gzuz sez

Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen. Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen? Nein, ich sage euch, nicht Frieden, sondern Spaltung. Denn von nun an wird es so sein: Wenn fünf Menschen im gleichen Haus leben wird Zwietracht herrschen: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei, der Sohn gegen den Vater, deine Mudda gegen die Tochter.“

siehe Lukas 12,49-53 (vgl. Matthäus 10,34-35, Johannes 15,6)

Theorie & Bakschisch

Die GRAZIA 36/16 aufgeschlagen, im Editorial kündigt Frau Landgrebe an:
„Gut gepolstert und diskussionswürdig war diese Woche auch ein anderes Thema: Als wir uns in der Redaktionskonferenz die provokanten Lingerie-Bilder von Lena Dunham (ganz ohne Photoshop-Perfektion, aber mit umso mehr Speckrollen) anschauten, wurde heftig darüber diskutiert. Unsere Dessous-Debatte lesen Sie auf Seite 26.“

Dort finden sich dann unter folgender Überschrift ein Pro- und ein Contra-Textchen.

mitnahmeeffekt

Wobei JA von einer Volontärin und NEIN von einer Redakteurin geschrieben worden sind. JA spricht pflichtschuldig von „abweichend von der Hochglanznorm“, „Selbstermächtigung“ und „nicht als Objekt inszeniert“ – beeilt sich aber hinterherzuschieben, die unretuschierten Kampagnenmotive seien „keine Entmystifizierung des Victoria’s-Secret-Looks, der ja ebenfalls seine Berechtigung hat.“ Es handle sich nur um „ein alternatives Angebot vom authentisch-unglamourösen Ende des Werbespektrums“.

Werbung, genau. Das Thema hatte die Editorin at Large bei ihrem Teaser glatt unerwähnt gelassen. Beim NEIN kommt es dann selbstverständlich auf den Tisch. „Eskapismus gehört für viele eben einfach zur Mode und zur Werbung“, anders ließe sich keine „Begehrlichkeit erzeugen“. Unvorstellbar, stattdessen wird dem Lonely Label unterstellt, es wolle sich „mit vordergründiger Frauenpower schmücken, um seine Bekanntheit zu erhöhen“. Ein PR-Coup für die Marke auf Kosten der eigenen Produkte, der sich überdies einer „effekthascher“ischen Ästhetik des „Voyeurismus“ bediene.

Print vs. Online

Nun geht es mit eigentlich gar nicht um den Inhalt an sich. Wie jede Frauenzeitschrift dieses Segments wird auch die GRAZIA darauf bedacht sein, die eigenen Anzeigenkunden nicht zu verärgern, geschweige denn auf (vielleicht gar nicht so) dumme Gedanken zu bringen. Belegexemplarisch geschenkt. Was ich an der Sache erwähnenswert finde, ist die abweichende Aufbereitung des Dunham-Shootings auf der deutschen GRAZIA-Website.

Unter der hashtäglichen Headline „#nofilterneeded“ stehen plötzlich Sätze wie „Bisher war Unterwäsche-Werbung für alle Frauen mit normaler Figur eher deprimierend“ und das „wallende Haar sowie die ideale 90-60-90 Maße“ der Topmodels werden zur Zielscheibe leichten Spotts. Es fallen die ausrufezeichenunterstützten Ausdrücke „Respekt!“ und „We like!“ Der Artikel endet mit gleich drei eingebetteten Instagrams nach einem (gefetteten) „Schließlich ist Natürlichkeit Trumpf und sooo sexy.“

Da hat wohl jemand gedacht, auf gleich drei Hochzeiten tanzen zu können. Bzw. sich klassisch unternehmer- und konsumentenfreundlich zu geben, während beim digitalen Clicktivismbaiting die Enpowermentkarte gespielt wird. Oder einfach nur kein Bock auf einen möglichen Shitstorm gehabt.

Wie kann man sich nur so hart Rönne?

„Du, zwischen dem veganen Raw-Restaurant und dem Craft-Beer-Laden hat gestern ein Pop-Up-Store eröffnet, der genau den Adidas Stan Smith führt, der mir in meiner Sneakersammlung noch fehlt.“
So etwas sagen Berliner häufig, und dann erstickt sie der Selbsthass, und schon müssen sie vor lauter Kummer sorgsam erwischte Tinderdates absagen.

Sudelheft: Warum Sie nicht die AfD wählen sollten

so hart Rönne

(Betreffs der Überschrift bin ich natürlich nicht der Erste, der sich diese Idee gegönnt hat.)

Wellenlänge

Auf die Minute genau datiert vom 03. August 2016, 17:03 Uhr veröffentlichte der Wiener Standard einen Artikel Elfriede Jelineks mit dem Titel Verhaftete Autoren in der Türkei: Die Wellen. Einen Tag später ist der Text auch werbefrei auf der Website der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu lesen.

Um den eigentlichen Inhalt soll es hier gar nicht gehen. Eher um die begleitenden Umstände, Abläufe, Ungewissheiten. Denn an gleich drei Stellen weist die Dramatikerin auf die ereignishaften Überholmöglichkeiten durch beschleunigte Kommunikation hin. Große Mehrspurigkeit, Austausch in Echtzeit:

  • »Vielleicht hat sich auch das inzwischen geändert, ich hoffe es.«
  • »Und ich fordere hier ausdrücklich die Freilassung (vielleicht ist sie ja schon passiert, was weiß ich, die Wellen kommen ja und gehen, manchmal schneller, als man schauen kann) von zwei alten Männern.«
  • »Da ich nichts höre, (vielleicht höre ich aber doch noch was, vielleicht morgen, trotzdem), muß halt ich etwas sagen.«

Das ist wie mit diesem Satz am Ende jedes Mahnungsschreibens, das sich der Inhalt dieses Briefes erledigt hat, sollte die geforderte Zahlung zwischen seiner Absendung und seines Erhalt geleistet worden sein.
Nur, daß die Situation in der Türkei weiterhin absolut akut ist.

Hier kommt auch von Seiten der Politik (nicht nur in Deutschland) zu wenig. Der Schriftstellerverband PEN International hingegen hat sich sehr wohl geäußert – sogar zweifach. Und zwar laut Website-Datierung sowohl bereits am 29.07.16 als auch am 02.16.16, einen Tag vor Jelineks gewohnt wortspielerischer Anklage.

Notes 01/16

Don’t call it a Comeback. Ich nutze Instapaper immer noch intensiv, die beiden Sachen hier haben einfach gut zusammengepasst. Und viele eigene Worte wollte ich jetzt gar nicht darüber verlieren.

Gleich bei der ersten Ausstellung damals in Los Angeles hat das Hammer Museum eine große Arbeit von mir angekauft. Das finde ich an Kalifornien und auch an den Amerikanern so toll.

Das hat die Künstlerin Veronika Kellndorfer in einem Interview gesagt und ich habe es ein wenig aus dem Zusammenhang gerissen. Aber wie die Monopol den Artikel dazu ernsthaft mit der Headline „Geld darf nicht Hauptfaktor werden“ versehen kann, ist mir trotzdem ein Rätsel. Kellndorfer kann es sich leisten, seit über 12 Jahren zwischen Deutschland und Los Angeles zu pendeln.

artsy

Coolness ist heute Mainstream, ich habe zum Beispiel gerade von einem coolen Kochblog aus Schleswig-Holstein gelesen.

Ach, NEON. Wobei sich der Artikel auf sueddeutsche.de ein bißchen so liest, als wären in München immer noch ein paar Journos sauer, daß ihre Buddies nach Hamburg abgezogen worden sind.