Morallyestreifen

Das Jacobin Magazin habe ich als Printversion bisher nicht abonniert, aber ich lese es online recht gerne. Hängengeblieben sind dabei in letzter Zeit Zitate aus zwei Artikel.

Bio- und Naturkostläden sind voll von Leuten, die High-Tech Sportkleidung tragen, ohne dass Schweiß in Sicht ist. Diese Kleidung kennzeichnet ihre Träger als die Art von Menschen, die sich um ihren Körper kümmern, auch wenn sie gerade nicht trainieren. Yogahosen und Laufschuhe repräsentieren Tugenden ebenso sehr wie die Korsettkleider der Ehefrauen des 19. Jahrhunderts.

Diese ersten beiden aus „Viktorianer des 21. Jahrhunderts“ über die (Nicht-)Entwicklung der Moral.

Weil Kalorien billiger geworden sind, wurde Fettleibigkeit von einem Zeichen des Reichtums zu einem Zeichen des moralischen Versagens. Ungesund zu sein ist heute ein Kennzeichen der Begierde der Armen, genau wie es die Sexualmoral der Arbeiterinnenklasse im 19. Jahrhundert war.

Und aus dem Artikel „Stadtplanung für Größenwahnsinnige“ über den nicht zu unterschätzenden Einfluß des Computerspiels SIM CITY auch auf das reale Leben:

Wenn die Steuern zu lange zu hoch sind, werden die Bewohnerinnen deine Stadt möglicherweise massenweise verlassen. Außerdem stören sich reiche Sims mehr an hohen Steuern als solche mit mittlerem oder niedrigem Vermögen.

Sehr hellsichtig von den Programmierern.

Sauber zitiert

Wenn man sich das gesamte taz-Interview mit den zwei Gründerinnen über ihr Putz-Start-up durchliest, klingt das gar nicht schlecht. Allerdings gibt es die eine oder andere Stelle, die einem dann doch übel aufstößen können.

Wenn mich auf Partys hippe Leute fragen, was ich beruflich so mache, dann mache ich mir manchmal den Joke und antworte: „Ich gehe putzen.“

Da versucht man es mal mit Ehrlichkeit und dann lassen sich einzelne Sätze so unschön aus dem Zusammenhang reißen.

Unsere Reinigungskraft hat uns damals inspiriert. Wir ­hatten privat beide dieselbe, eine tolle Frau aus Marokko, die sich aber nicht anstellen lassen wollte, weil sie ihre marokkanische Familie mit dem Einkommen aus der Schwarzarbeit unterstützte.

Liegt aber wohl auch daran, daß mir diese Entrepreneur Culture mit ihren ganzen „Businessplänen“ und „Learnings“ gründlich auf die Nerven geht.

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Unsoziale Brandwirtschaft

Brands werden zurecht dafür kritisiert, wenn sie Engagement nur performen, statt sich wirklich zu engagieren. Leider ist diese Diskrepanz selten so offensichtlich wie etwa bei L’Oréal oder der NFL. So schrieb VICE schon letzte Woche:

The posts have served to highlight the messy hypocrisy that often results when brands attempt to show support for a cause without taking a look in the mirror first.

Über Retainer abzurechnender oder sogar inhouse produzierter Social-Media-Content ist eben billig, da ist man als Marke schnell dabei – die ganzen Redaktionspläne für Instagram, Facebook und Twitter wollen ja auch befüllt werden. Und Haltung zeigen ist eh gerade angesagt.

Man kann sich gerne mal fragen, welches Unternehmen denn nicht ganz so locker sitzendes Mediabudget dafür ausgegeben hat, so eine Botschaft unter die Konsumenten zu bringen. TVCs und 1/1 AZs dazu sind mir jedenfalls nicht untergekommen. Oder man hätte seine regulären Schaltungen zumindest am #BlackoutTuesday aussetzen und das so eingesparte Geld sinnvoller einsetzen können.

Ich mag diese ständig sich erweiternde Liste von Fashionista, was Marken denn nun wirklich angesichts der Proteste gegen Polizeigewalt unternehmen. Ja, wir reden hier in erster Linie über Spenden. Put your money where your mouth is – sowas hätte ich gerne umfassender über die Mode- und Beauty-Indistrie hinaus. Das gibt’s doch sicher irgendwo? Würde mich besonders für die Lebensmittelbranche interessieren.

Es heißt nicht umsonst: Tue Gutes und rede darüber. Nicht: Rede darüber, Gutes zu tun.

Im Herdentrieb kann sich ein Marketing gehörig vergaloppieren. Die berühmt-berüchtigte 2016er Pepsi-Werbung mit Kendall Jenner dient als Aufhänger für den Jacobin-Text, aus dem folgendes Zitat stammt (Fettung von mir):

Der unwiderstehliche Reflex großer Marken, auf medienwirksame Kämpfe aufzuspringen, offenbart die Probleme der Kommerzialisierung sozialer Gerechtigkeit sowie der Annahme, dass der freie Markt für alle Missstände von der Armut bis hin zur rassistischen Diskriminierung eine Lösung hätte – selbst dann, wenn die einzelnen Firmen Teil des Problems sind.

Dass die oben erwähnten Spenden an sich schon das Problem sind, würde hier zu weit führen. Wenn Unternehmen ordentlich Steuern zahlen und Regierungen diese Gelder solidarisch einsetzen würden, hätten Marken quasi gar keine Möglichkeit, sich als gesellschaftlich wertvoll zu inszenieren. Die sozialen Netzwerke laden Marken geradezu dazu ein, sich kumpelhaft bei der potenziellen Käuferschaft anzubiedern. Dabei ist nicht wichtig, daß Marken Deine Freunde sind. Die wichtige Frage lautet, ob sie Verbündete sein können.

