digital marketing quappsch & co.

Wenn ich InvestigativQualitäts… Techjournalist wäre, würde ich ja mal die zitierten App-Rezensionen auf den verschiedenen Länderseiten von WHERE TO? miteinander vergleichen. Beste:

I used this app on a 1200 mile car trip and it found all I needed using my thumb while driving (gas, food, tire repair). Great app! ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Das findet sich tatsächlich so auf der US-Website. Liest sich ja fast, als wäre im Land der unbegrenzten Möglichkeiten die Smartphonenutzung am Steuer erlaubt. Auf der deutschen Site findet es sich nicht. Die ist allerdings auch keine wörtliche Übersetzung: Während US von „an easy, fun new way“ spricht, heißt es auf D „intelligente, lokale Suche“. US sagt „no typing or map-reading skills required“, bei D wird „Reiseführer“ auf den letzten beiden Silben betont.

Eine wirklich beeindruckende Leistung! Selbst hier oben in Norwegen wird die letzte Pizzabude hinterm allerletzten Felsen gelistet! ⭐️⭐️⭐️⭐️⭐️

Spezifische Ansprachen hin oder her – für eine Nachspürreportage durch die 130 deutschsprachigen App-Rezis fehlt mir die Zeit zum Gegencheck, ob das nicht doch eine Hinübersetzung aus dem Norwegischen ist.

(Wohin? Triff mich morgen http://dmexco.de.)

Theorie & Bakschisch

Die GRAZIA 36/16 aufgeschlagen, im Editorial kündigt Frau Landgrebe an:
„Gut gepolstert und diskussionswürdig war diese Woche auch ein anderes Thema: Als wir uns in der Redaktionskonferenz die provokanten Lingerie-Bilder von Lena Dunham (ganz ohne Photoshop-Perfektion, aber mit umso mehr Speckrollen) anschauten, wurde heftig darüber diskutiert. Unsere Dessous-Debatte lesen Sie auf Seite 26.“

Dort finden sich dann unter folgender Überschrift ein Pro- und ein Contra-Textchen.

mitnahmeeffekt

Wobei JA von einer Volontärin und NEIN von einer Redakteurin geschrieben worden sind. JA spricht pflichtschuldig von „abweichend von der Hochglanznorm“, „Selbstermächtigung“ und „nicht als Objekt inszeniert“ – beeilt sich aber hinterherzuschieben, die unretuschierten Kampagnenmotive seien „keine Entmystifizierung des Victoria’s-Secret-Looks, der ja ebenfalls seine Berechtigung hat.“ Es handle sich nur um „ein alternatives Angebot vom authentisch-unglamourösen Ende des Werbespektrums“.

Werbung, genau. Das Thema hatte die Editorin at Large bei ihrem Teaser glatt unerwähnt gelassen. Beim NEIN kommt es dann selbstverständlich auf den Tisch. „Eskapismus gehört für viele eben einfach zur Mode und zur Werbung“, anders ließe sich keine „Begehrlichkeit erzeugen“. Unvorstellbar, stattdessen wird dem Lonely Label unterstellt, es wolle sich „mit vordergründiger Frauenpower schmücken, um seine Bekanntheit zu erhöhen“. Ein PR-Coup für die Marke auf Kosten der eigenen Produkte, der sich überdies einer „effekthascher“ischen Ästhetik des „Voyeurismus“ bediene.

Print vs. Online

Nun geht es mit eigentlich gar nicht um den Inhalt an sich. Wie jede Frauenzeitschrift dieses Segments wird auch die GRAZIA darauf bedacht sein, die eigenen Anzeigenkunden nicht zu verärgern, geschweige denn auf (vielleicht gar nicht so) dumme Gedanken zu bringen. Belegexemplarisch geschenkt. Was ich an der Sache erwähnenswert finde, ist die abweichende Aufbereitung des Dunham-Shootings auf der deutschen GRAZIA-Website.

Unter der hashtäglichen Headline „#nofilterneeded“ stehen plötzlich Sätze wie „Bisher war Unterwäsche-Werbung für alle Frauen mit normaler Figur eher deprimierend“ und das „wallende Haar sowie die ideale 90-60-90 Maße“ der Topmodels werden zur Zielscheibe leichten Spotts. Es fallen die ausrufezeichenunterstützten Ausdrücke „Respekt!“ und „We like!“ Der Artikel endet mit gleich drei eingebetteten Instagrams nach einem (gefetteten) „Schließlich ist Natürlichkeit Trumpf und sooo sexy.“

Da hat wohl jemand gedacht, auf gleich drei Hochzeiten tanzen zu können. Bzw. sich klassisch unternehmer- und konsumentenfreundlich zu geben, während beim digitalen Clicktivismbaiting die Enpowermentkarte gespielt wird. Oder einfach nur kein Bock auf einen möglichen Shitstorm gehabt.

