Wortwahl

Die taz hat sich – meiner Meinung nach recht ausweichend – zum Vorwurf (Jüdische Allgemeine) geäußert, sie hätte in ihrer Berichterstattung zum Polizeieinsatz während der Kölner Silvesternacht nationalsozozialistisches Vokabular gebraucht. Der „Kommentar“ Vom Sagen und Meinen beginnt mit der Feststellung, daß – im Gegensatz zu den Journalisten vieler anderer Zeitungen – der taz-Korrespondent vor Ort in Köln gewesen ist. Man lobt sich also erst einmal selbst und impliziert dabei, die Kritiker seien in der Mehrzahl feige Sesselpupser.

Erst danach gesteht taz-Redakteur Ulrich Gutmair („1995 mit einer Kolumne übers Internet angefangen. Heute für die Berlinkultur verantwortlich.“) ein:

„Wuliger hat recht, an diesem Vokabular Anstoß zu nehmen. ‚Sonderbehandlung‘ war das Codewort der SS für die Ermordung der europäischen Juden. ‚Selektion‘ ist vielleicht kein ‚offizieller‘ NS-Terminus gewesen (Germanisten und Historiker streiten darüber), aber seit den sechziger Jahren der gängige Begriff, um zu beschreiben, was SS-Männer an der Rampe von Auschwitz taten, wenn sie Menschen aussortierten: Die einen wurden in die Gaskammer geschickt, die anderen der ‚Vernichtung durch Arbeit‘ zugewiesen. Es ist nicht angebracht, mit solchen Begriffen den Polizeieinsatz in Köln zu beschreiben.“

Nur dieses Eingeständnis, kein Wort der Entschuldigung. Stattdessen eine Relativierung mittels dem Verweis auf wissenschaftliche Strittigkeiten. Und die folgende Formulierung „belässt es aber nicht bei einer Kritik der Wortwahl“ spricht Bände, soll sich doch der Leser seinen Teil denken.

Wie kamen diese Begriffe in Herwartz‘ Texte?

Die konkreten Rechtfertigungen könnten kleinlicher nicht sein: „‚Sonderbehandlung‘ wurde dem Korrespondenten von einer Redakteurin in seinen Kommentar hineinredigiert.“ Daß sie sich der historischen Bedeutung des Begriffs nicht bewußt gewesen ist – geschenkt. Die Erklärung (nicht: Entschuldigung), sie sei damit nicht allein, ist wirklich schwach. Aber es kommt noch schwächer: Richtig, es folgt tatsächlich das albernste aller Argumente – die anderen machen das doch auch so. Und die taz entblödet sich auch nicht, neben 400.000 Google-Treffern als „Beweis“ eine „Sonderbehandlung“-Headline aus der Welt (ja, der) herbeizuzitieren.

Scheinbar hat man sich hier so dermaßen in seine UnanTAZbarkeit hineingesteigert, daß die unterschiedlichen Themenfelder nicht weiter ins Gewicht fallen. Eine „Sonderbehandlung“ beim Fußball ist eben doch was anderes als Auschwitzrampenvokabular in einem Artikel über Bahnhof und eingekesselte Fremdländer. Und als sei das der Verblendung noch nicht genug, werden weiter noch heute gängige Begriffe aufgeführt, die im Dritten Reich auch mal eine Rolle gespielt haben – je unverdächtiger, desto besser: „schlagartig“, „im Endeffekt“, wohl auch „Einkesselung“. Alles Nazis.

Und dann noch der Holocaust-Overkill. Außerdem mein Lieblingshinweis, die Kölner Polizei selbst hätte angefangen; also mit der Verwendung des Wortes „Selektieren“. Das macht Euren Fehltritt doch nur noch schlimmer, taz! Aber Hauptsache bei allen anderen ist Gleichsetzung schlimm, Euch kann das ja mal passieren. Kein Grund, sich zu entschuldigen.

Jetzt habe ich mich ganz schön Rage geschrieben. Obwohl das doch eigentlich nur ein kurzer Vorlauf für mein eigentliches Anliegen werden sollte. Keine Woche vor dem obigen Artikel ist auf taz.de nämlich ein Text mit der Überschrift Sexistische Artikelbezeichnungen: Peeeeeeniiiiiiis! erschienen. Ein Tage davor in der Printausgabe ist man übrigens noch clicksheischende Headline ausgekommen.

