Berlin-Diss Nr nicht mitgezählt

Aus einem WELT-Artikel über ein Berliner Mode-Festival vom letzten Monat:

Klingt erst mal typisch nach Hauptstadt: Verspätung nach vollmundigen Ankündigungen, ein scheinbar bereits hinreichend beackertes Themenfeld, ein abgerockter Veranstaltungsort im sogenannten Problemkiez.

(Okay, bedingungslose Kölnliebe ist natürlich total dämlich, aber was soll man machen, wenn alles östlich des Rheins einfach Mist ist.)

Nachbarschaftsblase

Vorgestern las ich mehrfach auf Twitter, das Säulendiagramm zum deutschen Ergebnis der Europawahl gleiche einem Stinkefinger. Jedenfalls, wenn man sich das Abstimmungsverhalten von Jugendlichen, Großstädtern oder so ansähe. Es schien mir fast so, als würden Leute sich zu überbieten versuchen, das Chart mit dem höchsten grünen Mittelfinger Balken ausfindig zu machen – Bonuspunkte gab es dafür, wenn man selbst zur ausgewählten Gruppe dazugehörte, weil z.B. die Altparteien im eigenen Kiez so herrlich abgelost hatten oder überhaupt „alte Leute“… #LOL.

Also habe ich mir die Resultate für meinen Wohnort mal angeschaut – und mit diesem Vorwissen wenig überraschendes gefunden. Wenn man vom Kölner Gesamtergebnis auf meinen Stadtbezirk, dann auf meinen Stadtteil und schließlich auf meinen Wahlbezirk runterzoomt, wie es das unten eingebundene GIF tut, dann kann man dem erwähnten Mittelfinger quasi beim Ausstrecken zusehen.

Da kann man schön sehen, wie sich die Gentrifizierung in meinem bildungsbürgerlich geprägten Veedel in Zahlen niederschlägt. (Wenn ich nicht so faul gewesen wäre und statt Screenshots wegen der wechselnden Prozenteinteilung auf der y-Achse eigene Diagrammnachbauten benutzt hätte, wäre der Effekt noch deutlicher zu erkennen.)

Mit anderen Worten: Was Daniel Erk und Ronny Kraak sagen.

Ausgebremst

Ich bringe Fritz nicht zur Schule. Er hat nur zufällig morgens denselben Weg wie ich zur Arbeit.

Letzte Woche überquerten wir gerade zusammen das Eierplätzchen, als ein Autofahrer zwei Radfahrern die Vorfahrt nahm, das waren ebenfalls ein Vater und sein Kind. Es ging zum Glück ohne Unfall aus, war aber nichtsdestotrotz ziemlich knapp. So knapp, daß der Vater dem entschwindenden Auto reflexhaft wirklich übelste Beschimpfungen hinterherschrie. Definitiv nicht für Grundschülerohren geeignetes Vokabular – „Schwanzlutscher“ war noch einer der harmloseren Kraftausdrücke.

Die Szene erregte, keine 50 Meter vom Schulgebäude entfernt und vielleicht zehn Minuten vor Unterrichtsbeginn, natürlich einiges an Aufmerksamkeit. Und plötzlich lief eine mir unbekannte Mutter neben mir und nahm mein dahingemurmeltes „Was ein Arschloch“ zum Anlass, das eben Geschehene zu kommentieren.

Gestern hätte sie ja beinahe auch einen Fahrradfahrer überfahren, weil der ihr die Vorfahrt genommen hätte. Es gäbe eben solche und solche und die rücksichtslosesten Radler wären ohnehin diejenigen, die ohne Helm unterwegs seien. Die wären es ja praktisch selbst schuld und forderten solche Situationen quasi heraus.

Ich konnte es mir nur so erklären, daß die Frau scheinbar mein „Arschloch“ tatsächlich auf den schimpfenden Radfahrer (solche Worte vor seinem Kind!) statt auf den lebensgefährlichen Autofahrer (die Vorfahrtssituation am Eierplätzchen ist unübersichtlich) bezogen hatte. Wie sonst kommt man beim Anblick so einer haarscharfen Ungeheuerlichkeit dazu, die Verantwortlichkeit derart von den Pedalen auf den Kopf zu stellen und eine Schuldtirade auf Radfahrer im Allgemeinen vom Stapel zu lassen?

Ich antwortete ihr also recht barsch so etwas wie: „Selbst wenn dem so wäre, der Unterschied ist doch, daß der Radfahrer hätte tot sein können, während das Auto mit nichts als einem Kratzer oder einer Beule davongekommen wäre.“

Die Mutter und ihr Kind blieben stehen, während ich Fritz im Weitergehen noch einmal einschärfte, daß man sich im Stadtverkehr unter keinen Umständen auf die Verkehrsregeln und erst recht nicht auf sie einhaltende Verkehrsteilnehmer verlassen dürfe.

Was mit Vorfahrt

Wenn man immer so von Verkehrswende liest, dann vergisst man gerne, daß beispielsweise in Köln „die Gesamtzahl aller Pkw seit 2010 um rund elf Prozent auf annähernd 475.000 gestiegen ist.“ Laut Kölner Stadt-Anzeiger „bleibt der Anteil der reinen E-Fahrzeuge vernachlässigenswert gering (gerade einmal 16 von 10.000 Kraftwagen).“

Herrentoilette Ratiborufer

Woran liegt es? Wohl kaum an den Lieferengpässen bei Tesla. Während die Kölner Verkehrsdezernentin noch an den Ausbau der Ladestationen glaubt, um durch reine Sichtbarkeit im öffentlichen Raum die Chance zu erhöhen, dass sich die Leute eher für ein Elektro-Auto entscheiden, liest man in der Süddeutschen Zeitung anderes: „Was fehlt sind die E-Autos, nicht die Ladestationen“ lautet hier die Headline. Dort heißt es, „die Betreiber der Stationen wie Energieunternehmen oder Stadtwerke wollen nicht länger den Kopf für die zögerliche Verbreitung hinhalten“. Die staatliche Kaufprämie nütze nichts, wenn die Autobranche keine attraktive Modellauswahl biete.

Das ist doch alles Bullshit. Ohne ÖPNV gratis wird sich gerade in den Städte verkehrstechnisch wenig ändern – aus bzw. mit welchem Antrieb auch immer.