Erzähl mir nichts

David Berkowitz schlägt in seinem Artikel The Beginning of the End of Storytelling in dieselbe Kerbe wie Sagmeister oben im Video. Auf der einen Seite die Egozentrik und Selbstüberschätzung von Marken und ihrer Kommunikation. Auf der anderen Seite des Grabens Zielpersonengruppen, die in der Regel von Werbung genervt sind. Unter anderem deshalb, weil sie einem das Blaue vom Himmel verspricht.

One day, my wife and I were venting about a few insufferable people we know. They didn’t seem to take an interest in us or anyone but themselves. Exasperated, my wife lamented, “All they do is tell stories!”

Und das ist ja auch kein Wunder, wenn man sich etwa als Damenausstatter des Establishments in rebellischer Protestpose inszeniert. Ironie hin oder her – unrealistisch ist gar kein Ausdruck. (Click aufs Bild für die neueste Chanel-Kampagne.)

Die Modebranche – oder zumindest ein ganz bestimmtes ihrer Segmente – lebt ja quasi davon. Sie hat “was kümmert mich mein Geschwätz von gestern” zum Geschäftsmodell erhoben. So total authentische Castingmethoden hingegen sind da wohl eher in Berkowitz’ Sinn. Ich bin davon oft auch recht angetan, dem Publikum eine Plattform zu bieten. Könnte mehr als ein Trend sein.

As brands become more publisher-like, they’ll also need to incorporate a responsive philosophy that adapts to the user so that they can reach them at the right time, with the right messaging, and an understanding of cultural events.

Diese Empfehlung Amir Kassaeis allerdings liest sich wie eine weitere strategische Entschuldigung für windkanaloptimierte Beliebigkeit.

Wobei es ja echt immer noch schlimmer geht. Und dabei ist selbst der knietief in die Uniformhose gegangenste Kreativaspekt noch das kleinste Problem. Also vielleicht nicht der Branche, aber der Gesellschaft insgesamt, wie Sascha Lobo in seiner aktuellen SpOn-Kolumne darlegt.

Bonusmaterial: wie man seinen Mitbewohner mit Hilfe von Targeted Facebook Ads in die Paranoia treibt.

äußerst präsentabel

Vor ein paar Wochen machte die Meldung die Runde, Slideshare lasse sich nicht datenschutzkonform in deutsche Websites einbinden. Wo doch jeder weiß, daß Speaker Deck die schönere Alternative ist.

Aber bevor man eine Präsentation erst einmal (öffentlich) präsentieren kann, muß man sie wohl erst erstellen. Und da fängt das Übel schon an. Zu PowerPoint sage ich wegen meiner Microsoft-Allergie mal nichts. Apples Keynote nervt (die Kollegen) mit seinem Update-Wahnsinn. Und ich persönlich halte beide Programme für viel zu aufgeblasen. Man nutzt ja doch nur einen Bruchteil ihrer Funktionen.

Also schaue ich mich ab und an um, was andere Anbieter so können. Ganz angetan bin ich von slid.es/ hier. Das sieht in eine Website eingebunden immer noch schick aus. Bin mal gespannt, wie das nach dem Veröffentlichen dieses Posts in der Mobile-Version rüberkommt.

Mit dem Klassiker Google Docs lassen sich natürlich auch Präsentationen erstellen. Das sieht nicht mehr ganz so schlimm aus wie vor einigen Jahren und ist vor allem toll, wenn man mit mehreren an ein und derselben Datei arbeiten möchte.

Familienduellet’s dance mit Werner Schulze-Erdel – aber nicht auf RTL, sondern beim französischen Startup bunkr.me/. Ebenfalls browserbasiert, kann man machen.

presentate.com/ verspricht “HTML5 presentation software that works everywhere”. Ist allerdings noch in “early alpha pre-launch mode”, man kann sich aber auf eine Mailingliste eintragen.

Zum Schluß noch eine Software/App: Wer Lust hat, 18 Tacken für ein Tool auszugeben, das schicke Slides aus Markdown-Dateien bastelt, dem sei decksetapp.com/ empfohlen. Mir ist das – trotz der ungemeinen Praktikabilität – zuviel Schotter. Denn so oft baue ich beruflich jetzt auch keine Präsen. Wer sich das mal näher anschauen will, für den gibt es unten auf der Seite eine Testversion zum Download. Man sollte allerdings wirklich was mit Markdown anfangen können. Das wiederum ist auch jenseits von Präsentationsbastelei nicht verkehrt.

Andere Vorschläge?

Niveau, weshalb, warum

Weil es ja heute losgeht: Vorab der Hinweis auf diesen leider auch nach zwei Jahren nichts von seiner traurigen Wahrheit eingebüßt habenden Text auf sueddeutsche.de/ zum Thema Party-Patriotismus. Und hier quasi als Einstieg der nahtlose Übergang zum Blogpost der vorletzten Woche.

Zusatz: Die Paninibilderlandschaft mit Ken-Burns-Effekt ist verschwunden. Weil Copybrechreiz?

Besser als (der Vollständigkeit halber) dies und das – oder jener Kommentar. Wobei natürlich auch ein kostenlos zum Download rausgehauener Anti-WM-Song als Marketinginstrument ausgespielt werden kann. Vielleicht gerade deshalb, weil der @Spex aufgefallen ist, welche Vorlage vermutlich als Inspirationsquelle zu obigem Video gedient hat. Damit wären wir beim eigentlichen Thema.

