smart Klon

Da Instagram gerade seine API umgestellt hat bzw. sie Werbepartnern gegenüber geöffnet hat, damit die ihre Botschaft nun automatisiert schalten können (wie bei Google, Facebook und Twitter Ads schon lange bis länger üblich), kann man sich die weltliebste Photo-Plattform mal genauer ansehen. Für das eher klassische Online-Marketing ist das sicher ein großer Schritt; interessanter ist aber sich, was die Kreativabteilungen so an Abseitigem, Überraschendem und Originellen haben einfallen lassen. Und da geht in letzter Zeit noch mehr.

Angefangen mit OLD SPICE. Wieden + Kennedy hat der Marke eine Art Point’n’click-Adventure gebastelt, hier der Einstieg vom Mutter-Account aus. Viel Spaß!

Das Ganze geht noch ein paar Ecken avancierter, wie das Suchspiel anläßlich der zweiten Staffel von Rick & Morty zeigt. Wobei das Rickstaverse am Smartphone noch ein bißchen besser funktioniert. Auch hier wurde sich die Möglichkeit zunutze gemacht, andere auf seinen Bildern zu taggen, die bislang einzige wirkliche Verlinkungsmöglichkeit bei Instagram. Die fröhliche Jagd von Account zu Account sollte man sich definitiv anschauen.

Oder – wie Forever21 – gleich auf die ganz große Rolle packen. Oskar Valdre bringt die Theorie dahinter in Teil 2 von DDB Influences #6 ziemlich gut auf den Punkt.

Instead of trying to unearth those universal insights, we’re seeing marketers and agencies working with fringe insights that lead to more nuanced, niche creative ideas.

Zum Thema Content Marketing ist die Tage auch längerer Text auf faz.net/ erschienen, der die Sache mal anhand der beispiellosen Ausnahme RED BULL erzählt. Fazit: Wenn das alle so machen würden, dann kämen wir im Krieg um Aufmerksamkeit sehr schnell zum Overkill.

Kinder gehen immer

Das halbe Internet scheint sich derzeit über den neuen Imagefilm von sanifair lustig zu machen. Wobei wiederum noch nicht einmal 50 % davon keine bessere Headline als “Griff ins Klo” hinbekommen. Einfach abgeschrieben oder selbst keine originellere Idee gehabt?

Man könnte thematisieren, wer hier Mist gebaut hat: das briefende Unternehmen oder die umsetzende Agentur. Nur interessieren die Produktionsumstände niemanden, nicht für einen schnellen Lacher im Netz. Es wird ja noch nicht einmal darauf eingegangen, an wen sich das Video richtet. Mit seinen zweieinhalb Minuten ist es nämlich gar nicht mal so schnell. Es ist gar nicht für Endverbraucher gedacht, sondern zielt darauf “das System zu erklären und Businesspartner zu gewinnen”, wie auf der Website von PIE FIVE zu lesen ist.

Ja, keine Frage, der Film ist in der Darstellung ein bißchen drüber. Aber er bleibt immerhin bei den Fakten, auch wenn diese natürlich geschönt dargestellt werden. Hallo, das ist schließlich Werbung! Selbstverständlich wird das Bahnhofsklo geputzt, bevor die Kamera aufnimmt.

Schlimmer geht immer

Wie, das zeigen airbnb und TBWA/Chiat im neuen Imagefilm für den Hotelherausvorderer, das Schreckgespenst der Gentrifizierung. Und das allerschlimmste, es fällt einem auf den ersten Blick gar nicht auf. Weil der Film gut gemacht ist, was wiederum einiges über unsere Wahrnehmungsgewohnheiten von Werbung aussagt. Bzw. über unsere Ignorierungs- und Verdrängungswünsche hinsichtlich derselben.

Doch vielleicht interpretiere ich als beruflich Involvierter (allerdings in keines der hier erwähnten Projekte) auch nur zuviel hinein. Ich selbst habe airbnb mehrmals benutzt und würde es wieder tun. Weil ich Geld spare, verzichte ich auf Service. Aber bestimmt nicht aufgrund einer Philosophie. Der Film ist ein – minus dem Pathos, den Hochglanzbildern – ein plumper Versuch, einem Millionenbusiness eine persönliche Note zu verleihen.

neuburgbraunbier

No Bollocks

Der Copyranter Mark Duffy erklärt auf digiday.com/, warum die ganz große Idee alles andere als tot ist. Und zwar anhand der Werbekampagne von Newcastle Brown Ale.

