Wird auch Zeit

Aus dem leidlich selbstreflexiven Artikel „Konsum: Brauch‘ ich das?“ dreier Zeit-Redakteure. Darin finden sich noch mehr lesenswerte Sätze wie diese beiden:

Das Kaufen unnötiger Gegenstände war ja von jeher ein mystischer Akt und deshalb auch etwas fragil, kein natürlicher Impuls, sondern ein produziertes Bedürfnis, eigentlich nur möglich, solange es eben alle anderen auch taten und solange man nicht groß darüber nachdachte. Oder das Denken der Werbung überließ, die zwar jeweils nur zu einem Produkt verführen will, in der Summe aber fürs Konsumieren als solches wirbt, die täglich, sekündlich einen ökonomischen Phantomschmerz erzeugt.

Wenn man sich vor Augen führt, daß sowas ja für die eigene Leserschaft (sprich: Zielgruppe) geschrieben wird, dann passt es wieder halbwegs. Was das dann mit dem Claim der neuen neuen Claim der Zeit zu tun hat, weiß ich allerdings nicht.

Rest In Screenshot vs. Scroll In Peace

Von der Partei der immobilienschweren Startupfutzis, gewissenlosen Zahnarztsöhninnen und überambitionierten BWLer erwarte ich inhaltlich wenig anderes, obwohl so ein empathieloser Tweet einen Tag vor Weihnachten selbst für eine „liberale“ Politikerin bemerkenswert merkbefreit ist.

Was mir bei solch einer Äußerung der u.a. bildungspolitischen Sprecherin der FDP-Fraktion im Schleswig-Holsteinischen Landtag auch unangenehm auffällt: Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod. Also immerhin schon zwei Gründe, sich diesen Film in der besinnlichen Zeit zwischen den Jahren mal wieder anzusehen.

Anita Klahn hat ihren Tweet übrigens gelöscht, weil „der Kontext nicht klar erkennbar war und zu Fehlinterpretationen führte„. Aus keinem anderen Grund.

Berlin-Diss Nr nicht mitgezählt

Aus einem WELT-Artikel über ein Berliner Mode-Festival vom letzten Monat:

Klingt erst mal typisch nach Hauptstadt: Verspätung nach vollmundigen Ankündigungen, ein scheinbar bereits hinreichend beackertes Themenfeld, ein abgerockter Veranstaltungsort im sogenannten Problemkiez.

(Okay, bedingungslose Kölnliebe ist natürlich total dämlich, aber was soll man machen, wenn alles östlich des Rheins einfach Mist ist.)

Gekauft

Wenn zwei Texte so gut zusammenpassen wie diese beiden hier, dann überlege ich manchmal, die „(wöchentliche) verlinkt“-Reihe doch wieder auferstehen zu lassen.

If the customer is always right, then you’re never wrong when you’re consuming.

Mit The Constant Consumer liefert Drew Austin im Real Life Magazine eine Art Grundlagentext für die ganzen „Late Capitalism“-Auswüchse.

Einer speziellen Ausprägung davon widmet Wolfgang Ullrich im NZZ Folio einer seiner stets gewinnbringend zu lesenden Berachtungen: Schrecklich lustige Wohnwelten.

Gags auf Sesseln oder Sofas sind Zeichen einer Wohlstandskultur, in der es genügend Menschen gibt, die sich neue Möbel ähnlich oft leisten wie Bademode oder ein Smartphone. Ein pointenorientiertes Design wirkt als Statussymbol, der Besitz zeugt von ökonomischer Potenz. Früher war es bei Möbeln die Patina, die Ansehen verschaffte, weil sie nahelegte, dass eine Familie schon mehrere Generationen lang in soliden Verhältnissen lebte und Tradition besass. Heute dienen Witze als ähnliches Merkmal der Abgrenzung.

(Ja, ich lasse mir von Instapaper alle meine Notes immer noch einmal pro Woche per Mail zuschicken.)

Das kommt noch dazu

Wozu, das erkläre ich dann später. Hier erst einmal Mark Schaefers fünfte und letzte Wahrheit über Social Media, die da lautet: Nobody really wants you to be authentic.

“Authenticity” is by far the most over-used and abused word on the social web. The most common definition of “authentic” is “true and accurate.” If I was presenting a true and accurate version of myself right now I would say that I am a bit gassy after that Mexican food at lunch.

Nobody wants to know that stuff and nobody wants to talk about it either. Whether you’re a person or a brand, you are always presenting a shiny idealized version of your authentic self. It has always been this way and it will always remain this way.

Nobody is authentic, but you can be kind and honest. There is a difference.

Und auf das Feld der Kunst übertragen: Samuel Hamen hat bereits vor einem halben Jahr über die Lektüre unliterarischer Biographien gerantet.

Es geht um Größeres, und so sind dann viele dieser sozialkritisch durchaus wichtigen Romane selbstvergessen und erzähltechnisch anspruchsarm.

Dieser Schwund an erzählerischen Möglichkeiten wird von diesen authentizistischen Schreibverfahren nur zu gerne in Kauf genommen. Schließlich steht ja nichts weniger als das Leben auf dem Spiel.

Mehr dazu in Kürze. Stay turned tuned!