If food brands really wanted to stand for change, they would provide living wages, benefits, healthcare; they would protect their workers and their rights; they would allow dissent and unions; they would fight for sustainability, environmental justice, immigration reform. It would mean ceasing the millions spent lobbying and influencing policymakers to protect companies from having to do those things.

„Authentisch“ sein, das war vor „Haltung“ das Buzzwort der Werbebranche. Insofern finde ich das Verbot für Starbucks-Mitarbeiter, bei der Arbeit Support-Bekundungen für Black Lives Matter zu tragen, fast schon wieder wenigstens ehrlich. Wenn natürlich auch aus den falschen Gründen.

Zitate/Links 06/2020

Hier einige Lesetipps, die sich in letzter Zeit angesammelt haben, ohne dass ich sie bereits auf Social gepostet hätte:

Weiße Menschen sprechen nicht gerne über Rassismus und tun viel dafür, das Thema von sich fernzuhalten. Viele sagen, sie sind es so müde, darüber zu reden – dabei haben wir noch gar nicht richtig damit angefangen. Das was müde macht, ist, das Thema andauernd zu ignorieren.

Identitäten – Warum weiße Menschen so gerne gleich sind (DLF) ist quasi der Einführungskurs einsichtige Anfänger, weiter geht es mit aktuellen Bezügen in Er zählt (Spiegel). Und weil es zu einfach ist, sich über Polizeirassismus in den USA aufzuregen, hier ein deutscher Podcast zu Oury Jalloh (WDR).

The shirt-wearers are usually adherents of accelerationism, a strange marriage of Marxism and neo-Nazism which holds that the contradictions of the economic and political order will cause it to collapse.

Why some protesters in America wear Hawaiian shirts (The Economist)

For a time, owning an Amazon Coat one was like knowing a secret; there is cultural capital in finding a garment that outsmarts the status quo. But once the market became saturated with awareness of the coat, which is made not by Amazon but by the Chinese company Orolay, wearing one became a signifier of trying too hard to not be trying, of pantomiming authenticity — of being a poser.

This is a post about post-normcore (The Outline)

Fast alle Männer, die ich kenne, begreifen sich als politische Menschen, aber nur die wenigstens davon begreifen auch ihr Dasein als Vater politisch.

Care-Arbeit: Gleichberechtigung muss wehtun (Die Zeit)

Suck my Deck

Der nächste Präsenpost. Diesmal geht es nicht vorrangig um das Testen eines Tools zur Erstellung1 von Präsentationen, sondern um ihre Veröffentlichung im Netz. Die Seite muß ganz schick aussehen, alle meine Präsen unter einem Profil versammeln und über eine Embed-Funktion verfügen, das sind die Mindestanforderungen gewesen.

Slideshare ist da wohl immer noch der Platzhirsch, wirkt aber mittlerweile wie ein Friedhof. Anderes ist zu kompliziert zu bedienen oder mutet zu nischig an. Accessibility is king. Letztendlich bin ich also wieder bei SpeakerDeck gelandet. Soviel zum technischen Teil, kommen wir zum Inhalt.

Wobei das eine vom anderen doch recht schwer zu trennen ist, wie der Blogpost „Why we should end the tyranny of the slide“ einer BBH-Strategin zu zeigen versucht. Lesenswert, auch wenn ich nicht mit allem darin übereinstimme. Ich bin mehr der praktikable Typ. Trotzdem habe ich aus diesem Post nicht nur die obige Headline geklaut, aus ihm stammt auch folgendes Zitat:

Think of all the best speeches you’ve ever heard. I bet not a single one of them used PowerPoint. In fact, rendering famous speeches into PowerPoint can produce some pretty silly results.

Das wollen wir doch mal sehen.

Seine Rede

Es gab mal das Projekt, Bücher in Magazinform neu herauszubringen. War eine ganz witzige Idee, das hatte ja nicht nur mit Style zu tun, auch mit alternativen Vertriebswegen. Also habe ich einfach berühmte Reden genommen und die ihnen zu Grunde liegenden Textmanuskripte auf Präsenslides verteilt.

Das sind dann natürlich keine Präsentationen im eigentlichen Sinne, sondern Leseversionen dieser Reden. Kein guter Redner würde seine Präse so gestalten – bilden sie doch einfach 1:1 das Gesagte ab. Insofern sind sie auch kein Gegenargument zu Alice Walkers Kritik an „PowerPoint Thinking“. Sie gießen lediglich den Inhalt in eine andere Form.

Was auch gut als Veranschaulichung dienen kann, daß es die PowerPoint nicht gibt. Auch in meinem Job bräuchte ich eigentlich jede Präsentation in zweifacher Ausführung: Die erste läuft pointiert und unterstützend synchron zur gesprochenen Vorstellung ab, eine zweite wird danach in aller Ausführlichkeit verschickt. Wer weiß, wem die Datei nach der eigentlichen Präsentation noch zugespielt wird. Als spätere Entscheidungsgrundlage muß das Ding selbsterklärend sein und auch ohne begleitende Tonspur funktionieren.

Englische Reden von Churchill bis MLK, die mir in den Sinn kamen, schienen mir ziemlich durchgenudelt. Weshalb ich „Seine Rede“ als Reihe auf Deutschsprachiges beschränke. Weitere Ausgaben könnten sein:

  • Roman Herzogs Ruckrede
  • Göbbels Sportpalastrede
  • Martin Walsers Paulskirchenrede

Allerdings habe ich die ersten beiden quasi so nebenbei in einer ausgangsbeschränkten Urlaubswoche zusammengezimmert. Ich kann also nicht mit sicherheit sagen, ob es noch weitere Teile geben wird.