Wellenlänge

Auf die Minute genau datiert vom 03. August 2016, 17:03 Uhr veröffentlichte der Wiener Standard einen Artikel Elfriede Jelineks mit dem Titel Verhaftete Autoren in der Türkei: Die Wellen. Einen Tag später ist der Text auch werbefrei auf der Website der österreichischen Literaturnobelpreisträgerin zu lesen.

Um den eigentlichen Inhalt soll es hier gar nicht gehen. Eher um die begleitenden Umstände, Abläufe, Ungewissheiten. Denn an gleich drei Stellen weist die Dramatikerin auf die ereignishaften Überholmöglichkeiten durch beschleunigte Kommunikation hin. Große Mehrspurigkeit, Austausch in Echtzeit:

  • »Vielleicht hat sich auch das inzwischen geändert, ich hoffe es.«
  • »Und ich fordere hier ausdrücklich die Freilassung (vielleicht ist sie ja schon passiert, was weiß ich, die Wellen kommen ja und gehen, manchmal schneller, als man schauen kann) von zwei alten Männern.«
  • »Da ich nichts höre, (vielleicht höre ich aber doch noch was, vielleicht morgen, trotzdem), muß halt ich etwas sagen.«

Das ist wie mit diesem Satz am Ende jedes Mahnungsschreibens, das sich der Inhalt dieses Briefes erledigt hat, sollte die geforderte Zahlung zwischen seiner Absendung und seines Erhalt geleistet worden sein.
Nur, daß die Situation in der Türkei weiterhin absolut akut ist.

Hier kommt auch von Seiten der Politik (nicht nur in Deutschland) zu wenig. Der Schriftstellerverband PEN International hingegen hat sich sehr wohl geäußert – sogar zweifach. Und zwar laut Website-Datierung sowohl bereits am 29.07.16 als auch am 02.16.16, einen Tag vor Jelineks gewohnt wortspielerischer Anklage.

58. Minute

Endlich geht Payet vom Feld. Wenn Deschamps an demonstrativ anständiger Fairness gelegen wäre, hätte er ihn sofort nach Ronaldos Abtransport ausgewechselt. Am praktikabelsten wäre wohl gewesen, ihn einfach nach der Halbzeitpause in der Kabine zu lassen.

Den absoluten Topspieler direkt am Anfang vom Platz zu foulen und es dann zweimal mit Elfmeterschindung versuchen – da durfte es nicht sein, daß sie einen Sieg auch noch mit den Island geklauten „Huhs“ feierten.

Ich gönne Portugal seinen ersten EM-Titel sofort. Der unsympathische Trotz, mit dem die meisten der französischen Spieler ihre Medaillen für den 2. Platz entgegennehmen, hat das nur bestätigt.

Wahr was?

Die Artikel zum Thema Lügenpolitik häufen sich in letzter Zeit augenfällig. Eines der besten Beispiele dafür ist The Age of Facts Is Over aus dem New Yorker. Dessen Kernthese lautet:

Somewhere in the middle of the twentieth century, fundamentalism and postmodernism, the religious right and the academic left, met up: either the only truth is the truth of the divine or there is no truth; for both, empiricism is an error.

​Von hier aus werden einige bedenkenswerte Ableitungen getroffen. Allerdings auch einiges relativiert und damit vorschnellen Erklärungen (von Lösungen ganz zu schweigen) eine Absage erteilt. So heißt es weiter unten:

Blaming the Internet is shooting fish in a barrel — a barrel that is floating in the sea of history. It’s not that you don’t hit a fish; it’s that the issue is the ocean.

​Was Jacobsen nicht davon abhält, Lobos Bullshit-Kolumne von letzter Woche als Zeugen anzuführen. Dabei ist sein Artikel in der Zeit Populismus: Das Zeitalter der Fakten ist vorbei wenig mehr als Nacherzählung von Lepores Text für den New Yorker, angereichert mit einigen Brexit-Bezügen. Beim folgenden Zitat allerdings geht es um amerikanische TV-Duelle:

Diese Abstimmungsergebnisse, diese Meinungen also, wurden nach den Duellen selbst zur bestimmenden Nachricht. Wer die Umfragen gewonnen hatte, hatte das Duell gewonnen.

​Man denkt bei hitzköpfigen Echtzeitbeiträgen ja immer an Personen-Accounts, einzelne Stimmen aus der Masse, die es aus den Echokammern ihrer Filterblasen heraus plötzlich von einer großen Öffentlichkeit wahr-genommen werden. Hier aber sind es die Medien, der oft beschworene Qualitätsjournalismus selbst, deren/dessen Berichterstattung die falschen Prioritäten setzt. Da ist es meiner Meinung nach zu kurz gegriffen, die Verantwortung unbestimmt auf »das Netz« abschieben zu wollen, ohne seine eigene Rolle dabei hinreichend zu reflektieren.

Gute Analyse von @ConstSeibt, im Aufzeigen von Lösungen dann hoffnungslose Rationalromantik. https://t.co/qDPmUawTV2 pic.twitter.com/vdU42DrCOw

— -drik S. (@drikkes) June 30, 2016

Ich bin selbst Romantiker, insofern ist das beileibe nicht abwertend gemeint gewesen. Es beschreibt nur die Chancen, die ich einer solchen Lösung gebe. Seibt hat die Tage noch einmal im Schweizer Tagesanzeiger nachgelegt mit Ein neuer Typ Politiker, wo doch die Erkenntnis der »zwei Wirklichkeiten« die viel entscheidendere ist.

(Eigentlich müßte ich noch einen Text zum Wort »alternativlos« folgen lassen.)

Schmal & Rausch

Die Freunde von damals, alle wollten sie leben wie Bukowski. Wie »Der Mann mit der Ledertasche« von einem sinnlosen Job zum nächsten. Nur abhängen bei Musik, in Ruhe trinken können, ab und zu Frauengeschichten. Der von der Gesellschaft unverstandene, einsame Wolf. Nur eben ohne die ganze Schreiberei.