RE: Instasorgen

Ich mag meine Bookmarks pur. Nachdem ich del.icio.us ewig die Treue gehalten habe, bin ich letztens doch zu Refind umgezogen) . Dieser noch relativ neue Service kann eine ganze Menge neben der Möglichkeit, gespeicherte Links mit Tags (z.B. meine #pixel) versehen zu ordnen. Allein, ich nutze sie nicht, denn dafür gibt es natürlich wiederum schon Spezialdienste.

Zitate

So sieht das aus, wenn man bei Refind nicht nur die Links ganzer Webseiten sichert, sondern einzelne Sätze davon. Guckst Du. Das ist ganz okay gemacht, an der Browser Extension habe ich nichts auszusetzen, andere könnten kommentieren etc. Aber wie gesagt, ich benutze es nicht.

Eigentlich gehöre ich ja zu den Leuten, die quote.fm insgeheim immer noch ein wenig vermissen. Doch neulich sind auf meinem Schirm zwei neue Player aufgetaucht.

Ich habe beide relativ halbherzig getestet und war mit keinem richtig zufrieden. Der eine ist saulahm auf dem iPhone, der andere sieht besser aus. Aber die Umständlichkeit ist es noch nicht einmal, die mich am meisten stört, es ist das Silodenken. Von del.icio.us zu Refind konnte ich einfach umziehen; hier Bookmarks exportieren, dort Bookmarks importieren – fertig. Highly hat immerhin (für mich nutzlose) Evernote-Anbindung, ist aber irgendwie spammy. Liner schneidet Textshots einfach ab.

Dabei ist alles, was ich will, eine funktionierende IFTTT-Anbindung, damit ich mir meine Services teilweise nach eigenen Vorstellungen zusammenbasteln kann.

Instapaper

Langer Vorlauf, kommen wir zum Titel dieses Posts. Das Read-Later-Tool meiner Wahl ist Instapaper. Ich habe mein Leseverhalten total daran angepasst. Alles, was vor dem Feierabend noch an Tabs offen ist (nicht nur Texte, auch Videos) wird dort gesichert und vor Antritt des Heimwegs noch schnell im Büro-WLAN synchronisiert. Das funktioniert so gut, daß ich für den vollen Leistungsumfang sogar 0,79 € im Monat bezahle.1

Bei Instapaper landen aber auch Texte, die ich gelesen habe, doch irgendwie noch weiterverwenden will. Deshalb haben Zitate mit Einführung der Highlights/Notes-Funktion hier ein Heim gefunden; nicht zuletzt wegen der Option eines Markdown-Exports. Hier müßten Liner/Highly meiner Meinung nach ansetzen: bei der Möglichkeit, Textstellen direkt hier crosszuparken, ohne die Gesamtseite zuvor umständlich bei Instapaper speichern zu müssen. Manche Artikel liest man eben doch sofort.

So hätte man einen Fuß in der Tür, falls sich Dinge plötzlich ändern. Etwa nach dem Verkauf von Instapaper an Pinterest. Denn das PR-blabla glaubt wohl kaum jemand. Marcel Weiß macht sich Sorgen, wahrscheinlich zurecht. Vielleicht doch wieder Pocket?

Klare Conte

Der Qualitätsjournalismus scheint sich dieser Tage auf ein Feindbild eingeschossen zu haben: Content Marketing.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Zeitungsverlage versuchen, Bezahlmodelle für ihren Internet-Journalismus zu etablieren, fluten Unternehmen wie Coca-Cola den Markt mit ihrem kostenlosen Quasi-Journalismus.
Damit werde nicht nur den etablierten Verlagen auf fragwürdige Weise das Wasser abgegraben, sondern auch mittelfristig die öffentliche Meinungsbildung massiv verändert. Und das durch Unternehmen, die fast ausnahmslos und gebetsmühlenartig ihre gesellschaftliche Verantwortung betonen.

Auf noz.de prangert Hendrik Steinkuhl Unternehmen an, die „den Journalismus“ imitieren würden. Betonung auf den. Ich fürchte allerdings, daß Firmen mit dieser Verantwortung eher Arbeitsplätze und Ressourcenschonung meinen, anstatt die Subventionierung der laut Selbstverständnis 4. Macht im Staate.

Andere haben sich damit abgefunden, daß für Marken etwa RTL nicht anderes ist als dieser Dschungelschwachsinn zwischen den Werbeblöcken. Nervt irgendwie, aber sorgt halt dafür, daß die Werbespots gesehen werden gute Einschaltquoten haben. Stattdessen verargumentiert man bei Springer mit der Gestzeslage.

„Wenn wir was geschickt bekommen, schreiben wir meistens ’sponsored by‘ dazu“, sagt Galievsky, „außer, wenn Leonie zum Beispiel die Tasche so gut gefällt, dass sie sich die auch selbst gekauft hätte.“

So viel verdienen Mode-Blogger mit Schleichwerbung – DIE WELT | Als Werber von Beruf ist das hier aber mit Abstand mein Lieblingszitat aus dem Artikel:

Diese werblichen Inhalte mischen sie auf der Website und bei ihren Postings bei Facebook oder Instagram mit eigenen Inhalten. Aus Claudia Kahnts Sicht ist das kein Problem. „Wir stecken ja gerade in diese Texte jede Menge kreative Arbeit“, sagt sie.

Die Kennzeichnungspflicht für Anzeigen zu umgehen, ist eben auch Kreativwirtschaft.

aufbauschen

Wobei sich Blogger gerade beschweren, daß sie nur auf ihren Instagram-Feed reduziert werden. Dann doch lieber #bo1cottprada. Oder gleich tiefe Einblicke bei einem Interview mit Affiliate-Spammern auf Snapchat.