Werbeblock, zweisprachig

Sich woanders Anregungen holen, und sie dann an seine eigenen Zwecke anzupassen – kann man machen. Habe ich schon einmal irgendwo gesagt, geschrieben, fallen gelassen: Es gibt einen Unterschied zwischen echter Kreativität und der oft bemühten Kreativwirtschaft. Ideen hat jeder. Werber/Agenturen werden dafür bezahlt, ausgestaltete Ideen am Fließband liefern zu können, jeweils gemünzt auf die Kommunikationsbedürfnisse der Kunden. Das muss, kann nicht immer überoriginell sein. Und das ist nicht so schlecht – zumindest gibt es Schlimmeres.

Werte Nachfahren David Ogilvys (Tip Nr. 6): ein ehrliches “Fuck Off” durch ein – soweit ich das erkennen kann – “Bla Bla” zu ersetzen und das Ganze dann ohne Quellenangabe als Eigenleistung auszugeben, dürfte wohl als negative Schöpfungshöhe anzusehen sein. Eine Wortspielchen mit Cannes erspare ich mir an dieser Stelle.

Lieber nun zurück zum Sport: Wie scheißecool kann St. Vincent sein? // Highfive für Fred, mit der Bitte um Beachtung seiner Linktipps am Textende. // Apropos WM-Tipp. // So. // Oder so.

Vollzeitpenis

Waren das noch Zeiten, als man sich am Telephon hat verleugnen lassen. “Der Herr Direktor ist gerade in einer Besprechung. Kann ich etwas ausrichten?” Heutzutage ruft niemand mehr an, kann Mann die Sekretärin zumindest bis rauf zum mittleren Management gleich einsparen. Gibt sich volksnah, sogar Chefs beantworten ihre Mails selbst, kurze Wege und flache Hierarchien und so.

Die Medienwelt ist davon natürlich ganz besonders betroffen, wenn sich der Primat der Contentproduktion von analog zu digital verschiebt. Die Anforderungen gerade an Schreiber ändern sich damit radikal. Exemplarisch zu sehen an der gestern rumgegangenen Stellenausschreibung für den Germany Editor at BuzzFeed in Berlin. Zu dessen Aufgaben sollen sowohl Write, edit, and produce original posts for BuzzFeed.com focused on German news and culture als auch Post BuzzFeed content to various social media sites gehören. Wie die Gewichtung dabei liegt, wird klar, wenn man sich die vollständige Liste der Vorraussetzungen für den Job anschaut:

  • 2-3 years experience writing or editing for a large website or other publication
  • Proven ability to make widely shared posts
  • Experience using social media in a professional capacity
  • Thorough understanding of the social web, web copyright issues, and web research
  • Familiarity with standard photo-editing tools (PhotoShop or the like)
  • Established social media presence

  • Das gefällt nicht jedem. Aus irgendeinem, wenn auch guten Grund, fühlen sich selbst festangestellte Journalisten dazu verpflichtet, es in Zeiten des Internets ihren freiberuflichen Kollegen gleichzutun und beständig Eigenwerbung für die eigenen Ergüsse durch die einschlägigen Netzwerke zu blasen.

    Die oft erwartete, manchmal erzwungene Identifikation mit den Erzeugnissen des Arbeitgebers ist eine Sache. (“Wie, Du likest weder Deine Agentur, noch deren Kunden?”) Ich für meinen Teil mache sehr gerne Werbung, aber nicht Werbung für Werbung. Die andere das Problem vieler Netztexter, nicht mehr für die Leser zu schreiben, sondern für Suchmaschinen und Klickzahlen. Wobei da ja ständig eine neue Sau durchs digitale Dorf getrieben wird, was aber nichts an der Grundproblematik ändert.

    gal_amen

    Wie fließend die Grenzen allerdings auch im Print sein können, zeigt ein Artikel, eine Werbung, ein Fragezeichen in der aktuellen Gala Men (Ausgabe 1/14, S. 75). Der Beitrag ist nicht als Anzeige gekennzeichnet, unter der Überschrift “Selbsttest” darf ein Redakteur dort in den höchsten Tönen von “Duftreisen ins Reich Christian Diors” schwärmen, inklusive Kontaktdaten zur Terminvereinbarung. Seinem Profil auf linkedin.com/ nach zeigt das den Beitrag illustrierende Schnupperbildchen tatsächlich den auch im Impressum als Mitarbeiter Vollzeitpenisaufgeführten Sebastian Stein. Über den ist im Netz wiederum überraschend wenig zu finden, ein paar Artikel auf gala.de/ bilden da schon die Ausnahme.

    “XY changed their ROFL picture.”

    Einschub // Scheinbar werden Cover jetzt schon so designt, daß sie im quadratformatigen Profilbild gut rüberkommen. Da gesellt sich Gala Men zu einem Zeitschriftenhaufen von Spex bis Nido. Wahrscheinlich nur noch ein Frage der Zeit, bis sich die Kioskauslagen den modernen Gegebenheiten anpassen.

    Aber zurück zum Thema: Sich selbst zur Marke machen, personal brand strategy. Sascha Lobo hat völlig richtig das Zeitalter der Selfieness ausgerufen. Aber darüber, wie man zwischen Onlinekolaborationen, Mailverkehr und Sozialmediengedöns, zwischen ständiger Erreichbarkeit und flexibilisierten Beschäftigungsverhältnissen die private und berufliche Netznutzung unter einen Hut bringt, darüber verliert er kein Wort. Wahrscheinlich, weil das jeder für sich selbst herausfinden muß.

    P.S.: Das berühmte Oscar-Selfie ist übrigens Product Placement von Samsung gewesen.