Klare Conte

Der Qualitätsjournalismus scheint sich dieser Tage auf ein Feindbild eingeschossen zu haben: Content Marketing.

Ausgerechnet in einer Zeit, in der Zeitungsverlage versuchen, Bezahlmodelle für ihren Internet-Journalismus zu etablieren, fluten Unternehmen wie Coca-Cola den Markt mit ihrem kostenlosen Quasi-Journalismus.
Damit werde nicht nur den etablierten Verlagen auf fragwürdige Weise das Wasser abgegraben, sondern auch mittelfristig die öffentliche Meinungsbildung massiv verändert. Und das durch Unternehmen, die fast ausnahmslos und gebetsmühlenartig ihre gesellschaftliche Verantwortung betonen.

Auf noz.de prangert Hendrik Steinkuhl Unternehmen an, die „den Journalismus“ imitieren würden. Betonung auf den. Ich fürchte allerdings, daß Firmen mit dieser Verantwortung eher Arbeitsplätze und Ressourcenschonung meinen, anstatt die Subventionierung der laut Selbstverständnis 4. Macht im Staate.

Andere haben sich damit abgefunden, daß für Marken etwa RTL nicht anderes ist als dieser Dschungelschwachsinn zwischen den Werbeblöcken. Nervt irgendwie, aber sorgt halt dafür, daß die Werbespots gesehen werden gute Einschaltquoten haben. Stattdessen verargumentiert man bei Springer mit der Gestzeslage.

„Wenn wir was geschickt bekommen, schreiben wir meistens ’sponsored by‘ dazu“, sagt Galievsky, „außer, wenn Leonie zum Beispiel die Tasche so gut gefällt, dass sie sich die auch selbst gekauft hätte.“

So viel verdienen Mode-Blogger mit Schleichwerbung – DIE WELT | Als Werber von Beruf ist das hier aber mit Abstand mein Lieblingszitat aus dem Artikel:

Diese werblichen Inhalte mischen sie auf der Website und bei ihren Postings bei Facebook oder Instagram mit eigenen Inhalten. Aus Claudia Kahnts Sicht ist das kein Problem. „Wir stecken ja gerade in diese Texte jede Menge kreative Arbeit“, sagt sie.

Die Kennzeichnungspflicht für Anzeigen zu umgehen, ist eben auch Kreativwirtschaft.

aufbauschen

Wobei sich Blogger gerade beschweren, daß sie nur auf ihren Instagram-Feed reduziert werden. Dann doch lieber #bo1cottprada. Oder gleich tiefe Einblicke bei einem Interview mit Affiliate-Spammern auf Snapchat.

Du glaubst nicht, wie blöd die sind. Das ist das Erschreckende dabei. Die denken tatsächlich, wir wären Menschen. Dabei musst du dir das nur mal einen Tag ansehen, dann weißt du Bescheid. Wir jagen ein Tussi-Selfie raus, No-Nipple-Policy selbstverständlich und bekommen 20 Schwanzfotos zurück.

deckeln

OH: „…und dann sitze ich in der Bahn, guck vom Handy hoch und der Typ mir gegenüber trägt ein wie aus dieser Prisma-App gemustertes Shirt. Da musste ich ihn echt sofort noch höher angucken, um mich zu versichern, daß sein Gesicht ganz normal ist. Du erinnerst Dich doch noch an Prisma, oder? Das war für ein paar Tage der heiße Scheiß, bevor die Welt über Pokemon Go vollständig den Verstand verloren hat.“

Cool wäre es natürlich, wenn Adidas, Wein, Ikea und welche Marke sonst noch in diesem tendenziösen Kurzfilm über Handy-Sucht auftaucht, einfach trotz der Message dahinter für das Product Placement gezahlt hätten. Nicht so sehr, um zu zeigen, was sie alles für etwas Aufmerksamkeit bereit sind zu tun, sondern weil Werbung eben doch so funktioniert.

But don’t get too excited to wear a jacket made out of McQueen’s skin–the final collection will most likely be put on display in a gallery rather than being sold to consumers.

Alex für die Kunst. Aber kritisch!