And this Big Idea is working for two reasons: it’s entertaining as hell and just as important, it feels true to the brand. Many brands, even other beer brands, have tried this “authentic” approach. But right now, nobody is doing it better than Newcastle.

Nun kann man über Authentizität endlos diskutieren. Zwei Dinge dazu, die nicht unbedingt direkt etwas mit Werbung im engeren Sinne zu tun haben:

1. Dogma 95
Prima, daß man vow of chasity auch mit Reinheitsgebot übersetzen kann. Vor mittlerweile 20 Jahren haben sich Lars von Trier und ein paar andere Regisseure 10 Regeln gegeben, die dem Kino/Film seine Ursprunglichkeit zurückgeben sollten. Nur hatten sich in der Zwischenzeit die Sehgewohnheiten fundamental gewandelt: der Verzicht auf jegliche Special Effects wurde nicht als Unmittelbarkeit wahrgenommen, sondern einfach als störend.

2. Selbstreferentialität
So platt hatte McLuhan sich das mit “the medium is the message” sicher nicht vorgestellt. Wenn sonst nichts auf Facebook geht, was geht dann immer? Richtig, Zuckerberg ändert die AGBs. Auch nach neun Jahren kann man auf Twitter noch auf Resonanz hoffen, falls man höhnisch das Zwitscherbashing eines Unwissenden verlinkt oder auch nur die Begrenzung auf 140 Zeichen thematisiert. Und wenn ein neuer Dienst wie Ello das Licht der Weltschirme erblickt, dann werden dort erst einmal ausführlich Features besprochen, bevor an weiteren Content auch nur zu denken ist.

Einen Witz auf Kosten von Leuten machen, die den Spot ohne Ton sehen. Das gezeigte Bildmaterial für die eigene Punchline nutzen. Die Tatsache, daß Newcastle die geschalteten Medien zum Thema der Werbung selbst macht (nicht nur im TV, auch online/social), ist sicherlich ein Grund dafür, warum die Kampagne gerade bei bei multiplikanotorischen Kreativwirtschaftlern so beliebt ist. Aber sie ist sicher mehr als nur ein Insidergag.

Ich würde das auch nicht als Anti-Reklame bezeichnen. Warum auch? Weil die einzelnen Werbemaßnahmen den Konsumenten explizit darauf hinweisen, daß es sich bei ihnen um bezahlte Verbraucherhinweise handelt? »No Bollocks« ist eben echt ehrlich – oder tut zumindest besser als jede andere Marke so. Und ist damit zehnmal sympathischer und glaubwürdiger als jede Masche Mechanik à la “Unsere Werbung ist so billig, weil wir das Geld lieber in unsere Produkte/Services/whatever stecken.”

ein paar Zahlen

Die gute Nachricht: die alte Fanta-Flasche kommt zurück. Der Limo-Klassiker wird anläßlich seines Geburtstags neu aufgelegt. (buzzfeed.com/ meldet: Das Video ist offline.)

Die schlechte Nachricht: wie diese Meldung verpackt worden ist. “Vor 75 Jahren waren die Rohstoffe knapp”, behauptet das Video. Ein Ersatz musste her. Daß zu dieser Zeit bekanntlich Hitler bzw. Weltkrieg herrschte, wird in den Spot natürlich nicht erwähnt. Okay, geschenkt – ist ja Werbung.

Aber dann sagt der Sprecher doch tatsächlich, zur Feier der “Geburtsstunde” dieser “deutschen Ikone” bringe die Neuauflage “das Gefühl der guten, alten Zeit zurück”. Ähm, wie bitte? Und der Abbinder lautet dann wirklich: “Die neue Fanta Klassik – gut wie früher, nur heute.” Ich musste zweimal hinhören, denn beim ersten Mal hatte ich noch “Führer war alles besser” verstanden.

Update // Coca Cola Deutschland hat eine Pressemitteilung herausgegeben. Mißverständnis blabla, der Film werde überarbeitet.

Unschöne Geschichte

Diese Geschichtsvergessenheit färbt sogar auf den Mutterkonzern ab. Denn eigentlich fand ich den Spot zum 100. jährigen Jubiläum der Coke-Flasche gut. Daß er musikalisch ausgerechnet von Nenas Anti-Kriegssong untermalt wird, stößt mir jetzt unangenehm auf.

Na dann: Prost!