innere Schweinewunde

Wenn Läden meinen, ihre Waren besonders pfiffig anpreisen zu müssen, dann bestelle ich die auch genau so. Bei Ditsch ordere ich keine Brezel, sondern »Ihren Klassiker«. Statt eines Kaffees zum Mitnehmen beauftrage ich die meist peinlich berührte Thekenkraft damit, mir einen »mobilen Muntermacher« einzuschenken.

Das tue ich meist erkennbar ironisch, weil es mir nicht gelingen will, eine solche Bestellung im allerernstesten Tonfall vorzubringen. Mißlingt der Versuch, sehe ich mich zum Hinterherschub eines übertriebhaft künstlichen Lachens gezwungen; das ist ja noch schlimmer.

Hier könnte Ihre Werbung stehen!

Bei all meiner diesbezüglichen Arschlochhaftigkeit – was kann schließlich die 400€-Aushilfe für die Verfehlungen der Marketingabteilung irgendeines Franchiseriesen – bilde ich mir ein, so ein wenig systematische Auswüchse an der Wurzel anzuprangern. Und ein Stück weit Selbstkritik zu üben; ich arbeite schließlich in der Werbung.

Mr. Anderson

Kleiner Servicepost für die Leser des fünften Heftes von »Pop. Kultur und Kritik«. Falls Sie dort auf den Seiten 52-56 den Artikel Werbe-Stil von Dietmar Kammerer gelesen haben, dann finden Sie untenstehend sämtliche TV-Commercials, auf die sich der Text bezieht.

Sollten Sie diesen Artikel nicht gelesen haben, können Sie sich die in der Mehrzahl recht unterhaltsamen Werbespots des Regisseurs Wes Anderson selbstverständlich trotzdem anschauen.

Ich habe keine Ahnung, ob die Spots chronologisch geordnet sind oder sonst einer systematischen Anordnung folgen. Ich habe sie hier einfach so aufgereiht, wie sie im Text vorkommen.

Und bitte, die mangelnde Qualität einiger der Clips zu entschuldigen. Ich habe sie wirklich nur eben hektisch in der Mittagspause zusammengegooglet. (Falls jemand bessere Exemplare findet: gerne als Hinweislink in den Kommentaren.)

Was soll ich zu Kammerers Artikel schreiben, wenn selbiger nicht zur Lektüre online steht? Er bedient sich für theoretische Überlegungen zum Thema Werbung einzig bei Roland Barthes.

Nur eine kurze Anmerkung: Ob man als Auftragsarbeiter ohne erkennbar eigene Handschrift wirklich schlechter im Werbegeschäft ist, möchte ich zumindest bezweifeln.

Der Spot mit Robert De Niro ist immerhin von Martin Scorsese inszeniert worden. Die Credits für den mit Kate Winslet finden sich hier. Beide können kaum mit Andersons Werk mithalten.

Ich habe die TVCs auch in einer Playlist zusammengefasst, damit man sie sich am Stück ansehen kann. Darin enthalten sind allerdings nicht diese Zugaben:
Wes Anderson’s Stop-Motion Sony Xperia™ TV Ad – “Made of Imagination” – YouTube
Wes Anderson: SoftBank Commercial with Brad Pitt – YouTube
Wes Anderson and Roman Coppola’s Stella Artois Commercial – YouTube
American Express M. Night Shyamalan (My Life, My Card) – YouTube
American Express – My Life. My Card. Ken Watanabe – YouTube

Rotlicht



Bei der Spielerei oben im Video mußte ich gleich an die Ampel Ubrierring, Ecke Mainzer Straße denken. Als ich das nächste Mal dort vorbeiging, war deren Lichtmodifikation allerdings bereits wieder entfernt worden. Aber zumindest von der beherzten Rotphase habe ich auf koelle-live.de/ noch ein Photo gefunden. Gelb- und Grünleuchten sahen ebenfalls anders aus. Sprechblase und/oder…? Ich kann mich leider nicht mehr erinnern.

