Das Thomaeum in Kempen mag über 200 Jahre älter sein, nach einigen Umzügen residiert aber in einem ganz ähnlich repräsentativen Haus mit hohen Decken und morschen Fenstern – inklusive zweier häßlicher Funktionsanbauten, von denen nur einer ansatzweise auf diesem Photo zu erkennen ist.

Was Urban über den Zusammenhang von Pädagogik, Architektur und Ökologie schreibt, halte ich allerdings für ausgemachten Quatsch. Es gibt mehrere Stellen in dem recht langen Text, die ein wenig zu sehr auf Effekthascherei ausgelegt sind. Findet er dieses spießige Kokettieren mit dem eigenen Konservatismus selbst witzig oder schreibt er solche letztlich doch die eigene Weltsicht wohlig bestätigende Pseudoprovokationen lediglich mit Blick auf sein bildungsbürgerliches ZEIT-Publikum?

Man kann die bürgerlichen Halbstarken vor sich sehen, wie sie ihre hilflosen Maximal-Provokationen gegenseitig bewundern, weil es sonst niemand tut. Und dabei, ohne groß nachzudenken, das Dass richtig schreiben. Randalierende Gymnasiasten halt.

Netter Spruch. ​Doch woher weiß der Autor, daß (ja, alte Rechtschreibung) es keine Realschüler gewesen sind, die nachts ins Gebäude eingedrungen sind – wie er selbst am hellichten Tag – und die Wände der Schulruine beschmiert haben? Weil er von sich auf andere schließt? So kann er sich an einer Stelle über die herbeiphantasierte Einführung der „Pflichtfächer Flüchtlingshilfe, Wein-Degustation und Originelles Kochen“ lustig machen, nur um an anderer Stelle den Bildungskanon als überkommen und realitätsfern zu kritisieren.

Es ist der alte Gymnasialglaube daran, dass abstrakte Rechenaufgaben relevanter sind als die Förderung von Kreativität. Dass ein Volleyball-Leistungskurs wichtiger ist, als Schülern beizubringen, wie man Steuererklärungen macht oder mit Lebensmitteln so umgeht, dass möglichst wenig weggeworfen werden muss. Dass Religion als ordentliches Schulfach angesehen wird, statt Teil des Geschichtsunterrichts zu sein. Oder der Märchenanalyse.

Und trotzdem habe ich den Text gerne gelesen. Etwa wegen der Beschreibung des pensionierten Hausmeisters. Vor allem aber wegen dieses Abschnitts, den ich nur zu gut nachvollziehen kann:

Ich sehe mich selbst beim Versuch, es allen zu zeigen. In einem exemplarischen Nebenfach Klassenbester zu werden. Durch vorbildlichste Hausaufgaben, konzentriertes Lernen, penetrantes Teilnehmen am Unterricht. Weil sich an meiner wackligen 4 trotzdem nichts ändert, drehe ich den Spieß um und beginne nach dem Unterricht, die Lehrerin zu kontrollieren: Ich gleiche Stunde für Stunde die Anzahl ihrer notierten Wortmeldungen mit meinen Notizen ab. Stur wie ich bin, nötige ich sie, Fehler zu korrigieren und mir meine tatsächliche Wortmeldungsmenge gutzuschreiben. Schließlich ist diese dämliche Quantität die erklärte Grundlage ihrer Notenfindung. Der aufreibende Zweikampf hebt mich zum Jahresende auf eine gnädige 3. Die traditionelle Superschülerin unserer Klasse, die in Hauptfächern ausschließlich Topleistungen produziert, hat im selben Zeitraum eigentlich nur Schiffe versenken gespielt – dafür bekommt sie wie immer ihre 1, und ich lerne tatsächlich etwas fürs Leben: Image schlägt Inhalt.

​​Bei mir war das Religion in der 12. Jahrgangsstufe, nachdem ich mein späteres Studienfach Philosophie sofort wieder abgewählt hatte. Am Ende führte ich über Aufzeigen und Wortbeiträgen eine Strichliste, kontrolliert von meinem Banknachbarn. Allein, es half alles wenig. Den mindestens drei Meldungen pro Unterrichtsstunde meinerseits standen keine zehn der braven Eva gegenüber – im kompletten Halbjahr. Dafür erhielt sie wie immer ihre 2+, mich stufte die Lehrerin nach Diskussionen gnädig von einer 4 auf eine 3. Das beste daran war aber ihre Begründung: Sie legte mir nämlich das Ignorieren reiner Repetionsfragen als Arroganz aus. „Sie, Herr Spree, melden sich ja nur bei Fragen, die sonst niemand beantworten kann.“

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