Du glaubst nicht, wie blöd die sind. Das ist das Erschreckende dabei. Die denken tatsächlich, wir wären Menschen. Dabei musst du dir das nur mal einen Tag ansehen, dann weißt du Bescheid. Wir jagen ein Tussi-Selfie raus, No-Nipple-Policy selbstverständlich und bekommen 20 Schwanzfotos zurück.

deckeln

OH: „…und dann sitze ich in der Bahn, guck vom Handy hoch und der Typ mir gegenüber trägt ein wie aus dieser Prisma-App gemustertes Shirt. Da musste ich ihn echt sofort noch höher angucken, um mich zu versichern, daß sein Gesicht ganz normal ist. Du erinnerst Dich doch noch an Prisma, oder? Das war für ein paar Tage der heiße Scheiß, bevor die Welt über Pokemon Go vollständig den Verstand verloren hat.“

Cool wäre es natürlich, wenn Adidas, Wein, Ikea und welche Marke sonst noch in diesem tendenziösen Kurzfilm über Handy-Sucht auftaucht, einfach trotz der Message dahinter für das Product Placement gezahlt hätten. Nicht so sehr, um zu zeigen, was sie alles für etwas Aufmerksamkeit bereit sind zu tun, sondern weil Werbung eben doch so funktioniert.

But don’t get too excited to wear a jacket made out of McQueen’s skin–the final collection will most likely be put on display in a gallery rather than being sold to consumers.

Alex für die Kunst. Aber kritisch!

funken

Nun kenne ich mich mit dem Fernmeldegesetz nicht wirklich aus. Von der in netzpolitischen Zusammenhängen öfter mal geäußerten Gleichsetzung des klassischen Briefgeheimnisses mit jedem getrackten Klick online halte ich allerdings nicht gerade viel. Es ist eben doch etwas anderes, ob ein mit der Post verschickter Umschlag im Verlauf seiner Zustellung geöffnet wird oder etwa eine Website das Nutzerverhalten seiner Besucher mit Cookies ausspäht.

Dabei hinkt der Vergleich immer weniger. In der Boomphase von Plattformen wie Twitter, Tumblr und vor allem Facebook wirkte er noch relativ absurd, unterstellte man den dort fröhlich postenden Usern doch latenten Narzissmus sowie einen ungebrochenen Drang zur Selbstdarstellung, die sich einen Teufel um Datenschutz und Privacy-Settings scherten. Besonders gerne übrigens in besserwisserischen bis hämischen Artikel auf den Netz-Ablegern etablierter Printpublikationen, die ihre Websites paradoxerweise mit Analytics- und Tracking-Tools zukleistern.

In überwiegendem Maße zu Werbezwecken selbstverständlich. Davon lebt das Online-Marketing immer noch zu einem großen Teil – behavioral targeting und wie sie alle heißen, alles mittels Data, gerne big. Und auch das zweite Standbein – native advertising, content und influencer marketing – kommt schwerlich ohne Messbarkeit aus. Wieviel Views, Likes und Shares? Schreibt’s mir in die Comments! Ähm, ich meine ins Reporting; schließlich wollen Kunden von ihren Agenturen Erfolgsmeldungen sehen.

Das lief eine ganze Weile ziemlich prächtig. Aber jetzt kommt der große Siegeszug von WhatsApp, Snapchat und überhaupt der ganze Messenger-Hype. Und auf einmal ist das mit den Zahlen alles nicht mehr so einfach, heißt es plötzlich »Relevanz statt Reichweite«. Aber kann eine komplette Branche einfach so zurückrudern?

Rewind!

Kommen wir zur eingangs erwähnten Brief/Mail-Analogie zurück. Wenn ich meiner Frau nun einen Link per SMS schicke, dann heißt das jetzt Dark Social. Da wollen Werber immer noch Ihre Finger und Augen dazwischenkriegen, ohne vor Scham auch nur rot zu werden. Dark Social – die semantischen Implikationen dieses Buzzwords von SilkRoad und Deep Web bis Stasi allein wären einen eigenen Blogpost wert.

Man kann den Effekt, den das Web 2.0 in gerade mal zehn Jahren entfaltet hat, gar nicht groß genug einschätzen. Denn rückübersetzt in die gute alte Zeit hieße das, (zwecks Überprüfung von Werbewirkung) private Telephonate, Familiengespräche beim Abendessen, vertrauliche Unterhaltungen auszuspähen. Klingt vergleichsweise immer noch absurd, hinkt aber leider nicht mehr ganz so stark.

if you type…

Die Kinder von heute reden über das Internet™ wie unsere Eltern. Natürlich nicht, weil sie so selten online sind – im Gegenteil. Sondern weil sich 99 % ihrer always-on-Zeit in Apps auf ihrem Smartphone abspielt.

adressbar

Etwas in die Adresszeile ihres Browsers einzugeben, fühlt sich für sie ungewohnt an. Und scheint mitgehörten Gesprächen in der Bahn nach meistens mit Arbeit verknüpft zu sein, allen voran Recherche für Hausaufgaben. Das open web gibt sich pädagogisch wertvoll. Also langweilig.

Wobei die Jugendlichen wohl einfach noch nicht oft genug im Internet einkaufen. Womit sich Ihr Eingangstor zum Internet wahrscheinlich zu einem überwiegenden Teil auf das Sucheingabefeld von Google beschränkt.