hairy

RSS is dead

Nicht, daß RSS je Mainstream gewesen wäre. Aber seit Google seinen Reader vor über einem Jahr ins Software-Jenseits befördert hat, 1 sind zwar einige Alternativen aufgeploppt, von einem RSS-Revival sind wir allerdings weiter entfernt denn je. Auch ich kann an mir selbst beobachten, wie sich das Leseverhalten immer mehr in Richtung Instapaper verschiebt. (Was übrigens nicht besser wird, wenn Reeder nicht mal bald die App wieder fixt.)

hunter

Aktuell sichtbares Zeichen dafür, daß noch nicht einmal die Möglichkeit, Webseiten zu abonnieren, jemals beim gemeinen Netznutzer angekommen ist (und wohl auch niemals ankommen wird): Werbung von Otelo. Die Screenshots hier stammen aus den TV-Spots der Kampagne, aber zu sehen ist die Umwidmung des Symbols auch auf den OOH-Plakaten neben Günter Netzer.

pros

Denn seit wann steht dieses Icon für Netzqualität? In Zeiten käuflich erwerbbarer WLAN-Kabel ist zwar Vieles denkbar, aber eine Argumantation à la “Das versteht der Kunde nicht falsch” würde ich in diesem Fall ausschließen. Zumal man ein RSS-Angebot selbst auf der Unterseite Neuigkeiten der verantwortlichen Agentur vergeblich sucht.

judge

Aber die WPP-Tocher Geometry Global bezeichnet sich ja auch nur als “die international führende Brand Activation Agentur”. Mit anderen Worten: Sie haben haben von Technik keine Ahnung.

Erzähl mir nichts

David Berkowitz schlägt in seinem Artikel The Beginning of the End of Storytelling in dieselbe Kerbe wie Sagmeister oben im Video. Auf der einen Seite die Egozentrik und Selbstüberschätzung von Marken und ihrer Kommunikation. Auf der anderen Seite des Grabens Zielpersonengruppen, die in der Regel von Werbung genervt sind. Unter anderem deshalb, weil sie einem das Blaue vom Himmel verspricht.

One day, my wife and I were venting about a few insufferable people we know. They didn’t seem to take an interest in us or anyone but themselves. Exasperated, my wife lamented, “All they do is tell stories!”

Und das ist ja auch kein Wunder, wenn man sich etwa als Damenausstatter des Establishments in rebellischer Protestpose inszeniert. Ironie hin oder her – unrealistisch ist gar kein Ausdruck. (Click aufs Bild für die neueste Chanel-Kampagne.)

Die Modebranche – oder zumindest ein ganz bestimmtes ihrer Segmente – lebt ja quasi davon. Sie hat “was kümmert mich mein Geschwätz von gestern” zum Geschäftsmodell erhoben. So total authentische Castingmethoden hingegen sind da wohl eher in Berkowitz’ Sinn. Ich bin davon oft auch recht angetan, dem Publikum eine Plattform zu bieten. Könnte mehr als ein Trend sein.

As brands become more publisher-like, they’ll also need to incorporate a responsive philosophy that adapts to the user so that they can reach them at the right time, with the right messaging, and an understanding of cultural events.

Diese Empfehlung Amir Kassaeis allerdings liest sich wie eine weitere strategische Entschuldigung für windkanaloptimierte Beliebigkeit.

Wobei es ja echt immer noch schlimmer geht. Und dabei ist selbst der knietief in die Uniformhose gegangenste Kreativaspekt noch das kleinste Problem. Also vielleicht nicht der Branche, aber der Gesellschaft insgesamt, wie Sascha Lobo in seiner aktuellen SpOn-Kolumne darlegt.

Bonusmaterial: wie man seinen Mitbewohner mit Hilfe von Targeted Facebook Ads in die Paranoia treibt.