Am Rande des Nervenzusammenbesuchs

Knoblauch kommt auf eine Werbeagentur zu und braucht einen Claim. Eine Strategie-Empfehlung von irgendeiner renommierten Consultingfirma hat er sich schon andrehen lassen, ihn als „verbesserten Lauch“ zu positionieren.

Also liefert die Agentur nach zwei internen Abstimmungen im ersten Wurf eine DIN-A4-Seite mit etwa zehn Claimvorschlägen wie „Knob – Lauch 2.0“, „Knob – der bessere Lauch“ und „Mehr Lauch geht nicht“.

Vor dem Kundenfeedback bin ich dann zum Glück aufgewacht.

Willkommen in Diver City, Einwohnerzahl 2

Was lese ich da? SinnerSchrader und Scholz & Friends schaffen Management-Jobs für Gender & Diversity. Da wird dann schon in Headline vom „Ende der Alphatiere“ fabuliert, der Artikel kommt natürlich supermotiviert daher, es wird wahnsinnig viel empowert, ist von Mentorinnen-Programmen, Gender-Workshops sowie Diversity-Taskforces die Rede und dann gehe ich auf die Websites der Agenturen, da sieht es dann so aus:

Screenshots aus dem Feigenblätterwald: oben SinnerSchrader, unten S&F. Oder auch: allein auf weitem Vorstandsetagenflur.

Ohne hier groß zu Spoilern: Wenn Sie auf der Website der freundlichen Scholzen auf die Namen klicken, kommen dahinter – wie bei den sinnierenden Schraders – natürlich 11 weiße Männer und 1 weiße Frau zum Vorschein.

Es stimmt ja: getan werden muß etwas, mehr als nur das. Zwei Pöstchen und jährliche Workshops werden da nicht reichen. Den propagierten Unternehmenskulturwandel (genauer: lediglich dessen Einleitung, siehe oben) in erster Linie als HR-Thema zu verstehen und diesen PR-technisch auszuschlachten, ist ebenfalls zu kurz gedacht. Aber alles andere würde wohl echtes Investment erfordern.

Now playing: Gangstarr

Filterbalsam

Hier die wichtigsten Zitate aus Michael Seemans Artikel über Wework:

»…schlaue Köpfe hinter Computern…«
»…dahinter arbeiten Startup-Menschen fleißig an ihrem nächsten heißen Ding…«
»…schlaue Köpfe hinter Desktop-Displays…«
»…nur schlaue Köpfe hinter Laptop-Displays…«
»…die neuen Kreativarbeiter ihre Laptops aufklappen…«

Ich habe mich nicht mit copy/paste verhaspelt. Die stehen da wirklich so von oben bis unten drin. Zugegeben, der Text ist ziemlich lang. Aber manchmal sind es eben die unbewußt übernommenen Formulierungen, die am weit größeren Narrativ stricken, als der (auch kritische) Artikel eigentlich thematisiert.

Nimrod Reloaded

In der Horizont schreibt Alexander Rehm darüber, warum Marken eine Corporate Language brauchen. Er tut das sicherlich ganz uneigennützig – nicht um auf die Dienste des vom ihm gegründeten Corporate Language Instituts hinzuweisen.

Schon damals in Babel wollten die Leute einen Turm bis in den Himmel bauen, um ein deutliches Zeichen für ihre Fähigkeiten zu setzen. Und das haben sie nur nicht geschafft, weil sie nicht dieselbe Sprache gesprochen haben.

Das kann man schon nicht mehr Fehlauslegung nennen, das ist wahrlich eine Verbiegung mythologisch gesicherter Tatbestände. Nach meinem Wissensstand geht die Sage laut Bibel so: Die sprichwörtlich gewordene „babylonische Sprachverwirrung“ war nicht der Grund für das Scheitern des Projekts, sondern Gottes Strafe für dessen Durchführung. Denn was für die einen ein Zeichen menschlischer Fähigkeiten darstellt, ist für den anderen einfach nur blasphemische Hochmütigkeit.

Die Rückinterpretation auf das anmaßende Markenbilds des Herrn Rehm mag jeder selbst ziehen.