Ich besitze kein Kleidungsstück der Marke Naketano und ich finde die Produktnamen in der überwiegenden Mehrzahl auch total daneben. Sind „Supapimmel“ und „Glitzermuschi“ nur pubertär albern, hört der Spaß bei Bezeichnungen wie „Versehentlich reingesteckt“ oder „Spreiz mal mit Gemütlichkeit“ definitiv auf.

Ja, da schwingt die Rape Culture mindestens mit.

Das ist im Einzelfall auch sicherlich mehr als kritikwürdig, keine Frage. Der Artikel allerdings ist von einem rigorosen Furor getrieben, der vom Kleinsten kommend gleich das ganz große Faß aufmacht: „die neue Uniform für den Kampf gegen das Gender-Mainstreaming“, „Dunstkreis der Identitären“, „ideologische Anknüpfungspunkte zu Neu-Rechten und Maskulinisten“. Drunter geht für Aufspieler als moralische Instanz nicht.

Für den nächsten Punkt erinnern wir uns an oben besprochenen Rausrede-Artikel: Denn auf einmal ist die „gesellschaftliche Verfasstheit“ doch ein Problem. Was die taz bei Nazijargonvorwürfen gegen sie selbst als Rechtfertigung anführt, das wird im Falle dieser Sexismusskandalisierung als Selbstentlarvung interpretiert. Sobald man sie nicht mehr dazu benutzen kann, eigene Fehler kleinzureden, kann sie anderen auf kategorischste Weise angekreidet werden. Als gäbe es nur Schwarzbraun und Weiß statt unterschiedlichster Grautöne.

Aber damit ist das Ende der Reichskriegsfahnenstange noch nicht erreicht. Es geht noch eine Nummer größenwahnsinniger:

Kapitalismus eben. Kapitalakkumulation, Wertsteigerung und Profit. Was Betroffene sexualisierter Gewalt dabei fühlen, denken und dazu zu sagen haben, interessiert nicht.

Und zu guter Letzt könnte man in das Artikelende auch noch Trotz hineinlesen. Als wäre die wortwählerische Totaltonalität des Textes fehlender Kommunikationsbereitschaft seitens des Klamottenherstellers geschuldet.

Traue nie einem Gebrauchtwagenhändler, der mit der Bahn zur Arbeit pendelt.

So wie viele Leute ja auch gerne sagen:

„China-Restaurants können nicht schlecht sein, wenn Asiaten dort essen.“

Weil es nicht einfach die Großfamilie des Betreibers sein kann, die sämtliche Tische im hinteren Viertel des Lokals belegt. Oder weil für die meisten Asiaten eine unter Analogkäse begrabene Pizzascheibe von vornherein keine Option, ihre Auswahl somit ohnehin eingeschränkter ist. Zum Beispiel weil gar nicht mal so wenige von ihnen als Muslime selbstverständlich kein Schweinefleisch essen.

Aber was will man machen, für uns sehen die Schlitzaugen von Indonesien bis zur Mongolei eben alle gleich aus, ne?

wittern

Erst beim Heraustreten aus der Haustür bemerken, daß es die Nacht über geschneit hat. Erster Gedanke beim Zeitlupenstapfen über den rutschigen Bürgersteig: In dem Tempo verpasse ich bestimmt die Straßenbahn. Zweiter Gedanke: Als ob die Bahn selbst bei dieser geringen Schneemenge pünktlich kommt!

Der Haltestellenticker spricht von witterungsbedingt möglichen Verzögerungen im Betriebsablauf.

*gesendet aus einer überheizten Linie 16

das wohl des piepens

Nun gut, im Moskauernden Exil hat man ja wahrscheinlich sonst nicht viel zu tun, da kann man auch mal an Twitters PR-Event zum Pushen seier irgendwie auch einschlafenden Live-Video-Broadcasting-App teilnehmen.
Twitter’s Jack Dorsey will interview Edward Snowden Tuesday morning on Periscope – Recode

Immerhin hat der Twitter CEO sich nicht zum ersten Mal auf die gute Seite geschlagen. Auch wenn ihm viele sein Eintreten für Meinungsfreiheit als „defending harrasment“ auslegen. Dafür scheint er bei Trumps Techgipfel nicht mit dabeizusein.
As Trumplethinskin lets down his hair for tech, shame on Silicon Valley for climbing the Tower in silence – Recode